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DIW-Chef Marcel Fratzscher : Claqueur der SPD

„Skandalisierung des Unspektakulären als Marketing-Kniff“ nennen die Ökonomen Lars Feld und Christoph Schmidt, zwei Mitglieder des Sachverständigenrats („fünf Weise“), diese Methode. Gemeint ist: Offenkundig zwar, aber unspektakulär ist es, dass in Deutschland Einkommen und Vermögen nicht gleich verteilt sind. Diese Selbstverständlichkeit wird von Fratzscher zum moralischen Skandal überhöht, was Klickzahlen als öffentlichen Profit abwirft und privilegierte Behandlung im Willy-Brandt-Haus garantiert. Über seinen Günstling hält Minister Gabriel die schützende Hand. Wenn es nicht anders geht, mauschelt er ihn im Nachhinein in einen Beratungsauftrag für die alljährliche Konjunkturprognose hinein, obwohl das DIW zuvor im Vergabeconcours durchgefallen war. Womöglich winkt Fratzscher dereinst als Dank ein Platz im Sachverständigenrat oder ein Spitzenjob in einer internationalen Organisation (IWF, Weltbank), sollten die Deutschen wieder einmal dran sein und die SPD das Sagen haben.

In eigener Sache dünnhäutig

Die beiden Ökonomen Feld und Schmidt zählen bekanntermaßen nicht zu den Freunden Fratzschers. Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Als die in London erscheinende „Financial Times“ eine Stellungnahme der deutschen Wirtschaftsweisen überschreibt mit „Deutsche Ökonomen widerlegen Kritik an den Handelsüberschüssen“, blafft Fratzscher per Twitter unverzüglich zurück: „Don’t write ,German Economists‘!“ („Schreibt nicht ,Deutsche Ökonomen‘!“). Auf der trivialen Oberfläche meint das: Es gibt auch noch andere Ökonomen als Feld, Schmidt & Co. Die härtere Deutung wäre: Diese Leute sind überhaupt keine richtigen Ökonomen. In seiner Polemik jedenfalls ist Fratzscher nicht zimperlich; dünnhäutig wird er erst, sobald er selbst ins Feuer der Kritik gerät.

Das alles wäre als Zeichen von Lebendigkeit eines engagierten Forschers im sonst so langweiligen akademischen Elfenbeinturm begrüßenswert oder wenigstens hinnehmbar, bestünde nicht Anlass zur Sorge, dass das Profil und Geschäftsmodell des SPD-Claqueurs an der Spitze des DIW die wirtschaftspolitische Beratung in Deutschland noch stärker in Misskredit bringen könnte, als sie es ohnehin schon ist. Denn die Öffentlichkeit ist spätestens seit der Finanzkrise in weiten Teilen der Ansicht, auf die Aussagen von Ökonomen sei kein Verlass, nachdem diese, Blindgängern gleich, den Zusammenbruch der Banken und den Absturz der Finanzmärkte mehrheitlich nicht rechtzeitig gemeldet, ja noch nicht einmal geahnt hätten. Viele Wirtschaftswissenschaftler haben sich danach in ihr Schneckenhaus aus mathematischen Modellen zurückgezogen. Jene Ökonomen aber, die sich immer noch der wirtschaftspolitischen Beratung widmen, verbreiten gerne den Mythos, sie seien wie Platons Philosophenkönige politisch neutral und nur der Wahrheit oder der Wohlfahrt des Gemeinwesens verpflichtet.

Er biegt die Wahrheit, bis es quietscht

Dies ist exakt das Bild, das Fratzscher von sich gerne sehen möchte. Er gibt den Platoniker, strikt den großen Sachthemen verpflichtet. Eine besondere Nähe zur SPD leugnet er, was hierzulande außer ihm wohl kaum ein Zweiter behaupten würde. Meldungen, er schreibe (unter anderen zusammen mit dem Ökonomen Peter Bofinger) an einem Papier für Martin Schulz, will er erst gar nicht kommentieren. Aus einem aus Anlass dieses Artikels mit ihm geführten längeren Gespräch darf hier nicht zitiert werden. Fast könnte man meinen, die Nähe zur SPD hätte etwas Anrüchiges.

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