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Deutscher Strom zu billig : Energiewende verrückt

Energieintensive Unternehmen sind in Deutschland von der Ökozulage befreit - und sind die Profiteure der Energiewende Bild: dpa

In den Niederlanden geht eine Aluminiumhütte pleite. Sie gibt billigem deutschem Strom die Schuld.

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          Delfzijl im äußersten Nordosten der Niederlande. Ostfriesland-Urlaubern bekannt als Ausflugsort, denn von Borkum und Emden aus steuert sommers eine Fähre das Städtchen an – hier, wo die Nordsee sich allmählich zur Ems verengt. Fernab gelegen von der Randstad, dem wirtschaftlichen Kraftzentrum der Niederlande, macht Delfzijl selten von sich reden. Dabei liegt hier einer der großen Industriekomplexe des Landes – mit Chemie- und Metallfirmen.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eine von ihnen macht nun recht laut von sich reden: Aluminium Delfzijl, kurz Aldel. Und sie liefert einen Aufreger, der auch die Deutschen angeht. Denn Aldel ist pleitegegangen, und mit schuld soll die deutsche Politik sein. Es geht um mögliche Subventionen, um verzerrten Wettbewerb, um Folgen der Energiewende – es geht just um die Fragen, über die sich Deutschland gerade mit der EU streitet. Aldel als Beispiel im Kleinen für den Zank zwischen Berlin und Brüssel im Großen.

          Was war passiert? Zum Jahreswechsel meldet Aldel Insolvenz an. 300 Beschäftigte verlieren den Arbeitsplatz. Zweierlei soll dafür verantwortlich sein: niedrige Aluminiumpreise – und zu billiger Strom in Deutschland. Damit könne Aldel nicht mehr konkurrieren.

          Zu billiger Strom? Beschwert sich ganz Deutschland nicht gerade über viel zu teuren Strom? Die Bürger sowieso – sie sind erschrocken, in welchem Ausmaß Zwangszahlungen für Ökostrom ihre Rechnungen aufblähen. Und auch die Industrie klagt: Die Politik treibe die Energiekosten derart in die Höhe, dass ganze Branchen gefährdet seien.

          In der Tat, die Energiewende hat Elektrizität verteuert. Mit dem EEG, dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, wollte Rot-Grün Anreize schaffen, Strom umweltfreundlicher zu erzeugen. Wer Windräder oder Solardächer baut, bekommt eine Garantie, dass der Strom ihm auch abgenommen wird. Und zwar zu weit höheren Preisen als Kohle- oder Atomstrom; die Differenz wird von den Netzbetreibern auf alle Stromverbraucher umgelegt. So ist in gut einem Dutzend Jahren der Ökoanteil am gesamten Strom von weniger als einem Zehntel auf rund ein Viertel gestiegen – zugleich zahlen Verbraucher und Betriebe aber stetig steigende Umlagen. Der Strompreis für Industriekunden hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt.

          Mit einer Ausnahme: Wer besonders viel Energie verbraucht und im internationalen Wettbewerb steht, wird geschont – und muss, bis auf einen Minibetrag, keine Ökozulage zahlen. 1700 Betriebe sind das bisher, in diesem Jahr kommen rund 1000 dazu. Nach Zahlen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) ist dann mehr als jeder zwanzigste Betrieb von der Zulage befreit. Darunter auch der typische Aluminiumhersteller als einer der ganz großen Stromfresser.

          Damit aber nicht genug. Der viele Alternativstrom hat zugleich das Gesamtangebot erhöht – und den Preis für Strom an der Börse und im Großhandel gedrückt. Die industriellen Großverbraucher bestellen jetzt viel billiger als vorher, ohne die EEG-Umlage zu zahlen. Sie sind von der Last der Energiewende befreit, nehmen deren günstige Nebeneffekte aber mit. Die großen Stromverbraucher sind die Profiteure der Energiewende.

          Das führt zu Unmut im Ausland. Denn die heruntergeprügelten deutschen Marktpreise liegen inzwischen unter dem Niveau vieler anderer Länder: Nach EU-Berechnung zahlten Industriebetriebe mit 70 bis 150 Gigawattstunden Jahresverbrauch in der ersten Hälfte 2013 in Deutschland im Schnitt 6,36 Cent pro Kilowattstunde – und damit weniger als den EU-Durchschnitt von 6,97 Cent. Auch weniger als in den Niederlanden.

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