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Deutschland ganz unten : Kinder - Armutsrisiko in Deutschland

Aus armen Kinder, werden oft arme Erwachsene Bild: picture-alliance/ dpa

Kann eine Mutter mit zwei Kindern von 1450 Euro im Monat leben? Ja. Aber der Kühlschrank darf nicht kaputtgehen. Und Taschengeld ist nicht drin. Immer mehr Familien in Deutschland werden arm und bleiben es.

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          „Wer Kinder großziehen will, braucht zwei Einkommen.“ Davon, sagt der Soziologe Hans Bertram von der Berliner Humboldt-Universität, müsse man in Deutschland ausgehen. Und dann fängt der Professor an zu rechnen: Eine junge Frau von 30 Jahren hat in Deutschland im Mittelwert ein Einkommen von 1200 Euro. Ihr Lebensgefährte im gleichen Alter liegt im Mittel bei 1700 Euro. "Wenn sich die beiden für ein Kind entscheiden, bedeutet das sofort einen Einkommensverzicht - zumindest für eine bestimmte Zeit." Eltern- und Kindergeld gleichen das nicht aus, für die junge Familie wird es schwierig.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Familienministerin Ursula von der Leyen sieht einen direkten Zusammenhang zwischen Kinderreichtum und Armutsrisiko: "Großfamilie bedeutet heute leider oft auch Armut. Das ist ein Armutszeugnis für dieses Land", wird sie nicht müde zu betonen. "Ein Kind zu erziehen, bis es erwachsen ist, kostet im Durchschnitt soviel wie ein kleines Einfamilienhaus."

          Kinderarmut nimmt stärker zu als im OECD-Schnitt

          Wenn Kinder da sind, verschlechtert sich - logischerweise - die Einkommenssituation in der Familie pro Kopf, womit jedes einzelne Familienmitglied schon rechnerisch der Armutsgrenze näher rückt. Statistisch sieht das dann in Deutschland so aus: Kinder sind hierzulande überproportional von Armut betroffen. Nach einer internationalen Vergleichsstudie des Kinderhilfswerks Unicef steigt die Zahl der Kinder, die in relativer Armut (siehe Kasten) leben - und das stärker als im Durchschnitt der OECD-Länder.

          Inzwischen ist jedes zehnte Kind von Armut betroffen, insgesamt sind es mehr als 1,5 Millionen Kinder unter 18 Jahren. Und dabei gibt es noch eine Dunkelziffer. Zudem sind in Deutschland Kinder häufiger arm (mehr als 10 Prozent) als Erwachsene ohne Kinder (8,8 Prozent). Und noch eines: Unter all jenen, die von der Sozialhilfe leben, bilden die Kinder die größte Gruppe.

          Alleinerziehende sind weitgehend chancenlos

          "Daß Kinderreichtum ein Armutsrisiko darstellt, gilt vor allem für einen Typus von Familien", sagt der Berliner Erziehungswissenschaftler und Präsident der Freien Universität, Dieter Lenzen. "Und das sind die Alleinerziehenden." Diese Gruppe werde immer größer. Der Grund für deren hohes Armutsrisiko: "Die Alleinerziehenden, bei denen es sich vor allem um Frauen handelt, haben schon wegen der fehlenden Betreuung für ihre Kinder kaum Möglichkeiten, sich weiterzuqualifizieren, um dann in höhere Einkommensklassen zu gelangen und ihr Armutsrisiko zu reduzieren", sagt Lenzen.

          Alleinerziehende befinden sich, so steht es im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, in den unteren Einkommensschichten. Fast drei Viertel von ihnen haben weniger als 2200 Euro im Monat. Wie chancenlos ausgerechnet die steigende Gruppe der Alleinerziehenden ist, zeigt zudem Hartz IV: Wer allein Kinder erzieht, gilt von vornherein auf dem Arbeitsmarkt als nicht vermittelbar.

          Arme Kinder, arme Erwachsene

          Unabhängig, ob alleinerziehend oder nicht: Die niedrigen Einkommen oder die Sozialhilfe reichen oft nicht, um Kinder ausreichend zu fördern, damit sie ihrerseits Chancen haben, im Erwachsenenalter dem Armutsrisiko zu entkommen. Geht es nach der Armutsdefinition des indischen Ökonomen und Nobelpreisträgers Amartya Sen, dann zählen solche Familien, auch wenn sie keine unmittelbare Not leiden, zu den ärmsten der Gesellschaft. Sen sagt: "Armut ist der Mangel an elementaren Verwirklichungschancen oder Entfaltungsmöglichkeiten."

          "Wir haben ein Mehrfachproblem", meint Lenzen. Da sich die bildungsnahen Schichten nicht mehr reproduzierten - 48 Prozent der in den sechziger Jahren geborenen akademisch qualifizierten Frauen bleiben kinderlos -, liege der Kinderreichtum in den bildungsfernen Milieus. "Und dort wiederum ist dann das Armutsrisiko höher." Genau dadurch potenziert sich über die Generationen ebenjenes Risiko, arm zu sein und es zu bleiben - vor allem in Deutschland, wo die soziale Herkunft so stark über die künftigen Chancen entscheidet.

          Die Mittelschicht, weiß, warum sie keine Kinder hat

          Machen Kinder wirklich arm? Eine klare Antwort darauf gibt es nicht. Uta Meier-Gräwe, Familienwissenschaftlerin in Gießen, die ebenso wie Bertram am 7. Familienbericht der Bundesregierung mitgearbeitet hat, meint: "Es gibt Schichten mit hohen Einkommen und vielen Kindern, bei denen der Kinderreichtum keine Rolle spielt. Es gibt aber auch Schichten, in denen viele Kinder vorkommen und sich das Armutsrisiko extrem erhöht." Vernichtend fällt das Urteil der Sachverständigenkommission des 7. Familienberichts unter Bertram zur Familienpolitik in Deutschland aus: "Bei der Bekämpfung von Kinderarmut war die Bundesrepublik im internationalen Vergleich wenig erfolgreich."

          Die Mittelschicht hat kaum noch Kinder. Und sie weiß auch, warum. Gegen Kinder spricht offenbar viel, aller staatlichen Transferleistungen zum Trotz. Das latent befürchtete Armutsrisiko steht dabei an erster Stelle der Gründe für die Kinderlosigkeit. Fast die Hälfte der befragten 18- bis 44jährigen Kinderlosen sagt nach einer Umfrage von Allensbach: "Ein Kind wäre eine große finanzielle Belastung."

          Armut ist relativ

          In Gesellschaften , in denen das durchschnittliche Wohlstandsniveau weit über dem physischen Existenzminimum liegt, ist Armut ein relativer Begriff . In Politik und Öffentlichkeit wird die relative Armutsgrenze häufig mit 50 oder 60 Prozent des Durchschnittseinkommens angegeben. In der EU wird derjenige als arm angesehen, der weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Geldbetrages je Kopf der Bevölkerung zur Verfügung hat. Häufig wird allerdings nicht der statistische Durchschnitt des Pro-Kopf-Einkommens verwendet, sondern der Mittelwert , bei dem Extremfälle unberücksichtigt bleiben. In Deutschland beträgt die danach berechnete Armutsrisikogrenze 938 Euro (2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung). Die Grenze von 60 Prozent ist eine Konvention , hinter der Wertüberzeugungen stehen.

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