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Wahlkampf der SPD : Ein Mann hat Angst

Moderne Züge erfordern in der Regel weniger Wartungsaufwand als ihre älteren Vorläufer. Außerdem verliert die Bahn zunehmend Ausschreibungen im Regionalverkehr an private Konkurrenten, auch das verringert in manchen Regionen den Bedarf an Instandhaltung. Die schlechte Auslastung mancher Werke ist also ein klassisches Fallbeispiel für Strukturwandel.

Schulz unterschlug in seiner Rede wohlweislich Informationen

Aber so weit, dass die Leute in Neumünster auf der Straße stehen, ist es noch lange nicht. Darum kümmert sich die Politik, der Besuch von Schulz und Albig im Februar war dafür ein beredtes Beispiel. Vor ein paar Tagen hat sich Ministerpräsident Albig zudem mit dem zuständigen Bahnvorstand Ronald Pofalla getroffen, einem früheren CDU-Politiker. „Wir werden alles für den Erhalt des Standortes in Neumünster prüfen“, sagte Pofalla hinterher – zum Beispiel, indem das Werk auch für Konkurrenten die Züge wartet, was in der Luftfahrt, anders als im Bahnverkehr, längst gang und gäbe ist.

Martin Schulz, Retter des hart arbeitenden Mannes

Die Information, dass der angeblich in seiner Existenz bedrohte Arbeitnehmer bei einem Staatskonzern beschäftigt ist, unterschlug Schulz in seiner Bielefelder Rede wohlweislich. Dabei ist klar: Ausgerechnet in einem doppelten Wahljahr – 2017 wird nicht nur der Bundestag, sondern auch der schleswig-holsteinische Landtag neu gewählt – wird die Bahn kaum zu einer Schließung schreiten. Nein, konkrete Schließungsbeschlüsse gebe es nicht, betont denn auch ein Bahnsprecher in Berlin.

Aber selbst wenn: Die Wahrscheinlichkeit geht gegen null, dass der Bahnwerker am Ende tatsächlich beim Jobcenter seine Vermögensverhältnisse offenlegen und schließlich von 409 Euro monatlich plus Mietzuschuss leben muss. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Bahn das Werk in Neumünster doch aufgeben sollte, haben das Arbeitsrecht und der konzernweite Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung ein doppeltes bis dreifaches Sicherheitsnetz für ihn aufgespannt.

Die Perspektive des Bahnwerkers ist von Hartz IV weit entfernt

Zunächst einmal besteht die Möglichkeit, dass ein privater Investor das Werk übernimmt. Das ist keineswegs so abwegig, wie es angesichts der roten Zahlen erscheint. Als sich die Bahn vor kurzem aus dem Werk im brandenburgischen Eberswalde zurückzog, stieg die Münchener Beteiligungsgesellschaft Quantum Capital Partners AG dort ein. Die Firma hat sich darauf spezialisiert, „vernachlässigte Geschäftsbereiche von Großkonzernen“ zu übernehmen, in denen sie ein „erhebliches Entwicklungspotential“ sieht.

In Eberswalde scheint es zu funktionieren. Erst vor ein paar Tagen jubelte die Lokalzeitung über die „Aufbruchstimmung im Bahnwerk“. Für die Zukunft seien sogar Neueinstellungen vorstellbar, schreibt das Blatt.

Nun könnte es sein, dass selbst diese Perspektive unseren Bahnwerker ängstigt. Vielleicht ist ihm unwohl bei der Idee, nach 36 Jahren die Jobgarantie im Staatskonzern gegen die Risiken der Privatwirtschaft einzutauschen. Aber das muss er auch nicht. Er hat die freie Wahl, ob er den Betriebsübergang mitmacht oder im Bahnkonzern bleibt. Ohne räumliche Veränderung geht das logischerweise nicht. Aber er kann sich entscheiden, ob er mehr an seiner jetzigen Tätigkeit hängt oder mehr an seinem jetzigen Einsatzort.

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