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Straßenverkehr : Der Segen einer intelligenten Maut

Nachts wird es billiger: Bei einem intelligenten Mautkonzept schwankt der Preis je nach Tageszeit Bild: YourPhotoToday/PM

Verkehrsminister Dobrindt will die Vignette in Deutschland zur Pflicht machen. Dabei gäbe es viel bessere Lösungen für eine Maut. Sie vermeiden Staus und schonen die Umwelt.

          Jetzt soll sie kommen, die große Pkw-Maut: Nicht nur für Autobahnen will Verkehrsminister Alexander Dobrindt die Vignette zur Pflicht machen – auch für Bundes- und Landesstraßen. Also für jedes Auto, das in Deutschland unterwegs ist. Das verbreitete Gefühl dabei ist: Außer der CSU in Bayern braucht diese Maut kein Mensch. Autofahrer können sich des Eindrucks nicht erwehren: Wenn der Staat erst einmal anfängt, fürs Autofahren Gebühren zu kassieren, wird er diese Einnahmequelle immer weiter ausbauen. Und das wird teuer.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dabei kann eine Maut, richtig konstruiert, viel Positives bewirken. Sie kann helfen, Staus zu vermeiden – und sogar die Umwelt schützen. Nur muss man sie ganz anders konstruieren, als Dobrindt das jetzt vorhat. „Was jetzt mit der Vignetten-Kleberei geplant ist, ist mittelalterlich“, sagt

          Michael Rodi, Jurist und Mautexperte an der Universität Greifswald. „Deutschland sollte die Chance nutzen, eine intelligente Pkw-Maut einzuführen“, meint auch Günter Knieps, Verkehrsökonom an der Universität Freiburg.

          Intelligente Maut kann helfen Staus zu reduzieren

          Das Modell einer „intelligenten Maut“ – das ist aus Sicht der Ökonomen vor allem der Versuch, für die Benutzung einer Straße den richtigen Preis zu verlangen. In einer Marktwirtschaft soll der Preis Angebot und Nachfrage regeln. Schon jetzt ist Autofahren zwar alles andere als gratis. Die Benutzung einer bestimmten Straße zu einer bestimmten Uhrzeit aber kostet nichts zusätzlich. Das hat zur Folge, das auf bestimmten Strecken – etwa zur Urlaubszeit oder im Berufsverkehr – alle fahren wollen. Und man so im Stau steckt. Das ist zeitraubend – und schädigt durch unnötige Abgase auch die Umwelt.

          „Eine intelligente Maut sollte sich an der Knappheit orientieren“, sagt Verkehrsökonom Knieps. „Es muss entfernungsabhängige Gebühren geben. Deren Höhe sollte davon abhängen, wie viele Autofahrer gerade eine Straße benutzen wollen.“ Anders als bei der Vignette zahlt man also nicht einmal einen hohen Betrag zum Beispiel für ein Jahr – sondern für jede Tour einen kleinen. Was eine Strecke kostet, hängt dann davon ab, wo sie lang führt: Eine vielbenutzte Autobahn ist teurer als eine Landstraße in der Provinz. Und die Gebühr kann auch noch im Verlauf des Jahres, der Woche und selbst des Tages schwanken: Im Berufsverkehr ist die gleiche Straße teurer als nachts.

          „Auf diese Weise hat die Maut nicht nur eine Finanzierungs-, sondern auch eine Lenkungsfunktion“, sagt Verkehrsökonom Knieps. „Eine auslastungsabhängige Maut hilft, die Zahl der Staus zu reduzieren.“ Ohne dass man dafür teure Neubauten braucht.

          Satellitengestütztes Mautsystem für Pkw

          Die technischen Voraussetzungen sind längst da: Bei der Maut für Lastwagen werden schon jetzt alle Bewegungen auf Autobahnen und einigen hochfrequentierten Bundesstraßen per Satellit erfasst. Je nach der Strecke, die ein Lastwagen gefahren ist, zahlt der Halter dann mehr oder weniger. Abgerechnet wird in 90 Prozent der Fälle automatisch – über ein elektronisches Gerät, das in die Fahrerkabine eingebaut wird. Es ermittelt mit Hilfe von GPS, wie viele Kilometer der Lastwagen gefahren ist, und schickt die Daten mittels Mobilfunk ans Rechenzentrum. Einmal im Monat bekommt der Spediteur die Rechnung, auf Wunsch mit Einzelnachweis wie beim Telefon.

          Das Problem liegt im Moment noch beim Endgerät, der sogenannten On-Board-Unit (OBU). „Die derzeitige Gerätegeneration sieht noch aus wie ein Autoradio“, sagt Martin Rickmann, Sprecher des Mautbetreibers Toll Collect. Sie kostet 150 Euro, die Toll Collect übernimmt, und muss in einer Autowerkstatt eingebaut werden, was der Spediteur bezahlt.

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