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Parteien : Schokoeis von der AfD

  • -Aktualisiert am

Die Wähler der „Alternative für Deutschland“ kommen vom rechten, aber auch vom linken Rand des politischen Spektrums. Bild: Reuters

Die Alternative für Deutschland ist wie ein Eisverkäufer: Beide müssen einiges zusammenrühren, um sich bestmöglich zu verkaufen.

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          Politiker der Volksparteien möchten gern das ganze Volk beglücken. Das würde im optimalen Fall Wählerstimmen vom ganzen Volk einbringen und auf eine absolute Mehrheit hoffen lassen. Dass das zum großen Glück für die Demokratie und ihre Bürger nicht funktionieren kann, lässt sich derzeit wunderbar an der Alternative für Deutschland (AfD) studieren. Und nebenbei lässt sich auch beobachten, wie politische Märkte heute funktionieren.

          Eins nach dem anderen. Die klassische Theorie des politischen Wettbewerbs stammt aus dem Jahr 1929 von einem Mann namens Harold Hotelling und betrachtet zwei konkurrierende Parteien wie zwei Eisverkäufer, die sich am Meeresstrand die Reviere aufgeteilt haben. Um noch mehr Eis zu verkaufen, bewegen sich beide in Richtung Strandmitte, wo sie die größten Chancen haben, dem Konkurrenten die Kunden abzuluchsen.

          Dass die Übertragung passt, sieht man an der großen Koalition: Merkels Union ist eine leicht konservativere Variante der leicht linkeren SPD. Beide Male aber handelt es sich um moderne sozialdemokratische Parteien, die gerne das Geld der Bürger umverteilen, eine Willkommenskultur gutheißen und Deutschland am liebsten nach dem Modell einer inklusiven Patchworkfamilie vom Prenzlauer Berg modellieren wollen. Eine Kugel Frei-Eis für jedermann zum Nachtisch inklusive.

          Der Drang der traditionellen Volksparteien zur Mitte ist nach dem Gesetz von Hotelling durchaus rational, muss aber schon aus rein räumlichen Gründen in Kauf nehmen, dass die Lücke zu den Rändern nach links und rechts immer größer wird. Dort bietet der politische Wettbewerb Platz für neue Parteien, welche die alleingelassenen Wähler mit neuen Eissorten verwöhnen können. Auf der einen Seite hat die Linke seit Gerhard Schröders Agenda-Reformen den Strand übernommen. Auf der Rechten steigt seit Euro- und Flüchtlingskrise die politische Rendite der AfD kontinuierlich. Deren Erfolgsrezeptur lautet: Stärkt das Nationale gegenüber Euroland und den eindringenden Flüchtlingen. Und: Stärkt die Selbstverantwortung gegenüber der sozialen Selbstbedienung.

          Schoko mit Erdbeer-Vanille-Geschmack

          So weit verhält sich Deutschland bisher, wie es die Theorie politischer Märkte erwarten lässt. Doch jetzt ist Aufregendes passiert. Bei den Wahlen am 13. März haben sich nennenswerte Wählergruppen von der äußeren Linken zu den Eisverkäufern von der AfD auf der rechten Seite aufgemacht. Arbeiter und Arbeitslose stellen die größten Neuzugänge dar. Noch nicht einmal Eisverkäuferin Sahra Wagenknecht konnte deren Wechsel zur Konkurrenz verhindern. Wie das passieren konnte, darüber rätseln die Parteienforscher noch. Offenkundig muss das Eis an beiden Rändern immer schon nach ähnlicher Rezeptur zubereitet worden sein.

          Allerdings: Einschränkung der sozialen Sicherungssysteme, Abschaffung der Bundesagentur für Arbeit, womöglich sogar komplette Streichung der Arbeitslosenversicherung (eine Lieblingsidee von AfD-Frau Beatrix von Storch, genannt „die Störchin“), solche Sachen, die AfD-Politiker in ihren Programmentwürfen ventilieren, all das kann der von links kommenden neuen Klientel nicht wirklich schmecken. Diese neue Klientel will mutmaßlich Schutz vor ausländischer Konkurrenz am Arbeitsmarkt, bleibende ethnische Homogenität im Kiez (und in Deutschland), höhere Löhne und Lohnersatzleistungen.

          Jetzt steckt die AfD in der Klemme. Darauf zu hoffen, dass die Arbeiter der neuen Hochburg Mannheim gar nicht merken, was in den AfD-Programmen diskutiert wird, dafür ist es zu spät. Man könnte sie allenfalls beschwichtigen, auch etablierte Parteien scherten sich wenig darum, was in den Programmen steht. Papier ist geduldig. Zu laut darf die AfD dies aber auch nicht sagen, sonst frustriert sie die bürgerliche Klientel. Der klassische Ausweg der Parteiengeschichte heißt: von allem ein bisschen, Formelkompromisse eben. Oder, um im Bild zu bleiben, Schokoeis mit Erdbeer-Vanille-Geschmack.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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