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Ein Wirtschaftsminister, eine Rede : Guttenberg macht den Erhard

Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am Montag in Fürth während der Verleihung des Ludwig-Erhard-Preises neben einer Erhard-Büste. Bild: dpa

Einen kräftigen Applaus gibt es ausgerechnet an der Stelle, an der Karl-Theodor zu Guttenberg „unbequeme Ehrlichkeit“ mit Blick auf Quelle verspricht - und das in Fürth, wo das Versandhaus fast 2000 Mitarbeiter beschäftigt. Der Wirtschaftsminister ist erst fünf Monate im Amt und schon zweitbeliebtester Politiker der Republik - nicht ohne Grund.

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          Einen überraschend kräftigen Applaus gibt es ausgerechnet an der Stelle, an der Karl-Theodor zu Guttenberg „unbequeme Ehrlichkeit“ mit Blick auf Quelle verspricht – und das in Fürth, wo das Versandhaus fast zweitausend Mitarbeiter beschäftigt. Es sei keine Bockigkeit gewesen, sagt Guttenberg, als er eine Bundesbürgschaft abgelehnt habe. Ihm gehe es um die Interessen der Steuerzahler. „Es erschreckt mich, wenn in der Politik der Eindruck entsteht, auf ein paar Millionen oder gar Milliarden mehr an Staatshilfe komme es jetzt auch nicht mehr an. Gerade in der Krise kommt es auf den vernünftigen Einsatz von jedem einzelnen Euro an“, ruft der Minister in die „Grüne Halle“ und erhält dafür langen Beifall.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          In Fürth, wo Ludwig Erhard 1897 geboren wurde, hat sich nach der Jahrtausendwende ein Initiativkreis gebildet, der das Andenken an den legendären ersten Wirtschaftsminister nach dem Krieg wachhalten will. Seit sechs Jahren verleiht der Verein um die Filmemacherin Evi Kurz regelmäßig einen Fürther Ludwig-Erhard-Preis an junge Wissenschaftler. Vor zwei Jahren hielt die Bundeskanzlerin die Festrede, nun fiel die Wahl auf Guttenberg, den mit 37 Jahren jüngsten Wirtschaftsminister der Bundesrepublik. Etwa 500 Menschen aus der Region, Vertreter von Wirtschaft, Politik und Universitäten, aber auch ein Mann der lokalen Arbeitsloseninitiative, sind gekommen, um ihn zu sehen und zu hören. Der fränkische Landadelige zu Guttenberg, erst fünf Monate im Amt und schon zweitbeliebtester Politiker der Republik, gewinnt im Handumdrehen die Sympathien des Publikums.

          Der Quelle-Gründer - ein Freund Erhards

          Der Niedergang des Quelle-Versandhauses, dessen Gründer Gustav Schickedanz mit Ludwig Erhard befreundet war, bedrückt die ganze Region. Doch Staatshilfe ohne Sicherheiten für den Steuerzahlen dürfe es nicht geben, findet die Mehrzahl der anwesenden Fürther. Pikant dabei ist: Madeleine Schickedanz, die Großaktionärin des insolventen Quelle-Mutterkonzerns Arcandor, gehört auch zu den Spendern des Fürther Erhard-Kreises. Bei der diesjährigen Preisverleihung ist sie aber nicht anwesend.

          Immer wieder kommt Guttenberg darauf zurück, dass klare Kriterien erfüllt sein müssen, wenn ein Unternehmen eine staatliche Bürgschaft oder Kredite beantrage. Voraussetzung sei ein „tragfähiges Geschäftsmodell“, sagt der Minister, der auch im Falle des angeschlagenen Autokonzerns Opel seine Skepsis nicht verhehlt hat und für eine Insolvenz plädierte. Dieses Instrument sei aber leider in Deutschland „stigmatisiert“, beklagt Guttenberg.

          Großkonzerne dürften nicht vor kleinen oder mittelständischen Betrieben bevorzugt werden. „Mir fehlt das Verständnis, wenn ein sogenannter Großer ohne Konzept zum Staat antanzt und dann der Staat tanzen soll und Steuergeld geben soll.“ Wenn er sorgfältig prüfe und auch nein sage, sei das nicht kaltherzig, sondern verantwortungsvoll. „Ein kaltes, zynisches Herz beweist der, der mit Blick auf den Wahltag falsche Hoffnungen weckt, die enttäuscht werden müssen.“ Dennoch spricht auch Guttenberg viel von Hoffnung.

          „Es wäre vermessen, wenn ich mich in die Nachfolge stellte“

          Deutschland brauche wieder mehr Gründergeist, mehr Mut zum Wettbewerb, zum Unternehmertum und zu technischen Innovationen. Guttenberg erinnert an die erste Eisenbahnstrecke auf deutschem Boden, die vor rund 175 Jahren von Nürnberg nach Fürth gebaut wurde. An der Erhard-Zeit bewundert er die Aufbruchstimmung, die heute fehle. Erhards marktwirtschaftliche Maximen seien nach wie vor aktuell. Versagt habe nicht die Soziale Marktwirtschaft, versagt hätten die, die ihre Grundprinzipien – das Wechselspiel von Freiheit und Verantwortung – verraten haben.

          Zu seinem großen Vorgänger im Wirtschaftsministerium hat Guttenberg ein eigenes Verhältnis gefunden. Er kokettiert mit Vergleichen, indem er sie von sich weist: „Es wäre vermessen, wenn ich mich in die Nachfolge stellte.“ In seinem Ministerium steht eine große Erhard-Büste. Guttenberg hat sie genau angeschaut: „Der Gesichtsausdruck ist eine Mischung aus mahnendem Blick, aufmunterndem Zwinkern und Verzweiflung, wohl weil seine Prinzipien so oft missachtet werden.“

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