https://www.faz.net/-gqe-xtwl

Die Ökonomie der Slums : Wie Kairos Ärmste wirtschaften

„Garbage City” in Ägyptens Hauptstadt Kairo: Hier wird der Müll der Reichen getrennt Bild: Winand von Petersdorff / F.A.Z.

In den Elendsquartieren der Welt herrscht Hunger und Depression. So die Vorstellung. Doch in Kairos Slums vibriert das Leben. Für die Bauern auf dem Land sind die Slums Sehnsuchtsorte. Dort gibt es immerhin Arbeit - sogar für die Frauen.

          8 Min.

          Es ist schwierig, einen Slum zu loben, wenn man durch dessen stinkenden Unrat stakt. „Garbage City“, die Müllstadt, ist ein Quartier in Ägyptens Hauptstadt Kairo, das niemand geplant hat. Abfall säumt die Gassen, drängt sich an die Wände der armseligen Häuser und quillt aus den offenen Kellerlöchern. Eselfuhrwerke und Lastwagen mit fünf Meter hohen Abfallstapeln durchqueren das Viertel.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Hunde und Katzen tasten sich schnuppernd, wühlend durch den Unrat. Eine Ratte bringt sich schnell in einem Fallrohr in Sicherheit, als ein schwarzer Jeep Cherokee rumpelnd und hupend um die Ecke biegt. Die Gassen sind voller geschäftiger Leute: uniformierte Schulmädchen mustern Passanten, kleine Jungs suchen im Dreck nach Bierdosen und Plastikflaschen, ein Bäckerbote balanciert auf dem Kopf ein Brett mit Fladenbroten. Gebeugte Männer schleppen riesige Bündel mit Altpappe oder Plastiktüten. Auf groben Klötzen sitzen Väter beim Tee, ihre Frauen tragen einjährige Kinder auf der Schulter, die dreijährigen gehen an der Hand. Gezeter, Gehupe, Geschrei, Ziegengemecker, und einmal schreit ein Hahn. Man spürt, wie sich die versmogte Luft auf die Bronchien legt. Und über allem liegt ein Gestank nach Unrat, Auspuffabgasen, verbranntem Plastik und - Schwein.

          Das Quartier wuselt und vibriert. Es ist ein Elendsviertel: informell und illegal, ohne nennenswerte staatliche Versorgung und ohne staatlichen Schutz. Steuern zahlt hier keiner. Ob hier 20.000 Menschen leben oder 70.000, weiß auch keiner so genau. „Garbage City“ ist nur ein kleiner Teil von Manshiyat Nasser, einem informellen Stadtteil Kairos, der 700.000 oder auch 1,3 Millionen Einwohner haben könnte.

          Eine Familie baut sich ihre Wohnung
          Eine Familie baut sich ihre Wohnung : Bild: Winand von Petersdorff / F.A.Z.

          „Hier wohnen zwar Polizisten, aber sie arbeiten hier nicht“

          Slums wie Manshiyat Nasser sind ein globales Phänomen. Ob in Indien, Brasilien, Nigeria oder Ägypten - überall entstehen urbane Konglomerate, über deren periphere Zonen die staatlichen Stellen längst die Kontrolle verloren haben. „Hier wohnen zwar Polizisten, aber sie arbeiten hier nicht“, sagt Hany El Miniawy, ein ägyptischer Stadtplaner.

          Slums sind das Ergebnis der größten globalen Bewegung überhaupt: der Landflucht. Jede Woche verlassen genug Menschen ihre Dörfer, um eine Millionenstadt zu füllen. Pro Jahr kehren 70 Millionen Menschen ihren Dörfern den Rücken und suchen ihr Heil in einer Stadt. Die Menschenflut verwandelt die Welt der Bauern in eine Welt der Städter. Vor hundert Jahren lebten noch nicht einmal 20 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, jetzt sind es schon mehr als 50 Prozent.

          Die neuen Städter landen allerdings nicht in Appartements oder Einfamilienhäusern, sondern in Slums, Favelas, Shantytowns oder Elendsviertelnl, wo sie versuchen, ein paar Quadratmeter für sich und ihre Familien zu besetzen und zu verteidigen.

          Gesund ist das Leben nicht, zu beschönigen gibt es auch nichts. Aber für die Landflüchtlinge sind die Slums Sehnsuchtsorte. Sie verbinden sie nicht mit Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und dumpfer Depression, sondern zu allererst mit Hoffnung.

          Ein Elendsviertel mit einem Geschäftsmodell

          Warum das so ist, lehrt „Garbage City“. Es ist ein Elendsviertel mit einem Geschäftsmodell. Hier leben vor allem koptische Christen, die Zabaleen. Ihre Familien sammeln in großen Teilen Kairos den Abfall ein, trennen ihn und verkaufen brauchbare Teile. Die Väter ziehen mit ihren Söhnen herunter in die Stadt und holen den Abfall. Die Frauen und Mädchen trennen im zur Straße hin offenen Erdgeschoss ihrer Häuser den Müll in verschiedene Fraktionen - in der Etage darüber wohnen sie.

          Weitere Themen

          „Die Kleinheit ist wichtig“

          Dorf ohne Corona-Fall : „Die Kleinheit ist wichtig“

          Unter den Einwohnern von Lieg gab es bisher keinen Corona-Fall. Im Interview erzählt Ortsbürgermeister Heinz Zilles vom Leben in der Dorfgemeinschaft – und warum es in einer solchen viel schöner als in der Stadt sein kann.

          Dax steigt auf Rekordhoch Video-Seite öffnen

          Trotz Corona : Dax steigt auf Rekordhoch

          Der Höhenflug an den Aktienmärkten hält an. Befeuert von soliden Firmenbilanzen stieg der Dax bis zum Freitagnachmittag um 1,2 Prozent auf ein Rekordhoch von 15.431,09 Punkten.

          Topmeldungen

          Die menschenleere Innenstadt von Hannover Anfang April: Die Ausgangssperre ist auch ein deutliche Zeichen an die Leichtsinnigen und Gleichgültigen.

          Bundes-Notbremse : Leichtsinnige, Verbohrte, Gleichgültige

          Es liegt nicht am „Versagen“ von Bund, Ländern und Kommunen, dass die Notbremse überfällig ist. Es liegt an widersprüchlichen Interessen, deren Gegensätze größer, nicht kleiner werden.
          Sieht sich als Volkstribun: Markus Söder (CSU, l.), hier am 11. April mit Armin Laschet (CDU) in Berlin

          Söders Ambitionen : Die Zerstörung der CDU?

          Macron in Frankreich, Kurz in Österreich und Trump in Amerika haben vorgemacht, wie man jenseits der etablierten Parteistrukturen an die Macht kommt. Manches spricht dafür, dass Bayerns Ministerpräsident etwas Ähnliches vor hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.