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Die wichtigsten Argumente : Mindestlohn im Faktencheck

3. Höhere Löhne bedeuten zusätzliche Motivation.

Eine Kernthese der neoklassischen Theorie ist, dass der Lohn nicht ohne Schaden durch einen staatlichen Eingriff von der Produktivität der Arbeit abgekoppelt werden kann: Das heißt, die Kosten für einen Arbeitsplatz dürfen durch einen Mindestlohn nicht auf Dauer über dem Ertrag des Unternehmens durch die Arbeit liegen. Sonst streicht der Unternehmer Arbeitsplätze – oder geht selbst pleite.

Allerdings gibt es ökonomische Studien, die zeigen, dass die Produktivität keineswegs starr und völlig unabhängig vom Lohn ist. Am Beispiel von Dachdeckern und Mitarbeitern in Altenheimen haben Wissenschaftler gezeigt, dass diese unter Umständen produktiver arbeiten, wenn sie einen höheren Lohn bekommen und das Gefühl haben, dass ihre Arbeit angemessene Wertschätzung erfährt. Ihre Leistung je Stunde für das Unternehmen steigt dann. Sie strengen sich mehr an. Das zeigt: Löhne sind nicht nur Kosten für Unternehmen – sie können auch die Produktivität beeinflussen. Allerdings ist die Sache vage und im Ausmaß schwer vorherzusagen.

4. Die Kunden zahlen die höheren Löhne.

Im Lehrbuchmodell kann das Unternehmen die Preise nicht einfach erhöhen, weil es sonst entsprechend weniger Kunden hätte. Das muss aber nicht so sein. Beispiel Friseure: Die bekommen im Moment einen tariflichen Mindestlohn von 7,50 Euro im Westen und 6,50 Euro im Osten. Künftig sollen sie im Osten zwei Euro mehr bekommen. Der Friseurmeister könnte das einfach auf die Kunden umlegen; der Haarschnitt würde um 30 Prozent teurer.

Ob das funktioniert, hängt davon ab, ob der Friseur höhere Preise durchsetzen kann – ob die Kunden das also mitmachen.

Befürworter des Mindestlohns argumentieren: Weil der Mindestlohn alle Friseure gleichermaßen trifft, werden alle die Preise im Gleichschritt erhöhen. Kein Kunde kann sich besserstellen, indem er wechselt. Ob sie recht haben, hängt von der sogenannten „Elastizität“ der Nachfrage ab: Wie werden die Kunden auf höhere Preise reagieren? Können sie zu einem Konkurrenten wechseln? Können Sie auf das Produkt oder die Dienstleistung verzichten? Oder können sie diese durch eine andere ersetzen – Substitution betreiben, wie die Ökonomen sagen?

Beim Friseur könnte man sich vorstellen, dass einige Kunden sich die Haare nach Feierabend schwarz schneiden lassen. Andere gehen seltener zum Friseur. Wieder andere kaufen sich selbst eine Maschine zum Haarschneiden. Das Mischungsverhältnis aus diesen Reaktionen entscheidet darüber, ob der Mindestlohn Arbeitsplätze vernichtet.

Selbst Befürworter des Mindestlohns räumen ein, dass es für Branchen wie die Friseure im Osten besonders schwer wird – weil es für die Kunden viele Ausweichmöglichkeiten gibt.

5. Wer mehr verdient, kann auch mehr ausgeben.

Höhere Löhne bedeuten nicht nur höhere Kosten fürs Unternehmen, sondern auch mehr Geld in der Tasche der Arbeitnehmer. In Deutschland konnte man diesen „Kaufkrafteffekt“ in den vergangenen Jahren gut beobachten: Die Lohnabschlüsse waren ordentlich und der Konsum hat entsprechend zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Dieser Effekt wird im Arbeitsmarktmodell der neoklassischen Theorie vernachlässigt – dafür betonen ihn keynesianische Ökonomen. Für den Mindestlohn heißt das: Wenn in einer strukturschwachen Region viele Leute von niedrigen Löhnen gelebt haben, kann die Einführung des Mindestlohns die Kaufkraft stärken. Die Leute kaufen dann mehr ein und gehen häufiger zum Friseur. Das kann zu neuen Stellen in Geschäften und Friseursalons führen.

Allerdings gibt es dabei einige Unwägbarkeiten: Was ist, wenn die Friseurin, die jetzt mehr Lohn bekommt, dafür einen koreanischen Fernseher kauft? Dann geht ein Großteil des Geldes ins Ausland – und die heimische Region hat nichts davon.

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