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Die Sonne lacht im Freistaat : Bayerns Bauern verdienen gut am Solarstrom

  • -Aktualisiert am

Hier wird Sonne geerntet Bild: Rainer Wohlfahrt

40 Prozent der Solarförderung fließt nach Bayern. Die größten Profiteure sind die Landwirte. Jeder rechnende Bauer hat mittlerweile Solarmodule auf dem Scheunedach. Deswegen ist die CSU plötzlich öko.

          Weizen, Zuckerrüben, Kartoffeln - alles Ernte von gestern. Sonne soll jetzt geerntet werden auf den Feldern von Gut Harthof in Niederbayern. In der Nähe von Straubing will die Fürstenfamilie Thurn und Taxis auf der riesigen Fläche von 190 Hektar (1,9 Millionen Quadratmeter) Solarpanele aufstellen. Das könnte einer der größten Solarparks der Welt werden. Gut 300 000 Euro hat Fürstensohn Albert schon in die Planung gesteckt, sagt sein Verwalter.

          Der blaublütige Herr investiert aber nicht, weil er im Herzen grün ist, sondern weil er gerechnet hat: Auf 20 Jahre garantiert der Gesetzgeber Solaranlagenbetreibern eine Vergütung, wenn sie ihren Strom ins Netz einspeisen - für Äcker derzeit 28,75 Cent je Kilowatt. Die 180 Millionen Euro teure Anlage von Prinz Albert soll bis zu 65 Megawatt schaffen, bis zu 18 Millionen Euro will er jedes Jahr erwirtschaften.

          Allerdings hat der 26 Jahre alte Prinz ein Timing-Problem, das ihm die schöne Rechnung verhageln kann. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) will Photovoltaik-Anlagen auf Ackerland nicht länger fördern. Geld sollen nur noch Solarparks bekommen, für die es schon vor dem 1. Januar dieses Jahres einen Bebauungsplan gab. So lautet jedenfalls die Beschlusslage des Bundeskabinetts von Anfang März. Thurn und Taxis könnte zu spät kommen.

          Doch die bayrische Regierung lässt ihre Landeskinder nicht im Regen stehen. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) wettert gegen Röttgens Pläne, die das Kabinett abgesegnet hat: Die Kürzungspläne seinen "zu abrupt" und "zu drastisch", es drohten "schwere Marktverwerfungen" und der Verlust "wertvoller Arbeitsplätze" im Handwerk und in der Solarbranche.

          Kein Wunder: In kaum einem Bundesland profitieren die Bewohner mehr von der Solarförderung. Im Freistaat stehen 40 Prozent der deutschen Photovoltaik-Anlagen auf Dächern und Feldern. Und hier verzeichnet die Bundesnetzagentur auch den größten Zubau (siehe Grafik).

          Milchsubventionen sind unsicher - da kommt die Solarförderung gerade recht

          Zwar sind Anlagen auf Äckern nur ein kleiner Teil des Kuchens, 90 Prozent werden auf Dächern installiert, schätzt der Bundesverband Solarwirtschaft. Aber jeder anständige Bauer hat ein Scheunendach, und jeder Bauer, der rechnen kann, bestellte sich in den vergangenen Jahren eine Anlage für dieses Dach. Vor allem 2009, als die Preise für Solarmodule in den Keller rauschten.

          Jeder fünfte Kunde mit Dachanlage stammt aus der Landwirtschaft, meldet die Solarwirtschaft freudig: "ein großes und stabiles Kundensegment". 60 neue Solarparks sind 2009 allein in Niederbayern entstanden. Der Solarwirtschaftsverband schätzt, dass alle Bauern bundesweit bis Ende 2009 gut 280 Megawatt Solarstromleistung auf ihren Dächern installiert haben - 11 Prozent mehr im Jahr zuvor. Und der Bauernverband meldet, in diesem Jahr werde jeder zehnte Landwirt in Photovoltaik investieren. Mögen die Bauern das Vertrauen in Brüsseler Subventionen für ihre Milch verlieren - 20 Jahre Einspeisevergütung für Solarstrom klingen auch nicht schlecht.

          Wundern mag man sich höchsten über die offensichtliche Volte der CSU, die jüngst noch Solaranlagen auf Äckern und Weidegrund bekämpft hat. Noch auf der Klausurtagung in Kreuth im Januar hatte die Partei verkündet, Solarenergie müsse "runter vom Acker und rauf aufs Dach". Überhaupt verschlinge die Photovoltaik "übermäßig viel" von der gesamten Förderung regenerativer Energien. Zwei Monate später macht die Partei nun die Rolle rückwärts.

          Die Bauern-Lobby ist zerstritten

          Allein ein Anruf aus dem Hause Thurn und Taxis dürfte die Landesregierung nicht umgestimmt haben. "Vielleicht hat die CSU einfach begriffen, dass die Solarförderung wie ein Länderfinanzausgleich wirkt - nur in diesem Fall zum Vorteil der Bayern", sagt Bernd Schüßler, Sprecher der Fachzeitschrift Photon. Denn die Förderung der Photovoltaik wird auf alle Stromkunden bundesweit umgelegt, unabhängig davon, ob sie sich eine eigene Anlage leisten können und ob sie im sonnigen Bayern oder im grauen Bremen leben. "40 Prozent der Einspeisevergütung fließt nach Bayern, das sind für die 2009 gebauten Anlagen rund 4 Milliarden Euro", erläutert Schüßler.

          Allerdings ist die Bauern-Lobby unter sich zerstritten, was man von Solarparks halten soll. Die Antwort hängt für den einzelnen Bauern davon ab, ob er Land besitzt oder Land braucht. Die Pächter von Weideland für Milchkühe klagen, dass die Solaranlagenbauer ihnen die Preise verderben. Rund 200 Euro kostet laut bayrischem Pachtspiegel die Pacht für einen Hektar Weideland. Die Solarpächter zahlten den Landwirten bis zu 3000 Euro je Hektar, heißt es in Branchenkreisen. So fürchten Kleinbauern, dass Großprojekte wie das von Thurn und Taxis die Viehzucht für sie unbezahlbar macht. "Landwirtschaftsfremde Investoren sichern sich fruchtbaren Boden und verdrängen die Landwirte", klagt der Bauernsprecher.

          Tatsächlich entscheiden sich viele Landwirte inzwischen für das noch lukrativere Geschäftsmodell, die Anlage gleich selbst zu betreiben. Den Bau und die Wartung übertragen sie externen Projektentwicklern - geerntet wird selbst. Das Modell hat noch einen Vorteil: Es ist keine Einbahnstraße. Will der Bauer nach 20 Jahren als Solarunternehmer zurück zu seinen Wurzeln, ist seine Scholle nicht verloren. Schließlich wird der Acker nicht versiegelt, sondern liegt brach unter den Modulen.

          Weil Bayerns Bauern also Gewinner und Verlierer der Solarförderung sein können, verfolgt die CSU einen Mittelweg. "Die Solarförderung für Äcker darf nicht ersatzlos gestrichen werden", fordert der Abgeordnete Georg Nüßlein. Dann müssten zum Ausgleich andere Flächen stärker unterstützt werden. Und die Fraktion will sich auch für mehr Vertrauensschutz für Anlagen im Bau stark machen. Förderung sollten zum Beispiel auch Acker-Solarparks erhalten, für die 2010 schon ein Aufstellungsbeschluss existierte. Das würde für Prinz Albert von Thurn und Taxis genau passen.

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