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Wahlkampf der SPD : Ein Mann hat Angst

Will er weiterhin Züge reparieren, kann er das mit großer Wahrscheinlichkeit tun. Ein Dutzend Werke betreibt die DB-Fahrzeuginstandhaltung bundesweit, von Cottbus im Osten bis Krefeld im Westen, von Neumünster im Norden bis München im Süden. Ein Umzug ist gewiss mit Unannehmlichkeiten verbunden, aber von Hartz IV ist diese Perspektive noch weit entfernt. Und auch zum Umzug wird bei der Bahn niemand gezwungen.

Es gibt viele gute Gründe, sich den Erhalt des Werkes zu wünschen

Denn der Bahnwerker hat noch eine dritte Möglichkeit – oder besser: eine vierte, wenn man den Erhalt des Werks als Variante eins mitrechnet. Er kann einen anderen Posten in der Region annehmen. Dann tauscht er keine Radsätze an Zügen mehr aus, sondern er regelt zum Beispiel den Verkehr in einem Stellwerk oder kümmert sich um den Streckenunterhalt. Bereiche mit Personalmangel gibt es in dem Großkonzern genug, wie die Fahrgäste immer wieder leidvoll erfahren, wenn ein Stellwerk ausfällt oder Lokführer fehlen. Solche Umbesetzungen sind bei der Bahn längst Routine. Wenn beispielsweise ein Nahverkehrsnetz an die private Konkurrenz verlorengeht, werden die betroffenen Mitarbeiter ebenfalls über den Konzern verteilt.

Das Beste daran ist: All das bezahlt die Bahn selbst. Es gibt dafür sogar eine eigene Konzernsparte, DB Training genannt. Die Bahn finanziert die Umschulung, die bei anspruchsvollen Tätigkeiten wie im Stellwerk sehr aufwendig sein kann. Sie überweist dem Beschäftigten in dieser Zeit weiter sein Gehalt. Das alles macht sie ohne das „Arbeitslosengeld Q“, mit dem Schulz dem Bahnwerker aus Neumünster helfen will. Vor der Umschulung will ihn auch der SPD-Kandidat nicht bewahren. Er will nur, dass statt des Arbeitgebers künftig der Staat dafür zahlt – was bekanntlich nicht immer ein und dasselbe ist wie im besonderen Fall der Bahn.

Es gibt für unseren Bahnwerker viele gute Gründe, sich den Erhalt seines Werks zu wünschen und die Alternativen zu scheuen. Die realistische Gefahr, irgendwann Hartz IV zu beziehen, gehört allerdings nicht dazu. Noch immer zählt ein Job bei der Bahn zu den sichersten Arbeitsverhältnissen in der Republik. Das zeigt schon der Umstand, dass der Name von Schulz’ Kronzeugen in Neumünster so schwer ausfindig zu machen ist: Es gibt einfach zu viele über 50-Jährige, die seit der Lehre in dem Werk arbeiten. Ohne Job werden sie auch künftig nicht dastehen, selbst wenn sie den Kampf um ihr Werk verlieren sollten. Das sagt sogar der örtliche Betriebsratsvorsitzende, der wie kein anderer für den Erhalt wirbelt. Die Angst findet er aber verständlich. Schließlich sei nicht jeder mit den Jobgarantien aus dem Tarifvertrag vertraut. Das gilt offenbar auch für den SPD-Kanzlerkandidaten, dessen Besuch im Übrigen gut ankam.

Schulz könnte die Geschichte des Mannes mit der Angst auch ganz anders erzählen, als Erfolgsgeschichte des Sozialstaats. Da hat einer vor 36 Jahren etwas Ordentliches gelernt und ein Leben lang in einem einzigen Betrieb gute Arbeit gefunden. Sein Arbeitsplatz war immer sicher, selbst in Zeiten größter Arbeitslosigkeit. Jetzt drohen Umstrukturierungen, der Mann hat Angst, doch das betriebliche und tarifliche Netz wird ihn nicht fallenlassen. Das könnte Schulz dem Mann erklären, um ihm seine Angst zu nehmen. So könnte er die Geschichte auch erzählen. Dann wäre sie im Wahlkampf für ihn allerdings nicht mehr zu gebrauchen.

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