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Die wichtigsten Argumente : Mindestlohn im Faktencheck

Was bringt ein gesetzlicher und flächendeckender Mindestlohn? Bild: dpa

Ein Mindestlohn vernichtet Arbeitsplätze. Das sagt die Theorie. Aber gilt das heute noch? Wir prüfen die wichtigsten Einwände.

          7 Min.

          Deutschland steht vor einem historischen Schritt: der Einführung eines Mindestlohns für alle. Geht es dann gerechter und sozialer zu in unserer Arbeitswelt, wie die Anhänger des Mindestlohns behaupten? Oder verlieren Menschen, die bislang schon von einem sehr niedrigen Lohn leben mussten, jetzt auch noch ihren Arbeitsplatz, weil ihr Arbeitgeber die höheren Löhne nicht zahlen will oder kann?

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zumindest in volkswirtschaftlichen Lehrbüchern ist die Wirkung von Mindestlöhnen ganz einfach: Sie wird anhand des sogenannten neoklassischen Modells erklärt. Darin gibt es zwei Linien: Die eine steht für das Angebot von Arbeit durch die Arbeitnehmer, die andere für die Nachfrage nach Arbeitern durch die Arbeitgeber. An einer Stelle schneiden sich die Linien: dort sind Angebot und Nachfrage gleich groß und dieser Lohn (er wird „Gleichgewichtslohn“ genannt) kommt heraus, wenn der Markt funktioniert und der Staat sich raushält.

          Ein Mindestlohn, der über dem Gleichgewichtslohn liegt, führt in diesem Modell zu Arbeitslosigkeit. Ein Mindestlohn unterhalb des Gleichgewichtslohns hingegen hat keine Auswirkungen auf die Beschäftigung – bringt den Arbeitnehmern aber auch nicht mehr Geld.

          Passt das Modell der neoklassischen Ökonomen zu unserer Wirklichkeit? Nein, sagen die Befürworter eines Mindestlohns. Prüfen wir, wie gewichtig diese Argumente sind, die eine schädliche Wirkung des Mindestlohns bestreiten.

          1. Die Arbeitgeber diktieren die Löhne.

          Das Lehrbuchmodell setzt voraus, dass viele Arbeitgeber und Arbeitnehmer untereinander konkurrieren – und der Lohn sich im Wettbewerb bildet. Das muss nicht stimmen. Befürworter des Mindestlohns argumentieren, dass Arbeitgeber oft Marktmacht haben. Wenn es im Extremfall in einem Ort nur einen großen Arbeitgeber, aber ein Heer von Arbeitslosen gibt, ist der Arbeitgeber in der besseren Position. Er kann den Lohn drücken – seinen Leuten weniger zahlen, als sie ihm einbringen, und den Gewinn einstreichen. Wird in dem Fall eine Mindestlohnregelung eingeführt, die den Lohn in Richtung Normalfall erhöht, kostet das keine Stellen.

          Das Problem dabei: Selbst wenn es solche Fälle gibt, ist es schwer, die Höhe des Mindestlohns genau so festzusetzen, dass er diese ausgleichende Wirkung hat.

          2. Die Arbeitnehmer haben keine andere Wahl.

          Eine weitere Voraussetzung für das Lehrbuchmodell ist, dass das Angebot von Arbeit sich verhält wie das Angebot einer Ware. Ob das stimmt, darüber gibt es in der Ökonomie seit langem Streit. Schon Walter Eucken (1891–1950) hielt eine „Anomalie auf dem Arbeitsmarkt“ für möglich. Was ist damit gemeint? Anders als bei Waren muss das Angebot von Arbeit nicht kontinuierlich mit dem Preis steigen und fallen. Wenn Leute sehr wenig verdienen und der Lohn sinkt, arbeiten sie unter Umständen sogar mehr, um über die Runden zu kommen: Sie sind nämlich auf das Einkommen angewiesen.

          Wie im neoklassischen Modell würden sich Arbeitnehmer nur verhalten, wenn ihr Lebensunterhalt durch Vermögen gesichert wäre. Dann könnten sie frei je nach Lohn überlegen, wie viel Arbeit sie anbieten, und ihr Angebot notfalls auf null senken, wenn der Lohn zu mickrig ist. Aber so ist die Welt nicht.

          Auch sonst gibt es beim Arbeitsangebot Unterschiede zwischen Theorie und Praxis. Eine Verkäuferin bei Penny weiß vielleicht gar nicht, was sie bei Lidl im Nachbarort verdienen könnte. Oder sie sagt sich: „Die zahlen vielleicht mehr, aber dafür wäre die Fahrt zum Kindergarten weiter.“ Zudem ist die Suche eines neuen Arbeitsplatzes mit Kosten verbunden. Das alles spricht dafür, dass viele Arbeitnehmer die Löhne in ihrer Firma einfach hinnehmen, statt zu wechseln, bis sie das Maximum beim Lohn (den „Gleichgewichtslohn“ ) erreicht haben. Das würde bedeuten, es gibt Spielraum für einen Mindestlohn ohne Arbeitsplatzverluste – aber keiner weiß, wie viel.

          3. Höhere Löhne bedeuten zusätzliche Motivation.

          Eine Kernthese der neoklassischen Theorie ist, dass der Lohn nicht ohne Schaden durch einen staatlichen Eingriff von der Produktivität der Arbeit abgekoppelt werden kann: Das heißt, die Kosten für einen Arbeitsplatz dürfen durch einen Mindestlohn nicht auf Dauer über dem Ertrag des Unternehmens durch die Arbeit liegen. Sonst streicht der Unternehmer Arbeitsplätze – oder geht selbst pleite.

          Allerdings gibt es ökonomische Studien, die zeigen, dass die Produktivität keineswegs starr und völlig unabhängig vom Lohn ist. Am Beispiel von Dachdeckern und Mitarbeitern in Altenheimen haben Wissenschaftler gezeigt, dass diese unter Umständen produktiver arbeiten, wenn sie einen höheren Lohn bekommen und das Gefühl haben, dass ihre Arbeit angemessene Wertschätzung erfährt. Ihre Leistung je Stunde für das Unternehmen steigt dann. Sie strengen sich mehr an. Das zeigt: Löhne sind nicht nur Kosten für Unternehmen – sie können auch die Produktivität beeinflussen. Allerdings ist die Sache vage und im Ausmaß schwer vorherzusagen.

          4. Die Kunden zahlen die höheren Löhne.

          Im Lehrbuchmodell kann das Unternehmen die Preise nicht einfach erhöhen, weil es sonst entsprechend weniger Kunden hätte. Das muss aber nicht so sein. Beispiel Friseure: Die bekommen im Moment einen tariflichen Mindestlohn von 7,50 Euro im Westen und 6,50 Euro im Osten. Künftig sollen sie im Osten zwei Euro mehr bekommen. Der Friseurmeister könnte das einfach auf die Kunden umlegen; der Haarschnitt würde um 30 Prozent teurer.

          Ob das funktioniert, hängt davon ab, ob der Friseur höhere Preise durchsetzen kann – ob die Kunden das also mitmachen.

          Befürworter des Mindestlohns argumentieren: Weil der Mindestlohn alle Friseure gleichermaßen trifft, werden alle die Preise im Gleichschritt erhöhen. Kein Kunde kann sich besserstellen, indem er wechselt. Ob sie recht haben, hängt von der sogenannten „Elastizität“ der Nachfrage ab: Wie werden die Kunden auf höhere Preise reagieren? Können sie zu einem Konkurrenten wechseln? Können Sie auf das Produkt oder die Dienstleistung verzichten? Oder können sie diese durch eine andere ersetzen – Substitution betreiben, wie die Ökonomen sagen?

          Beim Friseur könnte man sich vorstellen, dass einige Kunden sich die Haare nach Feierabend schwarz schneiden lassen. Andere gehen seltener zum Friseur. Wieder andere kaufen sich selbst eine Maschine zum Haarschneiden. Das Mischungsverhältnis aus diesen Reaktionen entscheidet darüber, ob der Mindestlohn Arbeitsplätze vernichtet.

          Selbst Befürworter des Mindestlohns räumen ein, dass es für Branchen wie die Friseure im Osten besonders schwer wird – weil es für die Kunden viele Ausweichmöglichkeiten gibt.

          5. Wer mehr verdient, kann auch mehr ausgeben.

          Höhere Löhne bedeuten nicht nur höhere Kosten fürs Unternehmen, sondern auch mehr Geld in der Tasche der Arbeitnehmer. In Deutschland konnte man diesen „Kaufkrafteffekt“ in den vergangenen Jahren gut beobachten: Die Lohnabschlüsse waren ordentlich und der Konsum hat entsprechend zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Dieser Effekt wird im Arbeitsmarktmodell der neoklassischen Theorie vernachlässigt – dafür betonen ihn keynesianische Ökonomen. Für den Mindestlohn heißt das: Wenn in einer strukturschwachen Region viele Leute von niedrigen Löhnen gelebt haben, kann die Einführung des Mindestlohns die Kaufkraft stärken. Die Leute kaufen dann mehr ein und gehen häufiger zum Friseur. Das kann zu neuen Stellen in Geschäften und Friseursalons führen.

          Allerdings gibt es dabei einige Unwägbarkeiten: Was ist, wenn die Friseurin, die jetzt mehr Lohn bekommt, dafür einen koreanischen Fernseher kauft? Dann geht ein Großteil des Geldes ins Ausland – und die heimische Region hat nichts davon.

          6. Ein Mindestlohn spart dem Staat Geld.

          Im einfachen Lehrbuchmodell gibt es keine Hartz-IV-Empfänger und keine Menschen, die ihren Lohn aufstocken lassen. In der Wirklichkeit schon: Etwa 1,3 Millionen Menschen verdienen in Deutschland so wenig, dass sie zusätzlich zu ihrem Lohn noch Geld vom Staat bekommen. Diese Zahl könnte abnehmen, wenn die Arbeitgeber durch einen Mindestlohn gezwungen werden, mehr zu zahlen. Sie wird nicht verschwinden, weil die Möglichkeit zum Aufstocken auch von der Familiengröße abhängt, nicht nur vom Lohn. Die Bundesagentur hält aber eine Verringerung um 300.000 Aufstocker zumindest für denkbar. Den Unternehmen würde die Möglichkeit genommen, die Löhne gezielt unter das Existenzminimum zu senken, weil sie wissen, dass der Staat für den Rest aufkommt. Der Steuerzahler würde entlastet von sozialpolitischen Aufgaben – der Arbeitgeber belastet.

          7. Grau ist alle Theorie.

          Die Welt ist halt anders als das neoklassische Modell, ist das grundsätzlichste Argument der Mindestlohn-Befürworter: Dazu wird auf Staaten verwiesen, in denen ein Mindestlohn eingeführt wurde und es nicht zu dem erwarteten Stellenabbau kam. Ein Beispiel ist England. Dort wurde 1999 ein nationaler Mindestlohn eingeführt – ohne dass die Friseurläden reihenweise schließen mussten oder die Leute mit langen, ungepflegten Haaren durch die Gegend liefen.

          Das Argument hat allerdings zwei Schwächen: Zum einen gibt es Länder wie Frankreich, in denen der Mindestlohn Arbeitsplätze kostet. Zum anderen kann man das Beispiel England unterschiedlich deuten: Wenn man das neoklassische Modell verteidigen will, kann man sagen, in England liegt der Mindestlohn mit umgerechnet 7,42 Euro eben unter dem Gleichgewichtslohn, deshalb ist nicht viel passiert – in Frankreich liegt er mit 9,43 Euro darüber, deshalb gibt es dort etwa eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Genau so prognostiziert es die Theorie.

          Für Deutschland wurden die Folgen der Einführung eines Mindestlohns für die Bauwirtschaft in einer Studie der Bundesagentur für Arbeit genau untersucht. Das Ergebnis: In Ostdeutschland kostete der Mindestlohn Arbeitsplätze – im Westen entstanden neue. Das mag damit zusammenhängen, dass die Löhne im Westen vorher schon höher waren und sich die westdeutsche Bauwirtschaft mit dem Mindestlohn auch gegen die billige Konkurrenz aus dem Osten schützen wollte.

          Fazit

          Die neuere Forschung in der Wirtschaftswissenschaft – es gibt allein aus der letzten Zeit 80 bis 100 Studien – hat den Mechanismus des neoklassischen Modells als zu schlicht entlarvt. Allerdings: Das Ergebnis ist vor allem Uneindeutigkeit. Wie ein Mindestlohn wirkt, ist unterschiedlich in strukturschwachen und wirtschaftlich starken Regionen, hängt von der Möglichkeit des Ersatzes oder der Verlagerung von Tätigkeiten ab und von der Intensität des Wettbewerbs zwischen Unternehmen.

          Sicher ist aber auch: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Lohn und Produktivität – dafür braucht man kein Modell. Auf Dauer kann es nicht funktionieren, dass Arbeitgeber ihren Leuten mehr für eine Tätigkeit zahlen, als diese ihrem Unternehmen einbringt. Hebt man die unteren Löhne flächendeckend kräftig an, wird es immer Leute geben, bei denen diese Schwelle überschritten ist.

          Ob das gleich 1,2 Millionen Arbeitsplätze kosten muss, wie die Arbeitgeberverbände behaupten, sei dahingestellt. Es wäre zumindest ganz plausibel, dass eine ansonsten sehr dynamische Wirtschaft das insgesamt irgendwie auch wieder ausgleichen kann. Das muss aber nicht für jeden einzelnen Arbeitnehmer gelten. Es wird einfache Tätigkeiten geben, für die lässt sich einfach nicht beliebig viel zahlen. Wenn der Bauer für das Sortieren von Himbeeren mehr berappen muss, als er an einem Schälchen später verdient, wird die Arbeit früher oder später eingestellt, verlagert – oder schwarz erledigt. Summa summarum: Die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns ist ein hoch riskantes Experiment, dessen Ausgang niemand kennt.

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