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Dirk Niebels Afrikareise : Im Herzen der Finsternis

Die erste große Dienstreise von Dirk Niebel als Entwicklungsminister: Ruanda, Kongo, Moambique Bild: dpa

Früher wollte Dirk Niebel das Entwicklungsministerium abschaffen. Nun fährt er als Entwicklungsminister nach Afrika. Am Ende seiner Reise hat er „gelernt, dass die Zusammenarbeit nicht so schnell beendet werden kann.“ Manfred Schäfers hat Dirk Niebel auf seinem Weg durch Afrika begleitet.

          Sie tanzen, sie trommeln, sie singen. Ob Schule, Flüchtlingslager oder Nationalpark, ob Ruanda oder Kongo, die Begrüßung ist stets dieselbe, wenn Dirk Niebel kommt: bunt, fröhlich, herzlich. So schön kann Afrika sein, so schön ist es, Entwicklungsminister zu sein. Der FDP-Politiker lernt gerade die angenehmen Seiten seines neuen Amtes kennen. Seine erste große Reise führt mitten ins Herz der Finsternis, dorthin, wo die Not so groß ist, dass viele Menschen hungern, von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen und zuweilen sogar um ihr Leben fürchten müssen – wie im Osten Kongos, wo der Bürgerkrieg immer noch nicht endgültig überwunden ist. So hässlich kann Afrika sein. Weil das so ist, gibt es Geld – immer mehr. Deutschland dürfte am Ende dieses Jahres seine Hilfe für den Kontinent gegenüber 2004 verdoppelt haben. Das hat man auf dem Treffen der acht großen Industrieländer in Gleneagles vor fünf Jahren versprochen. Die direkte bilaterale Hilfe – einschließlich Schuldenerlass – ist bis 2008 um etwa zwei Drittel auf knapp 1,9 Milliarden Euro gestiegen. Die Zusagen künftiger Mittel haben sich schon mehr als verdoppelt.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Los geht Niebels Reise in Ruanda. Am Flughafen weist ein Schild darauf hin, dass Plastiktüten verboten sind. Das Land zeigt sich unafrikanisch sauber, Menschen reinigen regelmäßig die Straßen und Grünflächen. Wie deutsche Fachleute Niebel versichern, ist die Hilfe sehr effektiv, weil die Behörden mitziehen. Nicht umsonst steht das Land in dem Ruf, ein autoritäres Entwicklungsregime zu haben. Im Gespräch mit Präsident Paul Kagame mahnt Niebel, mit der wirtschaftlichen Entwicklung müsse eine Stärkung der Zivilgesellschaft einhergehen. Doch vom Schwung der Regierung zeigt er sich angetan. „Die wollen etwas erreichen, das finde ich faszinierend.“ Der Minister bekräftigt in Kigali seine Überzeugung, die deutsche Entwicklungshilfe mache sich im Idealfall selbst überflüssig, weil sie dann erfolgreich war.

          Grau, schmuddelig und zuweilen aggressiv

          Jenseits der Grenze erwartet den Minister eine andere Welt: Nicht grün, aufgeräumt und freundlich, sondern grau, schmuddelig und zuweilen aggressiv zeigt sich die Provinzstadt Goma. Im nahe gelegenen Flüchtlingslager Muganga III, wo Menschen leben, die vor dem Bürgerkrieg geflohen sind, begegnet Niebel den vielfältigen Arten der humanitären Hilfe. Mit seiner alten Bundeswehrmütze vom Einzelkämpferlehrgang gibt er dort ein ungewöhnliches Bild ab. Er spricht mit vielen. „Ich bin vor dem Krieg geflohen“, sagt Teresa, die mit ihrem Mann und ihren neun Kindern in dem Lager lebt. „Jetzt sind wir dabei, unsere innere Stabilität wiederzugewinnen.“ Sie hat dort die Chance zu lernen, wie man Seife, Läufer oder Taschen herstellt, um damit Geld zu verdienen. Zwischen den Hütten trifft er eine Witwe mit sieben Kindern, die Bohnen kocht. Es wird ihre einzige Mahlzeit am Tag sein, wie sie sagt. Waren vor wenigen Monaten noch insgesamt 120.000 Menschen in sieben Flüchtlingslagern, sind es jetzt nur noch knapp 1800 in diesem Lager. Die anderen konnten geschlossen werden. Das deutet auf eine bessere Sicherheitslage hin. Dafür spricht auch, dass die Schutztruppe der Vereinten Nationen, Monuc, angekündigt hat, bis Ende Mai einen Abzugsplan vorzulegen.

          Doch als der Minister zum Virunga-Nationalpark aufbricht, zwei Stunden Holperfahrt von Goma entfernt, gibt ihm Monuc mit mehreren Panzerfahrzeugen Geleitschutz. Dort angekommen, darf er eine Parade der Ranger abnehmen. Wie Parkdirektor Emanuel De Merode berichtet, sind allein dort im Bürgerkrieg 140 Ranger getötet worden, als sie versuchten, den Lebensraum der Gorillas gegen Kämpfer zu verteidigen, die dort ungestört Holzkohle gewinnen wollten. Schätzungsweise 220 Berggorillas leben heute dort, außerdem 16 ostafrikanische Flachlandgorillas. Wenn das Land sicherer wäre, könnte dieser Park zum Magnet für Touristen werden. Deutschland unterstützt ihn und den gesamten Regenwald Kongos. Mit rund 50 Millionen Euro will man bis 2013 etwas für die Artenvielfalt und das Klima tun, aber auch für die arme Bevölkerung in der Nähe der Schutzgebiete.

          „Gelernt, dass die Zusammearbeit nicht so schnell beendet werden kann“

          Diplomatisch verpackt, aber unmissverständlich kritisiert Niebel am Abend die verbreitete Korruption, die bisher jede Entwicklung verhindert hat. Anders als Kongos Umweltminister Josè Endundo und die gesamte Elite in Ruanda zeige hier nicht jeder aus der Führungsschicht das notwendige Engagement für die Entwicklung des Landes. Man werde, wo man es vor dem deutschen Steuerzahler verantworten könne, weiter mit dem Land zusammenarbeiten und ansonsten versuchen, auf bessere Bedingungen hinzuwirken.

          Zum Schluss der ersten großen Dienstreise geht es nach Moambique, wo der Minister unter anderem Projekte besuchen wird, die mit Mikrokrediten finanziert wurden. Wie er selbst sagt, ist das einem Liberalen spontan sympathisch, sind doch solche Kredite unmittelbar Hilfe zur Selbsthilfe. Der Mann, der als Generalsekretär selbst gerne kräftig trommelte, der mit seiner Partei das Entwicklungsministerium eigentlich abschaffen und im Auswärtigen Amt aufgehen lassen wollte, erweist sich in Afrika als lernfähig. Wenn es sein muss, korrigiert er eine Position, die er forsch aufgestellt hatte. So stellt er in Ruanda fest: „Nach dem, was ich außerhalb von Kigali gesehen habe, habe ich gelernt, dass die Zusammenarbeit nicht so schnell beendet werden kann.“

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