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Die Schuldenbilanz : Im Strudel der öffentlichen Defizite

Bild: F.A.Z.

Die Finanzmärkte haben begonnen, die Schuldnerländer Europas für übermäßige Defizite mit saftigen Zinsaufschlägen zu strafen. Das diszipliniert Regierungen wirksamer als die laschen Etatregelungen der EU. Eine Bilanz nach dem globalen Schuldenrausch.

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          Die Finanzmärkte lassen nicht locker. Nun haben sie die Retter im Blick und testen, welcher Staat sich übernommen hat in der Abwehr von Bankenkrise und Rezession. Drei Jahre lang galt in Industrieländern wie in wichtigen Schwellenländern nur ein Motto: Schulden mit Schulden zu bekämpfen. Überall sprangen die Regierungen, mal im Alleingang, mal konzertiert, mit öffentlichem Geld auf den Märkten ein, in denen private Kreditgeber und Investoren in großem Stil ausfielen.

          Heike Göbel
          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          In Gang gesetzt wurde die Kettenreaktion 2007 mit dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase. Das einmal gesäte Misstrauen gegen kunstvolle Kreditkonstrukte des Finanzsystems ließ sich mit punktuellen Hilfen nicht lange einfangen. 2008 sahen sich die Staaten zu weitreichenden Garantien und Finanzhilfen für die Banken gezwungen. Auch das sollte nicht reichen, die Verwerfungen im Finanzsystem hatten die Realwirtschaft erreicht. Der weltweite Aufschwung mündete in einen globalen Abschwung – und ein drittes Mal sahen sich die Regierungen gefordert, hohe Schulden zu machen, um Konsum und Investition zu stabilisieren und eine Kreditklemme zu vermeiden.

          Das staatliche Klotzen zeigt Wirkung: Im Jahr Vier nach der Hypothekenkrise erholen sich die Häusermärkte langsam, der Bankensektor hat sich stabilisiert und wirft teils schon wieder kräftige Gewinne ab, die Wirtschaften der meisten Industrieländer haben die Rezession hinter sich gelassen und beginnen den mühsamen Aufstieg. Die weltweite Produktion – 2009 erstmals nach 1946 real leicht geschrumpft – könnte in diesem Jahr schon wieder 4 Prozent wachsen, gestützt freilich vor allem auf ein kräftige Erholung in den Schwellenländern.

          Bild: F.A.Z.

          Überschattet wird der zarte Aufschwung nun aber in den Industrieländern von der hohen Schuldenlast. Der Problemlöser wird selbst zum Problem, das kleinere Übel zum größten: Die öffentlichen Hilfen haben die Defizite der Industriestaaten auf den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg katapultiert. Nach den Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) erhöht sich das Verhältnis von Schulden zur Wirtschaftsleistung (gemessen am Bruttoinlandsprodukt) in den entwickelten Ländern sprunghaft: Lag die Quote vor der Krise 2006 im Schnitt bei 78 Prozent, erreicht sie in diesem Jahr vermutlich schon 106 Prozent, 2014 könnte sie auf 114 Prozent steigen. In den öffentlichen Kassen der Entwicklungs- und Schwellenländer sieht es hingegen besser aus: Die durchschnittliche Schuldenquote – schon vor der Krise deutlich niedriger – hat sich durch die Krise nur um 2 Punkte auf 40 Prozent erhöht, vom nächsten Jahr an dürfte sie nach und nach auf 35 Prozent schrumpfen.

          Die Wirtschaften der entwickelte G-20 Staaten könnten schon jetzt leiden

          Die Staatsschuld westlicher Industrieländer wird sich bis 2014 um die Hälfte vergrößert haben. Damit nicht genug: Historische Untersuchungen zur Staatsverschuldung, die die amerikanischen Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart veröffentlicht haben, lassen erwarten, dass der Anstieg noch heftiger ausfallen könnte. Nach Bankenkrisen verschlechtert sich die Lage der öffentlichen Kassen in besonderem Maße nicht nur wegen der unmittelbaren Ausgaben zur Rettung des Finanzsystem, sondern weil die folgende Wirtschaftsschwäche Steuereinnahmen längere Zeit drückt.

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