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Rückwärts in die Adenauerzeit : Die neue Liebe der Linken zur alten BRD

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Neben der Einhegung des Sozialstaats standen die Regierungen viertens vor dem Problem, den allgemeinen ökonomischen Strukturwandel zu bewältigen, den Wandel vom schwerindustriellen Paradigma hin zur dienstleistungsbasierten Wirtschaft. In diesen Strukturwandel geriet auch der Fordismus, der die Nachkriegsjahre zunächst getragen hatte. Er beruhte nicht nur auf dem auskömmlichen Normalarbeitsverhältnis, sondern auch auf personalintensiver standardisierter Massenproduktion, die nun der Rationalisierung zum Opfer fiel - oder an kostengünstigere Standorte verlegt wurde. Die fordistische Ausrichtung der Arbeitswelt hatte nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland sogar zu einer Dequalifizierung auf Kosten der traditionell individuellen handwerklichen Präzisionsarbeit geführt. Auch dies war kein nachhaltig tragfähiges Entwicklungsmodell, das erst recht keine Nostalgie erheischt.

Die Tendenz zur Sozialtechnokratie

Überhaupt stand der Fordismus in einem engen Zusammenhang mit Tendenzen der Sozialtechnokratie und der Sozialplanung, die sich im zwanzigsten Jahrhundert verbreiteten. Selbst in Skandinavien ventilierten Gunnar und Alva Myrdal eugenische Ideen der Sterilisation „hochgradig lebensuntauglicher“ Individuen. Einen Höhepunkt erreichte dieses sozialplanerische Denken in der Architektur und der Stadtplanung mit den am Reißbrett entworfenen funktionalistischen Hochhaussiedlungen an den Stadträndern und den „Wohnmaschinen“ Le Corbusiers. Dass diese Konzepte den Plattenbausiedlungen der kommunistischen Staaten in Osteuropa nicht unähnlich waren, deutet die homogenisierenden Versuchungen an, die auch der westlichen Hochmoderne innewohnten. Sie stehen den Leitbildern der Diversität, wie sie heute kanonische Bedeutung gewonnen haben, entschieden entgegen.

Insofern erscheint es paradox, dass die Linke heute ausgerechnet jenen Staat verklärt, den sie zu seiner Zeit bekämpft hat. Ein neuer „Hunger nach Ganzheit“ hat sich einen Sehnsuchtsort der Geborgenheit im gesicherten Fortschritt geschaffen, der zugleich eine Utopie ist. Wenn Nils Minkmar von einem Besuch bei Thomas Piketty die Sehnsucht nach dem „historischen Augenblick, der vierzig Jahre währte“, mit nach Hause brachte: dann stellt sich allein schon die Frage des zeitlichen Orts dieser Nostalgie - 1973 war sie jedenfalls vorbei.

Das Ende der Sondersituation des Nachkriegsbooms, das Scheitern des Keynesianismus, der Strukturwandel der fordistischen Arbeitswelt und die Krise des Wohlfahrtsstaates der Nachkriegszeit erzwangen jene Neurorientierung, die eine marktorientierte Politik und der Neoliberalismus sich zu eigen machten. Um ihre Niedergangsgeschichte als Herrschaft des Marktes und Aushöhlung der Demokratie zu erzählen, als Exklusion der Abgekoppelten und Entmündigung des Staates, haben seine Kritiker die gute alte Zeit des demokratischen Kapitalismus der goldenen Nachkriegszeit erfunden.

Es gibt guten Grund, den Neoliberalismus mit seinem Glauben an das Gleichgewicht deregulierter Märkte zu kritisieren, auch die Wirtschaftspolitik der westlichen Industrienationen um die Jahrtausendwende, die eine ordnungspolitische Nachsteuerung des deregulierten Kapitalismus versäumt hat. Und in der Tat stellt sich die Frage, ob die Explosion der Spitzengehälter und die Konzentration von Vermögen in den letzten zwanzig Jahren auf Dauer sozial tragfähig ist. Ein ressentimentgetriebener, nostalgisch-utopischer Neo-Etatismus aber wird die Zukunft kaum gewinnen. Mit Richard Wagner möchte man der politischen Ökonomie zurufen: „Kinder, schafft Neues!“

Andreas Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg- Universität Mainz.

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