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DIW-Chef Marcel Fratzscher : Claqueur der SPD

Dabei ist das gar nicht der Punkt. Viel problematischer ist der wissenschaftliche Einwand, dass der DIW-Chef selbst mit den Forschungsergebnissen seines eigenen Instituts, zurückhaltend gesprochen, sehr großzügig umgeht. Härter gesagt: Er biegt die Wahrheit so lange, bis es quietscht. So schreibt er in seinem „Verteilungskampf“, die deutsche Mittelschicht – „das Rückgrat jeder Wirtschaft und Gesellschaft“ – schrumpfe; die Menschen der Mitte seien „die größten Verlierer des gebrochenen Wohlstandsversprechens“.

Postwendend musste er sich von seinem Vorstandskollegen Gert Wagner, einem alten Fahrensmann, unter Verweis auf Daten aus dem DIW belehren lassen, die These von der bröckelnden Mittelschicht sei lediglich eine gern erzählte Mär, aber keine gesicherte Erkenntnis. Auch die Behauptung Fratzschers, die Menschen in Deutschland seien trotz sicheren Arbeitsmarkts „tief unzufrieden“ mit dem Zustand der Gesellschaft und blickten mit großen Ängsten in die Zukunft, hält einer Überprüfung anhand von DIW-Daten des sogenannten Soziooekonomischen Panels nicht stand. Weil es uns schon lange nicht mehr so gut geht wie derzeit, machen sich die Menschen weniger und nicht mehr Sorgen um die Zukunft – eine Erkenntnis, welche die meisten Leute auch ohne Empirie evident fänden. Doch Fratzscher braucht unzufriedene Menschen, um seine These einer Gerechtigkeitslücke in Deutschland aufrechtzuerhalten.

„Wissenschaftler sind keine wohlwollenden Engel“

Fratzscher nutze die Ressourcen des eigenen Hauses nicht, werfen ihm inzwischen Kollegen vor, die ihm eigentlich gewogen sind. Selbst Ex-Regierungsberater Bert Rürup (SPD), der als DIW-Kuratoriumsvorsitzender Fratzscher inthronisiert hat (obwohl der nicht sein Wunschkandidat war), geht inzwischen auf Distanz zu dessen These von der Lücke privater Investitionen: „Das ist eher ein Glaubensbekenntnis als ein valider Befund“, sagt Rürup. Fratzscher jage in diesem Punkt einem „Phantom“ nach. Dass es im eigenen DIW-Hause immer mal wieder hörbar knirscht und die Fachleute unglücklich darüber sind, was ihr Chef mit großem Lautsprecher aus ihren Forschungsergebnissen macht, ist ebenfalls zu hören. Fratzscher bestreitet auch dies. Leuten, die das behaupten, unterstellt er unlautere Absichten.

Weniger die grobschlächtige Parteilichkeit, sondern deren Leugnung wäre am Ende der noch schlimmere Skandal. „Bei Ökonomen, die in der Politikberatung tätig sind, sollte man davon ausgehen, dass sie ihren eigenen Nutzen unter Nebenbedingungen maximieren, was übersetzt bedeutet, dass Wissenschaftler keine wohlwollenden Engel sind“, konstatierte der kürzlich verstorbene St. Galler Ökonom Gebhard Kirchgässner, der sich wie kein Zweiter seiner Zunft einer Theorie der wirtschaftspolitischen Beratung angenommen hatte. Wer auf der Homepage des traditionell sich links und keynesianisch verstehenden DIW zur Kenntnis nimmt, dass die SPD als einzige politische Partei Vereinsmitglied des DIW ist, also Shareholder des Instituts, dem könnte es gar zwingend vorkommen, das der dort angestellte Präsident ein besonders ausgeprägtes Faible für die Sozialdemokratie hat. Nur sollte er dann wenigstens ehrlich sein.

Parteilichkeit ist allerdings bei Wissenschaftlern stets eine prekäre Angelegenheit. Auf dem Spiel steht ihre Glaubwürdigkeit. Wer unfreundlich über Fratzscher redet, und das sind inzwischen nicht wenige unter den deutschen Ökonomen, sagt, Fratzscher, der ehemals exzellente Wissenschaftler, sei heute keiner mehr: Er gleiche eher einem Journalisten (wenig schmeichelhaft für Journalisten) oder sei inzwischen ganz zum Politiker mutiert.

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