https://www.faz.net/-gqe-7tcyu

Rückwärts in die Adenauerzeit : Die neue Liebe der Linken zur alten BRD

  • -Aktualisiert am

In der Wirtschaftswunderzeit gab es viel zu verteilen

In den westeuropäischen Nachkriegsökonomien der Wirtschaftswunderzeit waren kräftige Zuwächse zu verteilen, und so verbindet sich die Erinnerung an die fünfziger und sechziger Jahre mit sprunghaften Wohlstandszuwächsen für alle - und mit der Wahrnehmung sozialer Nivellierung, jedenfalls deutlich reduzierter sozialer Ungleichheit, worauf der jüngst verstorbene Historiker Hans-Ulrich Wehler bis zuletzt insistiert hatte. Damit hat er sich zugleich als Vertreter einer posthumen Adenauerschen Linken enthüllt, die nach 1990 eine unerwartete Zuneigung zur alten Bundesrepublik entwickelt hat. Gegen den Vorwurf der Nostalgie wehrt sich der Soziologe Wolfgang Streeck mit tapferer Hartnäckigkeit. Und doch kommt diese Einschätzung nicht aus dem Nichts, erzählt doch gerade Streeck die Geschichte seit den siebziger Jahren als Verlustgeschichte des demokratischen Kapitalismus der Nachkriegszeit.

Schaut man freilich genauer auf dieses Bild, so zeigen sich mindestens vier feine Risse. Erstens war die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ immer sehr viel mehr Programm als Realität. Denn es war nicht die Ungleichheit, die verschwand, sondern es war das Wohlstandsniveau, das sich durch den Fahrstuhleffekt für alle nach oben bewegte. Soweit es weniger soziale Ungleichheit gab, war dieser Rückgang in erster Linie durch kriegsbedingte Verarmung (Depossedierung) bedingt. Die großen Vereinheitlicher der europäischen Geschichte waren die Kriege. Egal, wen diese Form der Nivellierung traf: ein wirklich tragfähiges Modell war diese Regulierung sozialer Ungleichheit nicht.

Umgekehrt moniert Joseph Stiglitz zu Recht die eklatante Vermögenskonzentration auf das reichste Prozent der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahrzehnten. Zu dieser Bilanz gehört freilich auch, dass die Jahre zunehmender Ungleichheit innerhalb der westlichen Industriegesellschaften zugleich Jahre eines globalen Wohlstandsschubs waren - und der abnehmenden Ungleichheit zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern, in denen die Armut mit der Teilnahme an der Globalisierung zurückging.

Zweitens war die „goldene Ära“ der Nachkriegszeit eine historische Ausnahmesituation. Ob man die Wirtschaftswunderjahre auf eine nachholende Entwicklung, auf den Durchbruch der Konsumgesellschaft oder auf den Anschluss an wirtschaftsgeschichtliche Makro-Zyklen zurückführt - jedenfalls waren es Sonderfaktoren, vom billigen Öl bis zur unterbewerteten D-Mark für Deutschland, die den lang anhaltenden großen Boom bis 1973 trugen. Sie begründeten gerade kein verlässliches historisches Muster.

Drittens sollte man die Geschichte des Keynesianismus und der Überwindung der ersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit nicht ohne sein Ende erzählen: den großen Kladderadatsch in der zweiten Krise von 1973. Was 1966/67 gewirkt zu haben schien, funktionierte nun nicht mehr. Diesmal verschluckte sich die Bundesrepublik am „großen Schluck aus der Pulle“, zu dem die Gewerkschaften ansetzten.

Die keynesianischen Instrumente griffen nicht. Stattdessen sah sich die Politik mit einer unbeherrschbaren Kombination von niedrigem Wachstum sowie steigender Inflation, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung konfrontiert. Die Wiederkehr zyklischer Krisen erschütterte den Glauben an die Steuerbarkeit der Wirtschaft. Zugleich erwies sich der Wohlfahrtsstaat in seiner inzwischen erreichten Ausbaustufe als nicht mehr finanzierbar. Als Helmut Schmidt 1974 den Reformkanzler Willy Brandt ablöste, sah er sich umgehend zu einer Politik von Realismus und Nüchternheit veranlasst.

Weitere Themen

In Phuket stehen die Hotels leer Video-Seite öffnen

Tote Hose im Paradies : In Phuket stehen die Hotels leer

Weil immer weniger Chinesen auf Phuket Urlaub machen, stehen die Hotelzimmer auf der thailändischen Ferieninsel leer. Das wiederum macht die Region billiger für Reisende.

Topmeldungen

Brexit-Reaktionen in Brüssel : Demonstrative Gelassenheit

Das nächste Brexit-Chaos in London? In Brüssel gibt EU-Ratspräsident Donald Tusk einen gelassenen Ton vor. Bis zur Entscheidung über das Verlängerungsschreiben werden wohl noch einige Tage vergehen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.