https://www.faz.net/-gqe-8z4rh

DIW-Chef Marcel Fratzscher : Claqueur der SPD

Marcel Fratzscher, 46, ist seit 2013 Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Bild: Andreas Pein

DIW-Chef Marcel Fratzscher hat sich ganz der SPD verschrieben. Das beschädigt seine Glaubwürdigkeit als Ökonom, hat aber Methode.

          Man kann die Uhr nach ihm stellen. Kaum hatte Kanzlerkandidat Martin Schulz am vergangenen Montag sein Steuerkonzept vorgestellt, war Marcel Fratzscher mit lautstarkem Lob zur Stelle: „Das Konzept der SPD macht Sinn“, ließ der Mann aus Berlin verbreiten. Erst Twitter, dann Tagesschau, dann Reuters. Tags darauf wird kleinteiliger nachgearbeitet – im Bayerischen Rundfunk oder beim „Mallorca Magazin“. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) lässt nichts aus. Und er beherrscht die Klaviatur der Mediengesellschaft. Fratzscher bescheinigt Schulz, er habe „einen klaren Plan“, denke „grundsätzlich in die richtige Richtung“, er selbst hätte dem Kandidaten allenfalls gewünscht, „dem Lobbydruck der Superreichen“ noch stärker zu trotzen (Stichwort: Vermögensteuer).

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          In nur vier Jahren seit seinem Amtsantritt als DIW-Chef hat der Ökonom Marcel Fratzscher (46) sich zum ersten und lautstarken Claqueur der Sozialdemokraten gemausert, kometenhaft aus dem Nichts kommend (einer Unterabteilung der Europäischen Zentralbank), bienenfleißig und mit einem unfassbaren Output an vervielfältigten Sätzen (Gastkommentaren) und gesprochenen Soundbites zu allem und jedem. Selbst der langjährige Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, zu dem Fratzscher sich erkennbar als Gegenfigur aufzubauen sucht, hat das in seinen besten Zeiten nicht geschafft. Fratzscher, der während seiner akademischen Ausbildungs- und Forschungszeit, unter anderem am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, noch nicht durch eine besondere Affinität zu den Sozialdemokraten aufgefallen war, verleiht inzwischen der SPD das Gütesiegel „wissenschaftlich geprüft und für gut befunden“; er ist zuständig für den Nimbus, den akademischen Heiligenschein politischer Ziele und Programme aus der SPD-Baracke.

          Der Mann beherrscht sein Metier so brillant, dass es ihm bei besonders herausragenden Gelegenheiten sogar gelingt, in vorauseilendem Gehorsam ein Thema einsam in die Welt zu setzen, die SPD anschließend darauf aufspringen zu lassen, um der Partei hinterher zu bescheinigen, sie habe das rechte Thema zur richtigen Zeit gefunden. So sah Fratzscher im Juni 2013 – verbreitet durch einen „Spiegel“-Titel – eine riesige „Investitionslücke“ in Deutschland klaffen („Deutschland lebt von der Substanz“), woraufhin er im August 2014 vom damaligen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) zum Vorsitzenden eines prominent besetzten Rates berufen wurde („Fratzscher-Kommission“), der untersuchen sollte, ob es in Deutschland eine „Investitionslücke“ gebe, was dann, o Wunder, auch tatsächlich am Ende festgestellt wurde. Es kam heraus, was hinein gegeben wurde. Der Wirtschaftsminister dankte Fratzscher für „hervorragende Arbeit“.

          Fratzscher macht stets große Fässer auf

          Thematisch beschreiben Fratzschers sozialdemokratische Gefälligkeiten einen weiten Bogen: Dieser reicht von der erwähnten Investitionslücke bis zur Ungleichheit und zur Ungerechtigkeit, die hierzulande angeblich dazu geführt haben, dass das Glücksversprechen der Sozialen Marktwirtschaft, „Wohlstand für alle“, nicht mehr eingelöst werde. Auch diese „Ungerechtigkeit“ hat Fratzscher nach bewährtem Muster in die Welt gesetzt: Erst schreibt er ein Buch („Verteilungskampf“), dann lässt er das Werk in Berlin öffentlich vorstellen: Prominentester Gast ist SPD-Mann Martin Schulz, der Fratzschers Streitschrift ein „provozierendes Buch“ nennt, um anschließend in seinem Wahlkampf das Thema „Gerechtigkeit“ ins Zentrum zu stellen. Stets macht Fratzscher große Fässer auf, wohingegen die daraus resultierenden Konsequenzen eher bescheiden ausfallen: sozialdemokratisch eben, keinesfalls radikal links. Deswegen passt es so gut.

          „Skandalisierung des Unspektakulären als Marketing-Kniff“ nennen die Ökonomen Lars Feld und Christoph Schmidt, zwei Mitglieder des Sachverständigenrats („fünf Weise“), diese Methode. Gemeint ist: Offenkundig zwar, aber unspektakulär ist es, dass in Deutschland Einkommen und Vermögen nicht gleich verteilt sind. Diese Selbstverständlichkeit wird von Fratzscher zum moralischen Skandal überhöht, was Klickzahlen als öffentlichen Profit abwirft und privilegierte Behandlung im Willy-Brandt-Haus garantiert. Über seinen Günstling hält Minister Gabriel die schützende Hand. Wenn es nicht anders geht, mauschelt er ihn im Nachhinein in einen Beratungsauftrag für die alljährliche Konjunkturprognose hinein, obwohl das DIW zuvor im Vergabeconcours durchgefallen war. Womöglich winkt Fratzscher dereinst als Dank ein Platz im Sachverständigenrat oder ein Spitzenjob in einer internationalen Organisation (IWF, Weltbank), sollten die Deutschen wieder einmal dran sein und die SPD das Sagen haben.

          In eigener Sache dünnhäutig

          Die beiden Ökonomen Feld und Schmidt zählen bekanntermaßen nicht zu den Freunden Fratzschers. Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Als die in London erscheinende „Financial Times“ eine Stellungnahme der deutschen Wirtschaftsweisen überschreibt mit „Deutsche Ökonomen widerlegen Kritik an den Handelsüberschüssen“, blafft Fratzscher per Twitter unverzüglich zurück: „Don’t write ,German Economists‘!“ („Schreibt nicht ,Deutsche Ökonomen‘!“). Auf der trivialen Oberfläche meint das: Es gibt auch noch andere Ökonomen als Feld, Schmidt & Co. Die härtere Deutung wäre: Diese Leute sind überhaupt keine richtigen Ökonomen. In seiner Polemik jedenfalls ist Fratzscher nicht zimperlich; dünnhäutig wird er erst, sobald er selbst ins Feuer der Kritik gerät.

          Das alles wäre als Zeichen von Lebendigkeit eines engagierten Forschers im sonst so langweiligen akademischen Elfenbeinturm begrüßenswert oder wenigstens hinnehmbar, bestünde nicht Anlass zur Sorge, dass das Profil und Geschäftsmodell des SPD-Claqueurs an der Spitze des DIW die wirtschaftspolitische Beratung in Deutschland noch stärker in Misskredit bringen könnte, als sie es ohnehin schon ist. Denn die Öffentlichkeit ist spätestens seit der Finanzkrise in weiten Teilen der Ansicht, auf die Aussagen von Ökonomen sei kein Verlass, nachdem diese, Blindgängern gleich, den Zusammenbruch der Banken und den Absturz der Finanzmärkte mehrheitlich nicht rechtzeitig gemeldet, ja noch nicht einmal geahnt hätten. Viele Wirtschaftswissenschaftler haben sich danach in ihr Schneckenhaus aus mathematischen Modellen zurückgezogen. Jene Ökonomen aber, die sich immer noch der wirtschaftspolitischen Beratung widmen, verbreiten gerne den Mythos, sie seien wie Platons Philosophenkönige politisch neutral und nur der Wahrheit oder der Wohlfahrt des Gemeinwesens verpflichtet.

          Er biegt die Wahrheit, bis es quietscht

          Dies ist exakt das Bild, das Fratzscher von sich gerne sehen möchte. Er gibt den Platoniker, strikt den großen Sachthemen verpflichtet. Eine besondere Nähe zur SPD leugnet er, was hierzulande außer ihm wohl kaum ein Zweiter behaupten würde. Meldungen, er schreibe (unter anderen zusammen mit dem Ökonomen Peter Bofinger) an einem Papier für Martin Schulz, will er erst gar nicht kommentieren. Aus einem aus Anlass dieses Artikels mit ihm geführten längeren Gespräch darf hier nicht zitiert werden. Fast könnte man meinen, die Nähe zur SPD hätte etwas Anrüchiges.

          Dabei ist das gar nicht der Punkt. Viel problematischer ist der wissenschaftliche Einwand, dass der DIW-Chef selbst mit den Forschungsergebnissen seines eigenen Instituts, zurückhaltend gesprochen, sehr großzügig umgeht. Härter gesagt: Er biegt die Wahrheit so lange, bis es quietscht. So schreibt er in seinem „Verteilungskampf“, die deutsche Mittelschicht – „das Rückgrat jeder Wirtschaft und Gesellschaft“ – schrumpfe; die Menschen der Mitte seien „die größten Verlierer des gebrochenen Wohlstandsversprechens“.

          Postwendend musste er sich von seinem Vorstandskollegen Gert Wagner, einem alten Fahrensmann, unter Verweis auf Daten aus dem DIW belehren lassen, die These von der bröckelnden Mittelschicht sei lediglich eine gern erzählte Mär, aber keine gesicherte Erkenntnis. Auch die Behauptung Fratzschers, die Menschen in Deutschland seien trotz sicheren Arbeitsmarkts „tief unzufrieden“ mit dem Zustand der Gesellschaft und blickten mit großen Ängsten in die Zukunft, hält einer Überprüfung anhand von DIW-Daten des sogenannten Soziooekonomischen Panels nicht stand. Weil es uns schon lange nicht mehr so gut geht wie derzeit, machen sich die Menschen weniger und nicht mehr Sorgen um die Zukunft – eine Erkenntnis, welche die meisten Leute auch ohne Empirie evident fänden. Doch Fratzscher braucht unzufriedene Menschen, um seine These einer Gerechtigkeitslücke in Deutschland aufrechtzuerhalten.

          „Wissenschaftler sind keine wohlwollenden Engel“

          Fratzscher nutze die Ressourcen des eigenen Hauses nicht, werfen ihm inzwischen Kollegen vor, die ihm eigentlich gewogen sind. Selbst Ex-Regierungsberater Bert Rürup (SPD), der als DIW-Kuratoriumsvorsitzender Fratzscher inthronisiert hat (obwohl der nicht sein Wunschkandidat war), geht inzwischen auf Distanz zu dessen These von der Lücke privater Investitionen: „Das ist eher ein Glaubensbekenntnis als ein valider Befund“, sagt Rürup. Fratzscher jage in diesem Punkt einem „Phantom“ nach. Dass es im eigenen DIW-Hause immer mal wieder hörbar knirscht und die Fachleute unglücklich darüber sind, was ihr Chef mit großem Lautsprecher aus ihren Forschungsergebnissen macht, ist ebenfalls zu hören. Fratzscher bestreitet auch dies. Leuten, die das behaupten, unterstellt er unlautere Absichten.

          Weniger die grobschlächtige Parteilichkeit, sondern deren Leugnung wäre am Ende der noch schlimmere Skandal. „Bei Ökonomen, die in der Politikberatung tätig sind, sollte man davon ausgehen, dass sie ihren eigenen Nutzen unter Nebenbedingungen maximieren, was übersetzt bedeutet, dass Wissenschaftler keine wohlwollenden Engel sind“, konstatierte der kürzlich verstorbene St. Galler Ökonom Gebhard Kirchgässner, der sich wie kein Zweiter seiner Zunft einer Theorie der wirtschaftspolitischen Beratung angenommen hatte. Wer auf der Homepage des traditionell sich links und keynesianisch verstehenden DIW zur Kenntnis nimmt, dass die SPD als einzige politische Partei Vereinsmitglied des DIW ist, also Shareholder des Instituts, dem könnte es gar zwingend vorkommen, das der dort angestellte Präsident ein besonders ausgeprägtes Faible für die Sozialdemokratie hat. Nur sollte er dann wenigstens ehrlich sein.

          Parteilichkeit ist allerdings bei Wissenschaftlern stets eine prekäre Angelegenheit. Auf dem Spiel steht ihre Glaubwürdigkeit. Wer unfreundlich über Fratzscher redet, und das sind inzwischen nicht wenige unter den deutschen Ökonomen, sagt, Fratzscher, der ehemals exzellente Wissenschaftler, sei heute keiner mehr: Er gleiche eher einem Journalisten (wenig schmeichelhaft für Journalisten) oder sei inzwischen ganz zum Politiker mutiert.

          Weitere Themen

          Der letzte Modeschöpfer Video-Seite öffnen

          FAZ Plus Artikel: Karl Lagerfeld : Der letzte Modeschöpfer

          Karl Lagerfeld, der das Erbe von Coco Chanel neu belebte, ist gestorben. Er war ein ganz anderer Typ als die selbstquälerischen Modekünstler, die sich gerade so mit ihrer Mode ausdrücken können, aber meist nicht mit ihren Worten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.