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Kommentar : Amerika kann sein altes Versprechen nicht halten

Anti-Trump-Proteste in New York: Immigration gehört zu Amerika. Bild: Reuters

Die Vereinigten Staaten können ihr Versprechen, dass jeder nach oben kommen kann, immer seltener einlösen. Die Folge ist, dass in der unteren Schicht Einheimische und Migranten um Arbeit, gute Löhne und Sozialhilfe kämpfen. Präsidentschaftsbewerber Trump nutzt das aus.

          Wenn die Vereinigten Staaten aktuell eine reine Erfolgsgeschichte der Immigration repräsentierten, dann wäre das Phänomen Donald Trump schwer zu erklären. Seine Ankündigungen, eine Mauer zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko zu errichten, elf Millionen illegale Ausländer nach Hause zu transportieren und den geborenen Kindern illegaler Einwanderer das Bürgerrecht abzuerkennen, sind Trumps Alleinstellungsmerkmale in der Riege republikanischer Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Einige Konkurrenten sind frommer als Trump, andere sind konservativer, dritte können auf politische Erfahrungen verweisen, vierte sind wahrhaftige Falken im Feld der Außenpolitik. Doch keiner hat mit solcher Entschlossenheit vom ersten Auftritt an bis zur letzten Kneipen-Rede in Iowa die Migration zum Thema gemacht wie der Unternehmer Donald Trump. Und damit gewonnen. 80 Prozent seiner Anhänger glauben, dass Immigration den Vereinigten Staaten mehr schadet als nützt. In den Umfragen liegt Trump nicht nur in einzelnen Bundesstaaten, sondern im ganzen Land vor seinen Mitbewerbern.

          Nichts ist umsonst

          Die Großkommentatoren der linken wie der rechten Medien, jeweils vom Entsetzen gepackt, fassen nun langsam die Möglichkeit ins Auge, dass der Immobilienunternehmer aus Manhattan tatsächlich der Kandidat der Republikanischen Partei werden könnte. Woher aber kommt diese Missstimmung, die Trump und seinen Ausfällen vor allem gegenüber Mexikanern Flügel verleiht?

          Sie kommt auf jeden Fall ziemlich überraschend. Treuen Konsumenten der amerikanischen Qualitätsmedien wäre es nicht in den Sinn gekommen, dass da etwas brodelt im gemeinen Volk: Die Meinungsbildner in den Denkfabriken von konservativ über rechtslibertär bis links und in den großen Zeitungen hängen doch sehr der großen Idee an, dass Einwanderung gut ist für alle. Man musste schon die Bestseller-Erfolge der ulkigen rechtskonservativen Polemikerin Ann Coulter (zuletzt „¡Adios America!“) zur Kenntnis nehmen, um zu ahnen, dass daneben andere Wahrnehmungen der wirtschaftlichen und sozialen Realität der Migration existieren im Amerika von heute.

          Der Ökonom Milton Friedman wird gerne mit dem Zitat wiedergegeben: „There is no such thing as a free lunch.“ Nichts ist umsonst, lautet die freie Übersetzung. Diese Regel ist nicht suspendiert, nur weil mit der Migration ein besonders heikles, menschliche Schicksale berührendes Thema zur Debatte steht. Migration produziert Gewinner und Verlierer.

          Gewinner sind oft die Migranten selbst, die dem schlechten Los in der Heimat entronnen sind. Nutznießer sind diejenigen, die Migranten anstelle, von ihnen Produkte kaufen oder ihnen etwas verkaufen. Schließlich profitiert in der Regel die ganze Gesellschaft von den Ideen und dem Ehrgeiz der Einwanderer und der Tatsache, dass sie stimulierende Konkurrenz in den Arbeitsmarkt und in den Wohnungsmarkt bringen. Auf diesen Märkten allerdings entstehen auch die Verlierer um gute Löhne, Arbeitsplätze und Wohnungen, die ihre Hoffnung jetzt auf den Milliardär Trump richten.

          Migranten aus Lateinamerika

          Amerikas wirkungsmächtige Erzählung, dass ein jeder, der über Ellis Island das amerikanische Festland erreicht, es nach oben schafft, wird von der kalten Statistik nur unvollkommen bestätigt. Es kommen Einwanderer mit jenen Fähigkeiten und Einstellungen, die eine moderne, entwickelte Volkswirtschaft erfordert. Und es kommen jene, die dieses Vorzugspaket nicht mitbringen. Zirka ein Viertel der Einwanderer kann einen Hochschulabschluss vorweisen, unter indischen Einwanderern sogar vier von fünf. Sie assimilieren sich in bemerkenswerter Geschwindigkeit und überflügeln in vielerlei Hinsicht die Einheimischen.

          Im Kontrast dazu stehen jene 30 Prozent der Zuwanderer, die nicht einmal einen Schulabschluss haben. Sie passen sich ebenfalls an das Leben in Amerika an mit niedrig entlohnten Jobs und gelegentlicher Sozialhilfe, die in der einen oder anderen Form jeder zweite Haushalt bezieht, dessen Haushaltvorstand ein Immigrant ist. Viele von ihnen sind Migranten aus Lateinamerika, sie stellen immer noch die größte Einwanderergruppe.

          Arbeit, gute Löhne, Wohnraum und Sozialhilfe

          Selbst das wäre nicht weiter problematisch, wenn dieses Stadium der Billigjobberei nur die erste Stufe einer Treppe nach oben wäre. Die Daten zeigen ein anderes Bild. Obwohl die zweite Generation Fortschritte in der Bildung macht, fällt die dritte wieder zurück. Viele stagnieren für Jahrzehnte in der Unterschicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass Hispanics auch in dritter Generation noch arm sind, ist doppelt so hoch wie bei weißen Familien ohne lateinamerikanischen Migrationshintergrund.

          Die Vereinigten Staaten können das große alte Versprechen, dass jeder nach oben kommt, immer seltener halten. Das hat vielfältige Ursachen. Die Folge ist, dass in der unteren Schicht Einheimische und Migranten um Arbeit, gute Löhne, Wohnraum und Sozialhilfe hart kämpfen müssen. Weiße konservative Familien mit eher geringer Bildung und geringem Einkommen sind Trumps wichtigste Helfer. Wenn sie ihren Willen bekommen, wird Amerika ein anderes Land, ein schlechteres.

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