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Deutschland droht Ziele zu verpassen : Wirtschaftswachstum lässt Kohlendioxidemission steigen

  • -Aktualisiert am

Auch viele kleine Haushalte stoßen zusammen eine Menge Abgase aus Bild: dpa

Deutschland droht die ausgegebenen Ziele zur Vermeidung von Treibhausgasausstoß zu verpassen. „Mit den bisherigen Maßnahmen kann das Ziel nicht erreicht werden“, sagt Hans-Joachim Ziesing, der die Energiewende im Auftrag der Bundesregierung überwacht, der F.A.Z.

          Das Tempo der Emissionsminderung von Kohlendioxid reicht nicht aus, um das von der Bundesregierung für 2020 ausgegebene Ziel einer Reduzierung um 40 Prozent gegenüber 1990 zu verwirklichen. „Mit den bisherigen Maßnahmen kann das Ziel nicht erreicht werden“, sagte der von der Bundesregierung mit der Überwachung der Fortschritte bei der Energiewende beauftragte Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, Hans-Joachim Ziesing, der F.A.Z. am Dienstag in Berlin.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Da im vergangenen Jahr die Emissionen - um Schwankungen der Temperatur und damit der Energienachfrage bereinigt - wieder gestiegen seien, habe sich die Bundesregierung von ihrem CO2-Ziel sogar „wieder etwas entfernt“. Ziesing widersprach damit Angaben des Bundesumweltamts, wonach sich die Minderung der CO2-Emissionen „trotz sehr starker Konjunktur und Atomausstieg“ 2011 weiter fortgesetzt habe.

          Ziesing kommt zu pessimistischer Einschätzung

          Der Präsident des Umweltbundesamts, Jochen Flasbarth, hatte mitgeteilt, die etwa 1640 deutschen Energie- und Industrieanlagen, die am Emissionshandel teilnehmen müssen, hätten im vergangenen Jahr 450 Millionen Tonnen Kohlendioxid emittiert. Das sei etwa ein Prozent weniger als im Vorjahr. Insgesamt lägen die CO2-Emissionen unter der jährlichen Emissionsobergrenze der zweiten Handelsperiode von 452,8 Millionen Tonnen.

          Ziesing kommt in einer am Dienstag in dem Fachmagazin „Energiewirtschaftliche Tagesfragen“ veröffentlichen Aufsatz zu einer pessimistischeren Einschätzungen. Zwar seien die gesamte Emissionen, also nicht nur die der Energiewirtschaft und Industrie, 2011 im Vergleich zum Vorjahr um etwa 2,3 Prozent auf 800 Millionen Tonnen gesunken, doch sei daran vor allem die milde Witterung mit einem deshalb um 5,3 Prozent niedrigerem Primärenergieverbrauch beteiligt.

          Kohlendioxid-Emissionen Bilderstrecke

          Diesen Effekt für eine bessere statistische Vergleichbarkeit herausgerechnet, seien die CO2-Emissionen 2011 in Deutschland um 9,3 Millionen Tonnen oder 1,2 Prozent gestiegen. Grund seien unter anderem der steigende Anteil der Braunkohleverstromung sowie eine kräftige Expansion der Zementwerke, die auch von den historisch niedrigeren Preisen für Emissionszertifikate profitierten. Die durch das Abschalten der Kernkraftwerke weggefallen Stromerzeugung sei durch die schnell wachsenden erneuerbaren Energien überkompensiert worden.

          Für die CO2-Emissionen weist Ziesing eine sich stetig abschwächende Minderung nach. Sei die an die Atmosphäre abgegebene CO2-Fracht von 1990 bis 2000 im Jahresmittel noch um 15 Millionen Tonnen gesunken, so seien es von 2000 bis 2011 nur noch 8,5 Millionen Tonnen gewesen. Je Einwohner gerechnet sei sie von 13,3 Tonnen (1990) auf 9,6 Tonnen (2009) gesunken, inzwischen aber wieder auf 10 Tonnen gestiegen.

          Durchaus möglich, die Vorgaben noch zu erreichen

          Fraglos habe Deutschland sein Emissionsziel für die aktuelle Handelsperiode erreicht. Doch habe man sich im vergangenen Jahr von dem für 2020 gesetzten Ziel „wieder etwas entfernt“. Um es dennoch zu erreichen, müssten in den kommenden Jahren die CO2-Emissionen jedes Jahr um rund 20 Millionen Tonnen gemindert werden. Das wäre mehr als in den neunziger Jahren, als man durch Stilllegung von Altanlagen schnell hohe Einsparungen erzielen konnte.

          Allerdings sei es durchaus möglich, die Vorgaben noch zu erreichen, sagte Ziesing. Dafür müsse das Tempo der Emissionsminderungen in der Stromerzeugung sowie bei den großen Verbrauchern Industrie, Verkehr und Gebäude beträchtlich beschleunigt werden. Das setze voraus, dass die Nutzung regenerativer Energien erheblich gesteigert und Energie effizienter genutzt werde, damit der Energieeinsatz je produzierter Einheit schneller als bisher sinke. Auch das Bundesumweltministerium hatte unlängst gewarnt, bei den bisherigen Fortschritten werde man den CO2-Ausstoß allenfalls um 35 statt der geplanten 40 Prozent mindern.

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