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Kommentar : Trump ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

Selbstsicher wie kein Zweiter: Donald Trump darf nun sogar als Präsident kandidieren. Bild: AP

Anprangern, behaupten, Quatsch erzählen: Als amerikanischer Präsident wäre Donald Trump keine verlässliche Größe in der Weltpolitik. Seine Pläne beziehen sich auf eine rein gefühlte Realität.

          Donald Trump hat angeprangert, dass Amerika nichts mehr produziere. Leute, die ihre Fabriken schließen sahen, fühlten sich verstanden und schenkten ihm im Vorwahlkampf ihre Stimme. Doch die Aussage stimmt nicht. Amerika produziert so viele Güter wie nie zuvor. Das Land hat seine Produktion in den vergangenen 20 Jahren um 50 Prozent gesteigert. Tatsächlich gesunken ist aber die Beschäftigung in Fabriken. Weniger Menschen haben mehr hergestellt. Das ist für die Gefeuerten hart, aber das ist das Ergebnis von Produktivitätsgewinnen, der wichtigsten Quelle für mehr Wohlstand.

          Trump hat auch behauptet, dass Amerikas Arbeitslosenquote bei 42 Prozent liege, die offizielle Quote von 5 Prozent nannte er lachhaft. Doch selbst wenn man großzügig alle Leute als arbeitslos einrechnet, die weniger arbeiten, als sie sich wünschen, und dazu noch jene, die schon länger keine Stelle mehr suchen, kommt man auf eine Arbeitslosenquote von allerhöchstens rund 15 Prozent.

          Trump hat schlicht Quatsch erzählt

          Trump hat also auch hier schlicht Quatsch erzählt. Aber Menschen ohne Collegeabschluss und mit weißer Hautfarbe, die unterbeschäftigt oder arbeitslos waren, haben Trumps Statistik geglaubt und ihm ihre Stimme geschenkt. Wenn Trump mit einer radikalen Steuer- und Ausgabenreform ins Rennen geht, von der er sagt, sie würde sich nicht nur selbst finanzieren, sondern auch einen ausgeglichenen Haushalt erreichen, dann ist damit zu rechnen, dass seine Unterstützer das ebenso glauben werden. Genauso werden sie ihm seine Ankündigung glauben, er werde in acht Jahren Amerikas Verschuldung auf null zurückfahren, die Sozialprogramme nicht anrühren und das Militär stärken.

          Fachleute der überparteilichen Organisation „Committee for a Responsible Federal Budget“ haben dagegen ausgerechnet, die Vereinigten Staaten benötigten dafür entweder ein jährliches Wirtschaftswachstum zwischen 16 und 20 Prozent oder Ausgabenkürzungen im Umfang von 93 Prozent. Alternativ würden sich die Staatsschulden verdoppeln.

          Donald Trumps Sohn Donald Jr. verkündete die Stimmen seines Heimatstaates New York, die Trump endgültig die Nominierung sicherten. Bilderstrecke

          Aber was sind schon Experten? Sie haben die Finanzkrise nicht kommen sehen, den Brexit lange nicht für möglich gehalten und Donald Trump schon vor Monaten abgeschrieben. Der darf sich in Kürze in eine Liste mit großen Namen wie Thomas Jefferson, Abraham Lincoln, Theodore Roosevelt eintragen, wenn er zum Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei gekürt wird.

          Wie konnte es passieren, dass ein Mann, der solche fundamentalen Fehldarstellungen verbreitet (und wir haben hier einen kleinen Ausschnitt präsentiert), Chancen hat, ins Weiße Haus einzuziehen? Man erstarrt in Sorge oder in Bewunderung über die Fähigkeit des Entertainers, die Amerikaner in eine gefühlte Realität zu führen, in der beispielsweise Mexiko 20 Milliarden Dollar für eine Mauer zahlt, nachdem Trump zuvor elf Millionen illegale Ausländer hat ausweisen lassen, darunter viele Bauarbeiter.

          Fernsehsender zeigen in ihren Wettervorhersagen gefühlte Temperaturen. Sie tragen der Tatsache Rechnung, dass es den Leuten zum Beispiel bei starkem Wind kälter vorkommt, als es laut Thermometer ist. Nur folgt die Ermittlung der gefühlten Temperatur einer wissenschaftlichen Formel.

          Trumps gefühlte Ökonomie hingegen entspringt seinem Bauchgefühl. Er vermittelt den Eindruck, dass Wahrhaftigkeit, Genauigkeit und Verlässlichkeit zweitrangige Tugenden sind für einen Präsidenten der Vereinigten Staaten. So streute er munter die Überlegung in die Runde, die Vereinigten Staaten könnten mal eben ihre Schulden nachverhandeln wie ein strauchelnder Immobilienkaufmann. Dass das Land damit seine in Jahrhunderten aufgebaute Bonität riskierte, scheint der Mann nicht zu erfassen.

          Trumps ökonomischer Nationalismus, in gewisser Weise der ideologische Kern seiner Botschaft, verkennt nicht nur die Wirklichkeit der internationalen Wertschöpfungsketten, er übersieht auch, dass Exporte ein wichtiger Treiber für das amerikanische Wirtschaftswachstum waren – selbst wenn es sich nicht so anfühlte.

          Sollte er seine Androhungen wahr machen, dann entfachte er einen Handelskrieg, der nicht nur den Vereinigten Staaten schweren Schaden zufügen würde. Auch Länder wie Deutschland dürfen sich dann nicht sicher fühlen. Denn in Trumps Logik schulden Länder, die große Überschüsse im Handel mit Amerika haben, dem Land etwas. Deutschland hat schließlich einen größeren Überschuss mit den Vereinigten Staaten als Mexiko. Und Mexiko soll immerhin zur Strafe für die eifrigen Exporte die Zeche für die große Mauer übernehmen.

          Dass Trump zudem in diesen ohnehin unruhigen Zeiten die Grundlagen der Verteidigungsgemeinschaft Nato in Frage stellt und Sympathie für Wladimir Putin zu erkennen gibt, trägt, wenn man es ganz vorsichtig formulieren will, nicht zu einem gedeihlichen Investitionsklima bei. Kein einziger bekannter Ökonom hat sich bisher hinter Donald Trump gestellt. Diesmal liegen sie richtig: Ein Präsident Trump wäre eine Gefahr für die Weltwirtschaft.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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