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Brexit-Referendum : „Wir haben Europa verpfuscht“

Wahlkampf auf dem Wasser: Beide Lager machen Stimmung auf der Themse. Bild: Bloomberg

Wer das Brexit-Referendum verstehen will, der muss seine Vorgeschichte kennen. Schon Churchill wollte nicht so recht zur europäischen Familie gehören – und doch wurde diese später für die Briten zur Rettung.

          Bei diesem Anblick kann der Lord nicht widerstehen: „Sorry, davon muss ich ein Foto machen“, sagt David Owen und zückt sein Smartphone. Es ist Mittwochmittag in den ehrwürdigen Hallen des britischen Oberhauses. Dunkle Holzvertäfelungen an den Wänden, weiche Teppichböden und sieben Jahrhunderte parlamentarische Tradition. Aber das, was sich gerade draußen vor den Fenstern der Abgeordneten-Bar des House of Lords auf der Themse abspielt, hat man auch hier noch nicht oft gesehen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf dem Fluss ist eine Art Seeschlacht entbrannt: Wenige Tage vor dem Referendum über den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union haben britische EU-Gegner eine Flotte von Fischerbooten in Gang gesetzt, um auf der Themse für den „Brexit“ zu demonstrieren. Großbritanniens Proeuropäer wiederum haben einen Ausflugsdampfer gechartert und halten mit Megaphonen und Rockmusik aus den Lautsprechern dagegen. Britischer Spaßwahlkampf. Noch ahnt niemand, dass er nur 24 Stunden später mit der Ermordung der proeuropäischen Abgeordneten Jo Cox eine brutale Wendung nehmen wird.

          Das Foto ist gemacht, und Lord Owen sitzt wieder auf seinem Stuhl. 77 Jahre ist der frühere Außenminister alt, und mehr als ein halbes Jahrhundert lang war Owen zwar ein kritischer, aber dennoch überzeugter Befürworter von Großbritanniens EU-Mitgliedschaft. Doch dieses Jahr hat der Sozialdemokrat seine Meinung geändert: Beim Referendum kommenden Donnerstag wird Owen für den Austritt stimmen. Wie er im hohen Alter zum EU-Gegner geworden ist?

          „Wir haben Europa verpfuscht“

          „Wir haben Europa verpfuscht“, sagt Owen. „Und zwar mit der Europäischen Währungsunion.“ Zum Glück seien die Briten schlau genug gewesen, das Pfund zu behalten. Das Problem aber bleibe: Sein Land habe in den vergangenen sechs Jahren geduldig abgewartet, ob die Mitglieder des Euroraums fähig zu Reformen seien. Vergebens. „Jetzt sollten wir uns nicht zieren, den Interessen unserer eigenen Bürger Vorrang zu geben“, findet er.

          „Die Währungsunion kann nur überleben, wenn sich die Eurozone in einen Bundesstaat verwandelt. Aber ich war immer strikt dagegen, dass Großbritannien Teil eines europäischen Bundesstaates wird.“ Deshalb stimmt Owen für den Brexit. Das Wort Euroskeptiker habe er nicht so gern, sagt er. „Ich mag nämlich Europa.“ Nur mit der EU hat er gebrochen.

          Verhältnis mit vielen Wendungen

          Großbritannien und sein Verhältnis zu den europäischen Nachbarn – das ist seit dem Zweiten Weltkrieg eine Geschichte mit vielen Wendungen. Begonnen hat sie vor 70 Jahren: Im September 1946 hält Winston Churchill an der Universität von Zürich eine Rede, in der er kurz nach dem Schrecken des Krieges zur „Erneuerung der europäischen Familie“ aufruft. „Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten.“ Die Worte des Briten gehen in die Geschichte ein.

          Der britische Premierminister Sir Winston Churchill sah Großbritannien in einer Sonderrolle: „Wir sind verbunden, aber nicht Teil Europas.“

          Aber für Churchill steht auch fest, dass sein Land in dieser Familie nur ein entfernter Verwandter ist. „Wir sind verbunden, aber nicht Teil Europas“, so hat er es schon in früheren Jahren formuliert. Diese Formel wird über Jahrzehnte Bestand haben: 1957 gründen Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande in Rom die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die Vorläuferin der EU. Die Briten machen nicht mit. „Großbritanniens Interessen liegen jenseits von Europa“, hat ein paar Jahre zuvor der britische Premier Anthony Eden verkündet. „Unsere Gedanken schweifen über die Meere.“

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