https://www.faz.net/-gqe-7qef1

Analyse : Die vernachlässigte Energiewende

Die Bundesregierung hat klare Ziele bezüglich der Bild: dpa

Die Energiewende hängt nicht am Ökostrom. Dies ist vielen Deutschen jedoch nicht klar. Dem Klima ist egal, wie CO2-Ausstoß vermieden wird. Auch saubere Heizenergie und Energieeinsparungen sind wichtig.

          3 Min.

          Denken die Deutschen an die Energiewende, dann sehen sie Windräder, Photovoltaikanlagen und Biogasanlagen vor sich. 94 Prozent der Bürger, das ergab im vergangenen Jahr eine Befragung des Forschungszentrums Jülich, verbinden mit der Energiewende „die Zunahme der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien“. Auch der Atomausstieg und der Netzausbau sind präsent. Doch dass es genauso um Energieeinsparungen und saubere Heizenergie geht und damit um Veränderungen in den eigenen vier Wänden, das ist vielen Deutschen nicht bewusst.

          Dabei fließen in diesen Teil der Energiewende in diesem Jahr allein durch Programme des Bundeswirtschaftsministeriums 2,4 Milliarden Euro, die sich aus dem Energie- und Klimafonds und Steuereinnahmen speisen. Weil diese Ausgaben anders als die Umlage für den Ökostrom nicht direkt auf die Stromrechnung durchschlagen, ist das Erregungspotential gering. Die zentrale Bedeutung von Energieeffizienz und Wärmeenergie für die Energiewende schmälert die fehlende Aufmerksamkeit nicht: Dem Klima ist es egal, ob weniger CO2 ausgestoßen wird, weil mehr Ökostrom fließt oder weil weniger Energie verheizt wird.

          Der verzerrte Blick ist erstaunlich. Denn mit 40 Prozent wird der größte Anteil der Energie in Deutschland nicht für Strom oder im Straßenverkehr verbraucht, sondern zum Heizen. Fast 1900 Euro zahlt ein vierköpfiger Haushalt in diesem Jahr für die Ölheizung, 35 Prozent mehr als 2007, wie der Bundesverband Verbraucherzentrale errechnet hat. Für Strom zahlt derselbe Haushalt mit 1150 Euro (plus 43 Prozent) deutlich weniger. Das Sparpotential für den Geldbeutel und für die Klimabilanz ist immens.

          Bundesregierung hat klare Ziele definiert

          Wie steht es um die Energiewende in den eignen vier Wänden? Die Bundesregierung hat klare Ziele definiert. 14 Prozent der Heizenergie sollen im Jahr 2020 aus erneuerbaren Energien stammen. Vor zwei Jahren lag der Anteil bei 10 Prozent. Das klingt gut, doch stagniert der Anteil nahezu. „Der Wärmemarkt wurde in den letzten Jahren im Vergleich zum Strommarkt stark vernachlässigt“, kritisiert das für zahlreiche Förderprogramme zuständige Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Statistiken zeigen, dass die Deutschen 2013 nicht einmal halb so viele Förderanträge für Wärmepumpen, Biomasseanlagen und Solarkollektoren gestellt haben wie 2007. Im vergangenen Jahr betrug das Fördervolumen knapp 160 Millionen Euro.

          Die Ziele für die Energieeffizienz richtet Deutschland an Vorgaben einer EU-Richtlinie aus: Bis 2017 sollen 9 Prozent der Endenergie im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2005 eingespart werden. Die zur Überprüfung der Ziele zuständige Bundesstelle für Energieeffizienz sah Deutschland in einem Zwischenbericht zuletzt auf dem Weg, die Ziele überzuerfüllen. Die halbstaatliche Deutsche Energie-Agentur bemängelte dagegen jüngst, dass „die vorgegebenen Energieeffizienzziele bislang nicht erreicht werden“. Im Vorjahresvergleich stieg der Energieverbrauch 2013 um 2,5 Prozent, der CO2-Ausstoß nahm nicht ab.

          Was fehlt, ist eine offene Debatte darüber, wie in Deutschland Energie gespart und effizienter genutzt werden kann. 1,8 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen des Energie- und Klimafonds flossen im vergangenen Jahr in das Gebäudesanierungsprogramm, das von der Förderbank KfW vorangetrieben wird. Die Politik verfolgt dieses Programm aber nur halbherzig. Seit Jahren wird darüber diskutiert, Investoren mit Steuervergünstigungen Sanierungen schmackhaft zu machen. Im Bundesrat brachten die Länder, die sonst lautstark für Energieeffizienz eintreten, dieses Vorhaben zu Fall. 1,5 Milliarden Euro Zusatzbelastung im Jahr für die öffentlichen Haushalte waren ihnen zu viel. Im Koalitionsvertrag taucht diese Option nicht mehr auf. In öffentlichen Gebäuden, in denen sich neue Fenster und dickere Wände besonders lohnen würden, kommt die Sanierung nur im Schneckentempo voran.

          Ob es eine gute oder eine schlechte Nachricht ist, dass Deutschland hinter den gesteckten Zielwerten für die Gebäudesanierung zurückbleibt, ist eine offene Frage. Denn über Sinn und Unsinn der Gebäudedämmung ist ein Streit entbrannt. Der Berliner Ökonom Harald Simons bezeichnete die energetische Sanierung in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zuletzt als „gigantische Fehlallokation von Ressourcen“. Andere Studien betonen dagegen große Einsparpotentiale.

          In ungewohnter Einigkeit fordert ein Bündnis aus Maschinenbau-Verband, Umweltverbänden und Gewerkschaften ein stärkeres Engagement der Politik. Solche Aufrufe machen hellhörig, denn gerade bei der Industrie dürfte der bislang in der Debatte vernachlässigte Aspekt der Energiewende neue Begehrlichkeiten wecken. Die Bundesregierung sollte kleinteilige, teure und eingriffige Maßnahmen überdenken. Mehr Energie muss in Überzeugungsarbeit fließen: Auch ohne Zwang können Verbraucher für das Klima vorteilhafte Entscheidungen treffen – zum Beispiel, indem sie sich von einem Energieberater Tipps in den eigenen vier Wänden geben lassen. Doch nur rund 2000 Vor-Ort-Beratungen wurden in den ersten drei Monaten dieses Jahres gefördert.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Frauen in weiß protestieren während einer Kundgebung zur Unterstützung der inhaftierten Demonstranten in Minsk.

          Proteste halten an : Belarus trotzt der Polizeigewalt

          In den vergangenen Nächten ließ Lukaschenka Proteste gegen seinen angeblichen Wahlsieg brutal niedergeschlagen, dennoch gehen auch am Mittwoch wieder Tausende auf die Straße, immer mehr Prominente stellen sich hinter sie. Nun gibt es ein zweites Todesopfer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.