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Rückwärts in die Adenauerzeit : Die neue Liebe der Linken zur alten BRD

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Wohlfahrt im guten alten Wohlfahrtsstaat: Der Käfer war für viele Bundesbürger das erste Auto Bild: Rainer Wohlfahrt

Ausgerechnet die Nachkriegsjahre werden von der Linken heute als goldenes Zeitalter verklärt. Denn da gab es viel Gleichheit und soziale Wärme. Woher kommt die Sehnsucht nach Geborgenheit?

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          Die gute alte Zeit ist wieder da. Lange galten die fünfziger und der größte Teil der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts als Inkarnation bürgerlich-konservativer Leitvorstellungen: der klassischen Familie und voller Kirchen, von Disziplin und Leistungsbereitschaft. Ebendies zog die linke Kritik auf sich: ein patriarchalisch-restaurativer, „illiberaler Autoritarismus“ (Ulrich Herbert), so die Gegenerzählung, sei erst durch eine „Fundamentalliberalisierung“ (Jürgen Habermas) seit den sechziger Jahren überwunden worden, als mehr Demokratie gewagt und die Gesellschaft offener und bunter wurde.

          Diese Erzählung wird in jüngster Zeit durch ein neues Narrativ der ersten Nachkriegsjahrzehnte überlagert, das keine politisch-kulturelle, sondern eine sozial-ökonomische Geschichte erzählt. In ihrem Zentrum steht der steuernde Wohlfahrtsstaat, der eine post-neoliberale historische Rehabilitation erfährt.

          Ausgangspunkt dieser Geschichte, die Ökonomen ebenso wie Soziologen und Historiker erzählen, ist der „liberale Konsens“ der Nachkriegszeit in den Vereinigten Staaten. Er beruhte auf dem „New Deal“ der dreißiger Jahre, der mit dem Vertrauen auf sich selbst regulierende Märkte gebrochen hatte und stattdessen Wirtschafts- und Sozialreformen einführte und auf aktive Staatstätigkeit setzte. Der „liberale Konsens“ währte bis 1969, bis zum Ende der Präsidentschaft Lyndon B. Johnsons, bevor er seit den siebziger Jahren von den sogenannten Kulturkriegen und einem „militanten Rechtsliberalismus“, vulgo: dem „Neoliberalismus“ abgelöst wurde.

          Andreas Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

          Sowohl die Umstände als auch der Begriff des „liberal consensus“ lassen sich nur bedingt über den Atlantik transferieren. Der Begriff Konsensliberalismus trifft die europäischen und deutschen Verhältnisse nicht wirklich. Was er aber meint, ist eine bestimmte Ordnung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, wie sie sich auf deutscher Seite am ehesten in der „alten Bundesrepublik“ der ersten Großen Koalition (1966-69) verkörperte.

          Herzstück dieser Regierung war die Globalsteuerung der Wirtschaft, inspiriert durch die Theorien von John Maynard Keynes, dessen Rückkehr der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman schon 2008 ausgerufen hat. Die wirtschaftspolitische Konzeption der Globalsteuerung setzte vor allem auf aktive, antizyklische staatliche Konjunkturpolitik. Ihr Gesellenstück lieferte sie ab, als es ihr gelang (so jedenfalls schien es den Zeitgenossen), 1966/67 die erste Rezession der Nachkriegszeit einzudämmen.

          Die Globalsteuerung war die Avantgarde einer „Erweiterung des Staatskorridors“, die mit dem Aufbau des Nachkriegs-Wohlfahrtsstaates begonnen hatte. In ganz Europa wurden die sozialen Sicherungssysteme ausgebaut, vom Gesundheitssystem (National Health Service) in Großbritannien 1948 über die dynamische Rente in der Bundesrepublik 1957 bis zu den skandinavischen Wohlfahrtsmodellen. Teil dieses Arrangements waren die Arbeitsbeziehungen: die korporatistische Sozialpartnerschaft, die den tiefen Graben zwischen Kapital und Arbeit überbrückte. Sie beruhte auf dem Modell unbefristeter, sozial und arbeitsvertraglich abgesicherter Vollerwerbstätigkeit (vor allem für Männer), dem sogenannten Normalarbeitsverhältnis. Es wird gern als fordistisch bezeichnet, weil es dem Muster der Beschäftigungsverhältnisse in den Fabriken Henry Fords folgte: Gute und steigende Entlohnung sicherte die Existenz und ermöglichte zunehmend die Teilnahme an Massenkonsum.

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