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Die Auswanderer : Neuanfang in Luang Prabang

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Vom Behördenwirrwarr in den Dschungel: Der ehemalige Briefträger Markus Peschke führt heute Touristen auf Elefanten durch die laotische Wildnis Bild: Christoph Hein / F.A.Z.

In Deutschland mochten sie nicht mehr leben. Laos, das ärmste Land Indochinas, bot ihnen eine Chance. Nun leben vier Deutsche in Luang Prabang. Sie züchten Borstentiere, führen Touristen auf Elefanten spazieren und verkaufen Sauerländer Würstchen oder Eis an die Einheimischen. Christoph Hein hat sie besucht.

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          Sie alle haben mehrere Leben. Ihr altes spielte in Deutschland, vor und nach der Wende. Ihr neues Leben spielt in Luang Prabang. Bis vor wenigen Jahren war das Städtchen im Norden von Laos, dort, wo das Land an Burma, China und Vietnam grenzt, nur Weltreisenden und Buddhismus-Forschern ein Begriff. Denn es lebt von seinen jahrhundertealten Tempeln. Dann stellten die Vereinten Nationen es als Weltkulturerbe unter Schutz. Nun ist die alte Königsstadt am Mekong auf bestem Wege, eine Mischung aus Oberammergau und Abenteuerspielplatz zu werden. Vier Deutsche arbeiten nach Kräften daran mit. Ihre Geschichte handelt vom Suchen und vom Finden. Manche trieb das Leiden an Deutschland in den Dschungel Indochinas. Andere die pure Freiheitsliebe. Es ist eine Geschichte vom Flüchten. Vom Zurücklassen und Zerstören. Und vom Ankommen. Vom Aufbauen.

          Markus Peschke kam als Erster. Er kennt noch das alte Luang Prabang mit seinen Häusern aus Rosenholz, eine Stadt fast ohne Autos. Im Winter 1996 reiste der Postbeamte vom Niederrhein das erste Mal hierher. „Damals gab es hier nicht viel. Mir war schnell klar, dass ein Restaurant funktionieren könnte.“ Der Zeitpunkt war gut. Gut für Luang Prabang und die anschwellende Zahl seiner Touristen, gut auch für Peschke. „Die Deutsche Post steckte in der Privatisierung. Missgunst und Mobbing, die es nie gegeben hatte, nahmen überhand. Ich wollte weg.“ Das hatte Peschke schon öfter versucht: Mit 15 flog er von der Schule, neben dem Job bei der Post baute er alte Höfe aus, verkaufte sie mit Gewinn. „Aber Laos, das war schon etwas anderes. Hier konnte man zu jener Zeit im Prinzip noch machen, was man wollte.“ Es ging Peschke nicht in erster Linie darum, Geld zu verdienen. „Ich wolle etwas aufbauen, eine Vision leben.“ So war das Indochina Spirit Restaurant, das er 1998 gründete, auch nur die erste Stufe seines Laos-Lebens. Es folgten andere Gaststätten, Reiseunternehmen. Heute führt er auf drei Hektar Elephant Village mit 42 Mitarbeitern und neun Elefanten. Gut 7000 Gäste ritten vergangenes Jahr auf den Tieren durch den Dschungel und den Fluss, blieben über Nacht, durften sich um die Dickhäuter kümmern.

          Jens Rühlemann kam mit dem Fahrrad

          Vier Jahre später kam Jens Rühlemann hierher. Allerdings mit dem Fahrrad. Seit 1998 war der frühere Baggerfahrer aus Jessen in der ehemaligen DDR damals schon auf zwei Rädern unterwegs - erst nach Kapstadt, dann durch Südamerika, nun Asien. Indien, China lagen hinter ihm, durch Laos sollte es nach Süden gehen. In Luang Prabang merkte er allmählich, dass er des Reisens müde war, sich nach einer Heimat und einer Familie sehnte. „Aber natürlich schwang ich mich wieder in den Sattel. Was hätte ich auch sonst tun sollen?“

          Schwein gehabt: Jens Rühlemann züchtet in Laos Borstentiere
          Schwein gehabt: Jens Rühlemann züchtet in Laos Borstentiere : Bild: Christoph Hein / F.A.Z.

          Sein Glück war ein missratenes Essen in Luang Prabang: „Mir war unheimlich schlecht. Nach 35 Kilometern ging es einfach nicht mehr weiter.“ In Ban Hoay Hia brach er zusammen. Und landete in den pflegenden Händen von Lae, die seine Frau wurde. Noch heute betreibt sie den kleinen Laden in einem bambusgedeckten Haus direkt an der Straße in die Hauptstadt Vientiane, an einer Rechtskurve in gut 800 Metern Höhe. „Hier bin ich damals zusammengesackt“, sagt Rühlemann. Heute führt ein Weg vom Laden den Berg steil hinab zu der Schweinezucht, die die beiden sich in dem Flecken mit seinen 80 Häusern aufgebaut haben. „Das Wissen habe ich mir in Büchern und im Internet angelesen“, sagt der Neu-Bauer. „Am Anfang ist uns ein Viertel der Ferkel gestorben. Keiner wollte unsere Schweine kaufen. Es waren schwere Tage. Aber wir haben uns durchgekämpft.“

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