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Im Reich der Mitte : China verstehen

Chinas Industrie schrumpft, doch steckt das Land wirklich in einer Krise? Bild: dapd

Chinas Wirtschaftssorgen halten die Welt in Atem. Doch vor dem Untergang steht das Land nicht: Überall arbeiten dynamische Internetunternehmer an Chinas Zukunft.

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          Über den Dächern Schanghais sitzt der Unternehmer Harry Wang und glaubt an sein Land. Das Café heißt „Zen“, es befindet sich in der Dongping Lu in Schanghais ehemaliger Französischer Konzession, eine einspurige Gasse, von Platanen gesäumt. Es ist ein Platz, an dem die Handelsstadt fast noch so aussieht wie vor einhundert Jahren. Nur Boutiquen und Oberklasseautos auf der Einbahnstraße Dongping erinnern daran, dass China seitdem ein Wirtschafswunder erlebt hat, von dem auch Deutschland profitiert hat: Sechs Porsche Cayenne stauen sich an diesem Vormittag an mattlackierten Stoßstangen, drei BMWs, zwei E-Klassen von Daimler und ein Range Rover mit hellrosa Sitzbezügen aus Oxfordleder.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Es wirkt wie das passende Bild, um eine Blase zu illustrieren. Steckt Chinas Wirtschaft nicht in der Krise? Ende der fünfziger Jahre verhungerten noch geschätzt 45 Millionen Chinesen wegen der schlechten Lebensbedingungen. Doch dann zogen die Menschen vom Feld in die Fabrik, vom Land auf die Stadt, sorgten für zweistellige Wachstumsraten und Ende hatte China 500 Millionen Arme weniger. Vorbei? Nur noch um sieben Prozent soll China dieses Jahr wachsen, und selbst dieses weniger dynamische Ziel halten viele für kaum machbar. Chinas Automarkt, der größte der Welt, droht der Einbruch - gleiches gilt für Chinas Exporte. Zwischen Shenyang, der BMW-Fabrik im Norden, und Guangdong, wo die Textilfabriken des Südens stehen, enttäuscht die Industrie. Chinas Aktienmarkt ist bereits abgestürzt. Mit Hunderten Milliarden Dollar hat die Regierung versucht, die Kurse wieder zu treiben. Vergebens. Am Montag waren die Kurse an den chinesischen Börsen abermals deutlich gefallen.

          Angst um das Reich der Mitte

          Diejenigen, die den offiziellen chinesischen Wachstumszahlen glauben, werden weniger – im Ausland wie in China selbst. Nicht nur in der Stahlindustrie, selbst beim weltgrößten Computerkonzern Lenovo aus Peking soll es Massenentlassungen geben. Die Nachfrage nach Arbeitskräften im Land geht Berichten zufolge zurück. Das Statistikamt sei die „Kernkompetenz“ der Wirtschaft, spottet Chinas Volk im Netz.

          Dass vom Reich der Mitte die nächste Krise ausgehen könnte, ängstigt die Welt. Doch im Zen-Café in Schanghai, so genannt nach der buddhistischen Lehre, die aus der Gedankenknechtschaft befreien soll, zeigt Unternehmer Wang auf seinem MacBook das Softwarehaus, in das er gerade Millionen gesteckt hat. Er berichtet von Freunden, die wie Wang selbst im kalifornischen Silicon Valley bei Facebook, Google und Yahoo Millionen verdient haben. Es sind Programmierer, Absolventen von Amerikas Spitzenuniversitäten, ihre Villen im Silicon Valley standen auf einem der angenehmsten Flecken der Erde: saubere Luft, berauschende Landschaft, tolle Infrastruktur, Privatschulen für die Kinder.

          „Trotzdem geht jeder zweite Chinese, den ich in Amerika kenne, zurück“, sagt Wang. Wegen des Schanghaier Smogs und der vielen Staus ist er natürlich nicht gekommen. Der Glaube an gigantisches Wachstum hat ihn gelockt. „Ein Unternehmen gründen und das schnell an die Börse bringen wie Alibaba, das geht nur in China. Wir sind hier 1,3 Milliarden Menschen, und alle wollen Geld ausgeben!“

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