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Draghi warnt vor Folgen : Die Geldpolitik kommt teuer

Abendstimmung in Frankfurt am Main, rechts das EZB-Gebäude Bild: dpa

Mario Draghi und Janet Yellen betonen die langfristigen Risiken einer expansiven Geldpolitik. Damit nähern sich die Zentralbanker ihren schärfsten Kritikern an.

          Mario Draghi liebt es, wichtige geldpolitische Botschaften über Reden in der englischsprachigen Welt auszusenden. Im Sommer 2012 nutzte der Präsident der Europäischen Zentralbank einen Auftritt in London, um die Bereitschaft der EZB zu bekunden, alles in ihrem Mandat Stehende („whatever it takes“) zu tun, um die Europäische Währungsunion zu erhalten. Im Sommer 2014 zeigte sich Draghi in einem Vortrag im amerikanischen Jackson Hole offen für weitere geldpolitische Lockerungen.

          Gerald Braunberger
          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Nun sprach Draghi am Sitz des Internationalen Währungsfonds in Washington erstmals ausführlicher über die längerfristigen Risiken einer sehr expansiven Geldpolitik für die Verteilung von Vermögen und für die Stabilität des Finanzsystems. Der Italiener erkannte an, dass die Geldpolitik über steigende Preise für Wertpapiere die Besitzer solcher Kapitalanlagen gegenüber Sparern bevorzuge, die auf den Niedrigzins angewiesen seien.

          EZB-Präsident Mario Draghi

          Draghi erwähnte auch, dass sehr niedrige Zinsen gerade in alternden Gesellschaften nachteilige Folgen haben. So könnten sich Leute, die für ihren Ruhestand sparten, durch die Niedrigzinsen veranlasst sehen, noch mehr zu sparen, statt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch zusätzlichen Konsum zu beflügeln.

          Draghi: Geldpolitik darf für Gefahren nicht blind werden

          Der EZB-Präsident ging auch auf die möglichen Folgen ein, die eine lockere Geldpolitik für Finanzstabilität haben könne. Konkret geht es um die Befürchtung, eine längere Phase der Niedrigzinsen verführe Investoren dazu, exzessive Risiken einzugehen und ihre Schulden-schweren Bilanzen nicht zu bereinigen. Die Geldpolitik dürfe für solche Gefahren nicht blind werden.

          Rund eine Woche vor Draghis Auftritt hatte die Vorsitzende der amerikanischen Federal Reserve, Janet Yellen, über ähnliche Bedenken gesprochen. Die Aktienkurse seien derzeit „ziemlich hoch“, sagte Yellen, die auf die Gefahren von Turbulenzen an den Finanzmärkten im Falle stark fallender Kurse für Aktien und Anleihen verwies. Die Amerikanerin konzedierte auch, dass eine längere Phase sehr niedriger Zinsen Banken und Versicherungen unter Druck setze. Zuvor hatte sich Yellen in einer Rede sehr besorgt über die wachsende materielle Ungleichheit in den Vereinigten Staaten geäußert. Nach einer Untersuchung der Fed besitzt die ärmere Hälfte der amerikanischen Haushalte nur ein Prozent des Vermögens, vor einem Vierteljahrhundert waren es zumindest noch 3 Prozent.

          Geldpolitiker deuten spätere Änderungen ihrer Strategie oft mit langem Vorlauf und zunächst nur sibyllinisch an. So sind bei Draghi und Yellen derzeit Akzentverschiebungen zu beobachten, aber keine grundsätzliche Kritik an der bisher betriebenen Geldpolitik. Die Geldpolitik habe stets Verteilungswirkungen, sagte Draghi in Washington. Eine Politik, die Deflation bekämpfe, reduziere zwangsläufig die Zinserträge der Sparer und erleichtere die Zinslast der Schuldner. Gleichzeitig seien Zinssenkungen aber nötig, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stimulieren, indem man Unternehmen und Privatleute zum Geld ausgeben ermutigt.

          BIZ warnt seit geraumer Zeit vor den Gefahren

          Verteilungswirkungen wären auch entstanden, wenn sich die EZB ihrem Mandat verweigert hätte, sagte der Italiener. Junge Haushalte, die häufig Nettoschuldner seien, hätten in einem Deflationszenario unter steigenden Realwert der Kredite gelitten, während ältere Haushalte als Nettosparer profitiert hätten. Auch sieht Draghi derzeit wenige Hinweise für bedeutende Verwerfungen an den Finanzmärkten. Weder sei eine Preisblase am Immobilienmarkt noch ein ungesundes Wachstum der Kreditmenge zu beobachten.

          Dennoch ist die Thematisierung der langfristigen Risiken einer sehr expansiven Geldpolitik durch Draghi und Yellen bemerkenswert, weil sie damit einen Schritt auf ihre Kritiker aus der Bank für Internationale Zahlungsausgleich (BIZ) zugehen. Die in Basel ansässige BIZ ist die Bank der Zentralbanken und zugleich eine wichtige Denkfabrik, deren Ökonomen sich mit den Folgen der Geldpolitik für die Entwicklung der Finanzmärkte und der Gesamtwirtschaft befassen.

          Die Ökonomen der BIZ warnen seit geraumer Zeit vor den Gefahren einer sehr expansiven Geldpolitik für die Stabilität an den Finanzmärkten. Im vergangenen Sommer hatte die BIZ in einem sehr kontrovers diskutierten Bericht für Länder wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien Leitzinserhöhungen ins Spiel gebracht, um die Bildung von Preisblasen an Vermögensmärkten zu verhindern.

          Damals soll es nicht nur hinter verschlossenen Türen zu schweren Auseinandersetzungen gekommen sein. Yellen und der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, hatten auch öffentlich Kritik an der BIZ geäußert. Carney hatte damals gesagt, die Empfehlungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich wären „in einem Vakuum“ entstanden und befänden sich jenseits der politischen und wirtschaftlichen Realität. Draghi hatte sich damals auf die Seite von Yellen und Carney gestellt. Innerhalb des Zentralbankrats der Europäischen Zentralbank vertritt Bundesbankpräsident Jens Weidmann häufig Positionen, die jenen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ähneln.

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