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DGB : Generationswechsel im Gewerkschaftslager

Auch der DGB-Vorsitzende Sommer (hier bei einer Kundgebung am 1. Mai) will nach drei Amtszeiten aufhören Bild: dpa

Im deutschen Gewerkschaftslager bahnt sich ein weitreichender personeller Umbruch an. Allein fünf der neun Vorsitzenden des DGB wollen ihre Ämter in den nächsten zwölf Monaten abgeben.

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          In der deutschen Gewerkschaftsbewegung bahnt sich ein weitreichender personeller Umbruch an. Allein fünf der insgesamt neun Vorsitzenden aus der Familie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) bereiten sich darauf vor, ihre Ämter in den kommenden zwölf Monaten an jüngere Nachfolger abzugeben. Nur Berthold Huber, der Vorsitzende der IG Metall, hat sich offiziell noch nicht zu seinen Absichten erklärt. Die Vorsitzenden der Gewerkschaften IG Bau, NGG und GEW haben dagegen bereits angekündigt, bei den Gewerkschaftstagen in diesem Jahr nicht wieder antreten zu wollen. Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer will im Mai 2014 nach drei Amtszeiten an der Spitze des Dachverbands der acht Einzelgewerkschaften ebenfalls aufhören.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Den jüngsten und wohl spontansten Entschluss zum Rückzug hat Klaus Wiesehügel gefasst, der seit 18 Jahren amtierende Vorsitzende der Gewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG Bau). Er will nach seinem 60. Geburtstag am 1. Mai jedoch nicht kürzer treten, sondern Bundesarbeitsminister werden. Für seinen Platz im Kompetenzteam des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück verzichtete er auf eine abermalige Kandidatur auf dem IG-Bau-Gewerkschaftstag, der im September kurz vor der Bundestagswahl stattfindet. „Ich kann nicht antreten und dann zwei Wochen später erklären, jetzt gehe ich ins Ministerium“, erklärte er der eigenen Gewerkschaft seinen Plan.

          Reiner Hofmann könnte neuer DGB Vorsitzender werden

          Mit ihm kommt der IG Bau ein erfahrener Vorsitzender abhanden, der es versteht, komplizierte Politik in ihrem Sinne auf den Punkt zu bringen. Sollte er tatsächlich Minister werden, wäre das für seine Gewerkschaft aber kaum ein Nachteil. In der Regel hört die Bundesregierung am ehesten auf die Gewerkschafter aus der beschäftigungsstarken Exportwirtschaft, also aus Metall-, Elektro- und Chemieindustrie, etwa bei der Gestaltung flexibler Übergänge in die Rente mit 67. Sonderbelange des kleinteilig strukturierten Baugewerbes dürften mehr Gehör finden, falls der gelernte Betonbauer Minister wird. Wiesehügels Nachfolge will die IG Bau Mitte Juni vorbereiten. Im Kandidatenkreis ist Dietmar Schäfers; der 57-Jährige ist bereits Vizevorsitzender und Verhandlungsführer im Bauhauptgewerbe.

          Eher spontan hat sich auch Franz-Josef Möllenberg, Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), für den Rückzug entschieden. Er ist soeben 60Jahre alt geworden und damit der jüngste unter den ausscheidenden Spitzengewerkschaftern. Anders als noch im Januar geplant, kündigte er kürzlich an, auf dem NGG-Gewerkschaftstag im November nach 21 Jahren nicht mehr kandidieren zu wollen. Seine Begründung: „Es reicht jetzt einfach.“ Als bisher dienstältester Gewerkschaftschef hatte er stets eine besondere Aufgabe im DGB - er war dafür zuständig, Kandidaten für die Führungsriege des Dachverbandes zu finden und mehrheitsfähig zu machen.

          Daher hat nun Reiner Hofmann, Leiter des Bezirks Nordrhein der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) die Perspektive, 2014 neuer DGB-Vorsitzender zu werden. Sommer, der 61 Jahre alt ist, tritt nach zwölf Jahren ebenfalls nicht mehr an. Seine Amtszeit war zunächst von der Entfremdung zwischen SPD und Gewerkschaften geprägt, ausgelöst durch die Agenda 2010. Sommer hat den DGB zunehmend selbstbewusst als parteiunabhängige Organisation profiliert und pflegte auch regen Kontakt mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Er ließ wieder mehr Nähe zur SPD zu, seit diese wieder mehr Gewerkschaftsforderungen vertritt.

          Verdi-Chef Bsirske lässt noch keine Amtsmüdigkeit erkennen

          Reiner Hofmann, der mögliche Nachfolger, war schon 2006 in der Auswahl für das Amt des DGB-Vizevorsitzenden gewesen, musste dann aber zurückstecken. Er bringt viel europäische Erfahrung mit: Der 57-Jährige war sechs Jahre lang stellvertretender Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes.

          Die vierte Personalie ist noch nicht bestätigt, dafür aber besonders lange vorbereitet: IG-Metall-Chef Huber wird sein Amt mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einem Sondergewerkschaftstag im November abgeben.

          Erste Hinweise auf einen vorzeitigen Wechsel an der Spitze der IG Metall hatte es schon im Jahr 2011 gegeben. Später machte der weithin respektierte Vorsitzende Huber seine Überlegung offiziell, er „prüfe“ im Interesse eines geordneten Generationswechsels einen Rückzug zur Mitte der bis 2015 dauernden Amtsperiode. Seit dem jüngsten Metall-Tarifabschluss laufen die entscheidenden Klärungen. Dass der seit 2007 amtierende zweite Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, den Status des potentiellen Nachfolgers hat, deutet seit einiger Zeit eine sich zu seinen Gunsten verschiebende Rollenverteilung an. Wetzel hat sich als Organisator großer Kampagnen hervorgetan. Ihm dürfte im Bedarfsfall der baden-württembergische Bezirksleiter Jörg Hofmann folgen.

          Überdies steht bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bereits im Juni der Generationswechsel an. Auch ihr seit 2005 amtierender Vorsitzender Ulrich Thöne hört altershalber auf. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Verdi, Frank Bsirske, der inzwischen auf eine 13-jährige Amtszeit zurückblickt, lässt dagegen noch keinerlei Amtsmüdigkeit erkennen. Als Nebenfolge des großen Generationenwechsels wird die Rolle des dienstältesten Spitzengewerkschafters im November von NGG-Chef Möllenberg auf den 61 Jahre alten Bsirske übergehen, und damit - der Tradition nach - die Verantwortung für die Suche nach künftigem DGB-Führungspersonal. Für die kleineren Gewerkschaften, denen die Dominanz von IG Metall und Verdi im DGB oft missfällt, ist das ein problematischer Nebenaspekt.

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