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Deutschland : Fast jede zweite Führungsposition geht an eine Frau

In Deutschland gingen in den vergangenen zwölf Monaten 40,7 Prozent der zu besetzenden Positionen an Frauen Bild: dpa

Die Gleichbehandlung von Mann und Frau in der Wirtschaft macht Fortschritte: Der Anteil weiblicher Führungskräfte steigt in fast ganz Europa. Viele Länder sind aber gegen gesetzliche Vorgaben aus Brüssel.

          Während EU-Justizkommissarin Viviane Reding weiter für die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für Führungspositionen kämpft, berufen die Unternehmen in zahlreichen Ländern Europas deutlich mehr Frauen in Aufsichtsräte und Vorstände als je zuvor. In Deutschland gingen in den vergangenen zwölf Monaten 40,7 Prozent der zu besetzenden Positionen an Frauen. Im europäischen Durchschnitt waren es 30,8 Prozent.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Dies geht aus einer bislang unveröffentlichten Auswertung der Personalberatung Egon Zehnder International hervor, die in den 350 größten europäischen Unternehmen 550 Neubesetzungen von Vorstands- und Aufsichtsratspositionen zwischen Mai 2011 und Mai 2012 untersuchte. Am höchsten lag der Anteil in Frankreich; dort waren 52,7 Prozent der Berufenen weiblich.

          Unklare Position innerhalb der Bundesregierung

          Die neuen Zahlen dürften Wasser auf die Mühlen derjenigen sein, die sich gegen verbindliche Vorgaben aus Brüssel wehren. Nachdem am Wochenende Pläne von Justizkommissarin Reding bekannt wurden, vom Jahr 2020 an für Aufsichtsräte einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent vorzuschreiben, formiert sich länderübergreifend Widerstand.

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          Nach Angaben von EU-Diplomaten hat die britische Regierung eine Initiative gegen das Vorhaben von Reding initiiert, der sich schon zehn Staaten angeschlossen haben. In einem Brief an den Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso und Reding wollen sich die Staaten dagegen aussprechen, schon jetzt bindende Quoten festzuschreiben. Der Vorstoß ist ungewöhnlich, weil der Vorschlag Redings offiziell noch gar nicht vorliegt. Sollten die zehn Staaten bei ihrer Ablehnung bleiben, könnten sie den Quotenvorschlag damit im Ministerrat blockieren. Unabhängig davon muss auch das Europaparlament zustimmen.

          Deutschland hat sich nach Angaben von Diplomaten angesichts der unklaren Position innerhalb der Bundesregierung nicht festgelegt und wird den Brief wahrscheinlich nicht unterschreiben. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) lehnt eine starre Quote ab. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) rechnet hingegen damit, dass sich ohne gesetzliche Quote die Zahl der Frauen in Führungspositionen nicht spürbar steigern lässt. Unterdessen zeichnet sich im Bundesrat eine Mehrheit für die von Hamburg auf den Weg gebrachte Initiative für eine gesetzliche Frauenquote ab.

          Kritik an Fokussierung der Politik auf die Aufsichtsräte

          Trotz der Einstellungsoffensive der vergangenen Monate sind in Deutschland nach Angaben von Egon Zehnder noch immer erst 12,8 Prozent der Vorstandsmitglieder und Aufsichtsräte Frauen. Zum Vergleich: Der europäische Durchschnitt beträgt 15,6 Prozent. Spitzenreiter im Ländervergleich ist aktuell Norwegen mit einem Frauenanteil von 36,4 Prozent, gefolgt von Finnland und Schweden. Schlusslichter sind Länder wie Italien, Österreich und Portugal mit Zahlen im einstelligen Prozentbereich. „Wenn sich der Trend fortsetzt, werden Frauen innerhalb der nächsten fünf Jahre 25 Prozent aller Führungspositionen innehaben“, heißt es in der Studie.

          Reding reagierte am Mittwoch gelassen auf die Kritik aus einigen Ländern: „Gott sei Dank werden europäische Gesetze zu solch wichtigen Themen nicht in Sitzungen hinter verschlossenen Türen von zehn Männern in dunklen Anzügen gemacht, sondern in einem demokratischen Prozess.“ Sie sei zuversichtlich, die Frauenquote trotz des Widerstands durchsetzen zu können. Auch als die EU-Kommissarin die Deckelung der Roaming-Preise vorgeschlagen habe, seien zunächst 17 Staaten dagegen gewesen, hieß es in Diplomatenkreisen. Am Ende hätten alle zugestimmt.

          Kritisch gesehen wird sowohl unter Befürwortern wie unter Gegnern einer Frauenquote die derzeitige Fokussierung der Politik auf die Aufsichtsräte. Dadurch lenkten viele Frauen ihre Karriere frühzeitig in diese Richtung und stünden nicht mehr für das operative Geschäft zur Verfügung, warnt Egon Zehnder. In den Vorständen europäischer Unternehmen beträgt der Frauenanteil im Schnitt nur 4,8 Prozent, in den Aufsichtsräten dagegen 18,1 Prozent.

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