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Eigene Wähler betroffen : Kindergeldpläne der SPD belasten jede dritte Familie

Spitzenverdiener: Mancher Wähler dürfte überrascht sein, wie schnell er als solcher gilt Bild: dpa

Für fast jede dritte Familie würden die Kindergeldpläne der SPD Mehrkosten von durchschnittlich 45 Euro im Monat bedeuten. Auch ein erheblicher Teil der Wähler der Partei muss negative Folgen befürchten.

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          Fast jede dritte Familie in Deutschland würde durch die Pläne der SPD zum Kindergeld mit Mehrkosten von durchschnittlich 45 Euro im Monat belastet. Anders als von den Sozialdemokraten suggeriert, betreffen die Pläne offenbar nicht nur Spitzenverdiener, sondern auch viele Familien aus der Mittelschicht. Das geht aus Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und des Meinungsforschungsinstituts Forsa für diese Zeitung hervor. „Mit ihren Plänen für ein reformiertes Kindergeld tut sich die SPD keinen Gefallen, weil ein erheblicher Teil ihrer Wähler genug verdient, um negative Folgen für sich selbst zu befürchten“, sagt der Leiter des Forsa-Instituts, Manfred Güllner. Die SPD habe mit Umverteilungsthemen noch nie eine Wahl gewonnen.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Derzeit profitieren Familien für jedes Kind entweder vom Steuerfreibetrag von 7008 Euro oder aber vom Kindergeld - für das erste und zweite Kind jeweils 184 Euro im Monat, für das dritte 190 Euro und für jedes weitere 215 Euro. Das Finanzamt rechnet aus, was für die Betroffenen jeweils günstiger ist. Diesen möglichen Steuervorteil wollen die Sozialdemokraten streichen. In ihrem Wahlprogramm fordern sie ein „sozial gestaffeltes Kindergeld“. Es soll Familien mit kleineren Einkommen überdurchschnittlich fördern. Beispielsweise sollen berufstätige Familien mit zwei Kindern und einem Bruttoeinkommen von weniger als 3000 Euro im Monat künftig bis zu 140 Euro mehr je Kind erhalten. „Alle anderen Familien“, heißt es im Wahlprogramm, „erhalten je Kind einheitlich wie bisher ein Kindergeld von 184 Euro im Monat. Der darüber hinausgehende bisherige Steuervorteil für Familien mit hohen Einkommen entfällt.“ In einem Strategiepapier hieß es im Januar: „Wir wollen nicht hinnehmen, dass (der Freibetrag) die staatlichen Leistungen für Kinder nach oben ,veredelt‘ und nach unten ,verelendet‘.“

          Typische SPD-Wähler wären betroffen

          Mancher Wähler dürfte indes überrascht sein, ab welchen Verdienstgrenzen die SPD von einem hohen Einkommen spricht. Thilo Schaefer vom Institut der deutschen Wirtschaft hat ausgerechnet, dass Alleinerziehende vom derzeitigen Freibetrag profitieren, wenn sie ein zu versteuerndes Einkommen von mehr als 31.700 Euro im Jahr haben. Bei Verheirateten liegt die Grenze doppelt so hoch. In Bruttogehältern ausgedrückt muss ein Arbeitnehmer, der nur die Werbungskostenpauschale und seine Sozialversicherungsbeiträge steuerlich geltend macht, etwa 39.000 Euro im Jahr verdienen, um in den Genuss des jetzigen Kinderfreibetrags zu kommen. Verheiratete Alleinverdiener profitieren ab etwa 70.000 Euro brutto im Jahr. Verheiratete Doppelverdiener stellen sich durch den Freibetrag ab ungefähr 75.000 Euro besser.

          Eine Aufstellung des Statistischen Bundesamtes über die durchschnittlichen Bruttojahresverdienste diverser Berufsgruppen zeigt wiederum, dass diese Verdienstgrenzen auch für typische SPD-Wähler nicht ungewöhnlich sind. Ein Bergarbeiter etwa verdient demnach knapp 46.000 Euro im Jahr. Als Alleinerziehender würde er durch eine Reform des Kindergeldes schlechter gestellt. Ist der Bergarbeiter mit einer Verkäuferin (26.000 Euro im Jahr) verheiratet, liegt er nach Angaben des Bundesamtes nur rund 3000 Euro unter dem Grenzbetrag. Dem IW zufolge profitieren derzeit 28,9 Prozent aller Eltern vom Kinderfreibetrag. Die Entlastung betrage für Spitzenverdiener maximal 61,33 Euro je Kind und Monat, im Durchschnitt sparten die betroffenen Eltern monatlich 45 Euro.

          „Ein bedeutender Teil der SPD-Wähler kommt mindestens in die Nähe der Grenzen, ab denen man vom Kinderfreibetrag profitiert“, sagt Forsa-Chef Güllner. Eine Analyse des Forsa-Instituts besagt, dass 23 Prozent aller alleinerziehenden Deutschen, die derzeit die SPD wählen wollen, ein Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 36.000 Euro im Jahr haben. Knapp jeder vierte SPD-Wähler, der verheiratet ist und Kinder hat, kommt mit seiner Frau auf mehr als 54.000 Euro. „Wichtig ist darüber hinaus die gefühlte Betroffenheit“, erklärt Wahlforscher Güllner. „Selbst die Wähler, die nicht vom Freibetrag profitieren, nehmen an, dass sie selbst oder ihre Kinder irgendwann in diese Gehaltsklassen vorstoßen.“

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