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Insolvenz in Amerika : Deshalb ist Puerto Rico pleite

Von 2010 bis 2013 haben netto knapp 150 000 Menschen das Land verlassen. Bild: dpa

Die Karibikinsel Puerto Rico ist pleite. Das erinnert schwer an Griechenland – aber Puerto Rico kann auf wenig Hilfe aus Washington hoffen.

          3 Min.

          Wenige Länder, so schreibt die Ökonomin Anne Krueger, schaffen es, die Staatsschulden auf einem beherrschbaren Niveau zu halten, wenn ihre Volkswirtschaft stagniert. Unmöglich muss es für ein Land sein, dessen Wirtschaft seit einer Dekade schrumpft. Das ist der Fall auf der Karibikinsel Puerto Rico. Das Ergebnis wird jetzt sichtbar. Das weitgehend autonom regierte Land, das zum Territorium der Vereinigten Staaten gehört, bricht gerade unter der Schuldenlast von 72 Milliarden Dollar zusammen.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Am 3. August zahlte die Regierung eine Summe von 58 Millionen Dollar nicht zurück, die überwiegend von Bürgern der Insel gehalten wird. Doch auf dem Spiel stehen auch Renten vieler Amerikaner, die für ihre Altersversorgung auf Anleihen aus Puerto Rico gesetzt haben. Selbst Hedgefonds sind schwer besorgt, zumindest jene, die als Investoren einsprangen, als Puerto Rico auf den klassischen Kapitalmärkten keine Geldgeber mehr fand.

          Nicht, dass der Offenbarungseid eine Überraschung gewesen wäre. Der Gouverneur der Insel, García Padilla, hatte schon länger angekündigt, dass Puerto Rico der Zahlungsunfähigkeit gefährlich nahe kommen und den Teufelskreis der Schulden durch eine Einstellung der Zahlungen durchbrechen werde - mangels Alternativen. Die Ratingagenturen werten die Nichtzahlung als Zahlungsausfall und degradieren Puerto Rico damit auf die niedrigste Bewertungsstufe. Puerto Rico war jedoch schon vorher von den Kapitalmärkten weitgehend abgeschnitten, wie Krueger in ihrem Bericht für die Regierung des Landes schrieb. Die ehemals führende Mitarbeiterin von Weltbank und Internationalem Währungsfonds hatte die wirtschaftliche Lage des Landes im Auftrag des Gouverneurs untersucht, der Bericht war Ende Juni öffentlich geworden.

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          Was die Autoren vorfanden, war eine Volkswirtschaft, die zehn miese Jahre hinter sich hatte. Es begann 2006, als ein besonderes Steuerprivileg sein Ende fand. Bis dahin konnten amerikanische Unternehmen Steuern sparen, wenn sie Fabriken auf Puerto Rico errichteten. Die plausible Idee war es, im Land eine Industriestruktur aufzubauen, die von der Nähe des amerikanischen Festlands profitieren würde und die im Wettbewerb mit den Betrieben der aufstrebenden Schwellenländer bestehen könnte. Mit dem Steuernachlass sollte der Nachteil ausgeglichen werden, dass Puerto Rico sich an amerikanisches Arbeitsrecht inklusive der Mindestlöhne halten musste. Diese Politik der Wirtschaftsförderung erwies sich aber nicht als besonders nachhaltig. Denn kaum war das Privileg kassiert, verließen die Unternehmen Puerto Rico.

          Tourismus zeigt besondere Schwäche des Landes

          Manches kam zusammen: Die Industriefirmen wurden von der Ende 2008 einsetzenden Weltwirtschaftskrise gebeutelt. Genauso schlimm für Puerto Rico war es, dass danach amerikanische Touristen wegblieben. Sie sparten sich in der Phase der Depression einen Urlaub unter Palmen und tranken ihre Schirmchen-Cocktails auf der eigenen Veranda.

          Im Tourismus zeigt sich eine besondere Schwäche des Landes: Weil hier der für die Lebensverhältnisse auf der Insel hohe amerikanische Mindestlohn von 7,25 Dollar je Stunde verbunden ist mit regionalen sozialen Wohltaten für Arbeitnehmer, sind die arbeitsintensiven Dienstleistungen des Tourismus recht teuer. Heute kommen deshalb weniger Gäste nach Puerto Rico als noch vor zehn Jahren, die Zahl der Hotelbetten hat sich seit den siebziger Jahren nicht vergrößert. Absurde Regeln für Schiffsfrachten - Puerto Rico darf nur amerikanische Schiffe mit amerikanischen Crews einsetzen - und hohe Energiekosten machen den Industrieunternehmen das Leben zusätzlich schwer.

          Auf dem Festland leben knapp 5 Millionen Puertoricaner

          Was Puerto Rico zu einer Besonderheit macht, ist mit dem berühmten West-Side-Story-Hit treffend beschrieben: „I want to be in America.“ Die Sehnsucht nach besseren Verhältnissen führt zu einer hohen Mobilität der Bevölkerung. Von 2010 bis 2013 haben netto (Auswanderung minus Einwanderung) knapp 150.000 Menschen das Land verlassen, bis Ende dieses Jahres könnten es laut Schätzungen 250.000 sein. Die Leute ziehen in die Vereinigten Staaten, um zu arbeiten oder nahe bei ihrer Familie zu sein. Das ist ein großer Aderlass für ein Land mit gerade 3,5 Millionen Einwohnern. Auf dem Festland der Vereinigten Staaten leben inzwischen knapp 5 Millionen Puertoricaner.

          Was die Auswanderung aber wirtschaftlich bedeutet, wird einem erst auf den zweiten Blick klar. Die öffentlichen Schulden, die sich im Land aufgetürmt haben, verteilen sich auf immer weniger Köpfe. Der öffentliche Apparat ist auf viel mehr Bürger zugeschnitten, als heute noch auf der Insel leben. Das zeigt sich laut Krueger zum Beispiel im Schulwesen, wo das Verhältnis von Lehrer zu Klassengröße dem reicher Bezirke in den Vereinigten Staaten entspricht. Weil nicht mehr genügend Steuern fließen, um die öffentlichen Budgets zu finanzieren, wurden Verbrauchs- und Einkommensteuern erhöht.

          Kein Bailout mit Steuermitteln

          Weil sich parallel die öffentlichen Dienstleistungen wegen der Sparmaßnahmen eher verschlechtern, schwinden die Gründe, im Land zu bleiben. Das gilt umso mehr, als mit der schon verschwundenen Bevölkerung nicht nur die öffentlichen Schulden je Kopf steigen, sondern auch das Vermögen zum Teil an Wert verliert. Die wichtigste Investition vieler Familien auf der Insel ist die Immobilie. Deren Werte brachen mit der Subprime-Krise zusammen, darin glich Puerto Rico dem Festland. Doch ein Comeback blieb aus mangels Nachfrage nach Häusern.

          Wie es jetzt weitergeht, ist unklar. Washington macht keine Anstalten, für seine Karibikinsel in die Bresche zu springen. Die wahlkämpfenden Jeb Bush und Hillary Clinton haben beide in seltener Übereinstimmung gesagt, es gebe keinen Bailout mit Steuermitteln. Sie plädieren für eine Schuldenrestrukturierung nach dem Vorbild der Stadt Detroit. Die Ökonomin Krueger regt nicht nur ein umfassendes Reformpaket an, sondern auch eine private Umschuldung, bei der die Kreditgeber ihre Papiere in Anleihen mit deutlich längeren Laufzeiten umwechseln müssten. Das erinnert schon schwer an Griechenland.

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