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Geldpolitik : Zerreißprobe für die Weltwirtschaft

Abwertungstendenz: Ist ein Euro bald weniger als ein Dollar wert? Einige Devisenfachleute erwarten eine lange Schwächephase. Bild: AP

Europas Zentralbank verstärkt die Geldflut, Amerikas Zentralbank dagegen strafft bald ihre Geldpolitik. Die neue Euro-Dollar-Welt bietet Chancen – aber auch viele Risiken.

          Die Geldpolitik ist ein äußerst machtvolles Instrument, mit dem Zentralbanker Hunderte Milliarden oder gar Billionen bewegen können. In diesen Tagen sind wir Zeugen einer großen weltwirtschaftlichen Verschiebung. Europa und Amerika driften in entgegengesetzte Richtungen – zumindest, was die Geldpolitik angeht. Die Europäische Zentralbank (EZB) tritt noch mehr aufs Gas. Sie wird für mindestens 1,5 Billionen Euro Anleihen, hauptsächlich Staatsanleihen, kaufen. Diese Euro-Geldflut wird tendenziell den Wechselkurs des Euros schwächen.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Dagegen kündigt sich in Amerika eine geldpolitische Wende an. Die Federal Reserve wird wohl in Kürze erstmals seit sieben Jahren auf die Bremse treten. Einige Ökonomen halten das für überfällig. Andere sind tief besorgt. Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) haben die Fed gewarnt. Wenn höhere Zinsen in Amerika zu einem Abzug des Kapitals aus den Schwellenländern führten, drohe ein „Schock“ oder gar „Panik und Turbulenzen“, warnte der Weltbank-Chefökonom Kaushik Basu vor einigen Wochen, damals auch aufgeschreckt vom Börsencrash in China. Die Lage dort hat sich seitdem allerdings etwas beruhigt.

          Einen denkwürdigen Auftritt hatte in dieser Woche EZB-Chef Mario Draghi. Obwohl er eine Ausweitung des Anleihekaufprogramms von 1140 auf 1500 Milliarden Euro verkündete, reagierten die Börsen enttäuscht. Draghi hatte zuvor überzogene Erwartungen geschürt. Dessen ungeachtet bleibt die Tatsache, dass die EZB ihre Geldpolitik weiter lockert. Die Befürworter begründen das mit der Notwendigkeit für weitere Stimuli durch frisches Geld, um die niedrige Inflationsrate wieder in Richtung des selbstgesteckten Zielwerts von knapp 2 Prozent zu heben. Kritiker sehen aber auch ein schlechtes Signal. „Ich bin allerdings enttäuscht darüber, dass die Eurozone auch sieben Jahre nach dem Beginn der Finanzkrise noch immer nicht in der Lage ist, auf eigenen Beinen zu stehen, und dass Zentralbanken mit Garantien und extremen geldpolitischen Maßnahmen eingreifen müssen“, sagt etwa David Folkerts-Landau, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

          Und für die Sparer heißt es, dass sie sich wohl noch für Jahre auf praktisch Nullzinsen einstellen müssen. Der erklärte Lockerungskurs mit einer Aufblähung der EZB-Bilanz wohl auf mehr als 3,5 Billionen Euro wird Auswirkungen auf den Wechselkurs haben: Tendenziell wird der Euro abwerten. Doch wie stark? Verglichen mit dem Kurs vor einem Jahr, hat der Euro schon rund 15 Prozent gegenüber dem Dollar an Wert verloren. Noch vor Jahresende könnte der Euro – erstmals seit 2002 – unter den Dollar rutschen, hat die Investmentbank Goldman Sachs prognostiziert. Und nach Ansicht vieler Devisenexperten wird es weiter abwärtsgehen. Robin Brooks, Chef-Währungsstratege von Goldman Sachs, rechnet mit einem Sinkflug bis auf 0,80 Dollar bis Ende 2017. Die Deutsche Bank erwartet ebenfalls eine lange Schwächephase: Sie sieht den Euro mittelfristig bei 0,85 Dollar.

          Wird die Fed wirklich anheben?

          Für den europäischen Export dürfte das ein Konjunkturprogramm der Sonderklasse werden. Verbraucher und Vermögensbesitzer hingegen verlieren, weil Importe teurer werden und weil die Kaufkraft der Vermögen außerhalb des Euroraums sinkt. Auch nicht alle Exporteure sind über einen Schwächeanfall der Währung begeistert. Der Chef des Außenhandelsverbands BGA, Anton Börner, sagt dazu: „Der billige Euro wirkt zwar kurzfristig wie ein Konjunkturprogramm. Aber die dicke Rechnung kommt noch.“ Denn die Nebenwirkungen der ultralockeren Geldpolitik der EZB schadeten langfristig mehr, als sie kurzfristig nutzten.

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