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Deutscher Exportüberschuss : Das Märchen vom Gleichgewicht

Hohe Nachfrage: der deutsche Maschinenbau wird weltweit geschätzt, hier ein Archivbild der Kirow Ardel AG aus Leipzig. Zu sehen ist das Drehgestell des Eisenbahndrehkrans „Multi Tasker 1600“. Bild: dpa

Deutschland wird für seine Exportüberschüsse gescholten. Aber wie soll man sie verkleinern? Und wieso sind sie überhaupt ein Problem? Ein Kommentar.

          Ein Gleichgewicht ist ein Zustand mit Beharrungsvermögen. Nach diesem Verständnis sind der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Vereinigten Staaten im Gleichgewicht: Seit Jahrzehnten immer wieder beharren sie darauf, dass Deutschland den Leistungsbilanzüberschuss, im Kern den Überschuss von Export über Import, verringere. Die Europäische Kommission steht kurz davor, sich dem illustren Kreis anzuschließen.

          Die Forderung nach einem geringeren Überschuss oder gar einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht wird durch die europäische Stimme nicht besser. Soll die Bundeskanzlerin künftig am Zollhaus stehen und die Ausfuhr stoppen? Soll die Regierung die Deutschen verpflichten, mehr ausländische Produkte zu kaufen? Dass sie weniger Kapital ins Ausland tragen und mehr für den Konsum ausgeben? Man muss sich die Konsequenzen der Forderung bis ins Extrem bildhaft vorstellen, um zu erkennen, wie bizarr das alles ist. Dabei geht es nicht nur darum, ob die Regierung einen geringeren Leistungsbilanzüberschuss herbeiführen kann, ohne planwirtschaftlich lenkend in den Markt einzugreifen. Es geht mehr noch darum, ob sie es überhaupt tun sollte. Warum sollte in einer Marktwirtschaft die Politik den Menschen verbieten, im Ausland Waren zu verkaufen oder Kapital im Ausland zu investieren?

          Im Gegensatz zu anderen gesamtwirtschaftlichen Größen, die Politiker und manche Ökonomen zum Ziel erklären, ist der Wert eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichts nicht ersichtlich. Wachstum ist gut, weil es den Wohlstand aller hebt. Der Wert einer geringen Arbeitslosigkeit erklärt sich von allein. Eine geringe Staatsverschuldung ist gut, weil Kindern und Kindeskindern eine geringere Steuerlast auferlegt wird. Eine niedrige Inflationsrate ist gut, weil Geldwertstabilität den Menschen erlaubt, mit weniger Unsicherheit zu wirtschaften. Aber was ist an einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht wünschenswert?

          Die politischen Unwägbarkeiten der Währungsunion

          Die Ritter des Gleichgewichts leitet die fixe Idee, dass eine Wirtschaft sich nur dann solide entwickle, wenn die Entwicklung ausgewogen vonstatten gehe. Es gelte das Prinzip Maß und Mitte, ein gesunder Export neben einer gesunden Binnennachfrage. So aber funktioniert die Marktwirtschaft nicht. Eine dynamische Wirtschaft im Wettbewerb ist ständig, wenn man es so nennen will, voller Ungleichgewichte, die sich vergrößern, verkleinern, verändern und verschieben - und manchmal auch über Jahrzehnte Bestand haben. Hier gibt es eine Innovation, die zeitweise Monopolgewinne ermöglicht oder verlängert, dort ein stetes Bemühen um Qualität und Kundenzufriedenheit, so dass dauerhafte Vorteile im Wettbewerb entstehen. Solche scheinbaren Ungleichgewichte zugunsten eines angeblich ausgewogenen Wachstums einzuebnen garantierte die Friedhofsruhe der staatlich gelenkten Wirtschaft. Das gilt für die Binnenwirtschaft ebenso wie für den internationalen Handel.

          Der Export rollt: Containerumschlag im Hamburger Hafen

          Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss besteht seit Jahrzehnten, weil Deutschland netto Kapital exportiert, sieht man von wenigen Jahren nach der deutschen Einheit ab. Ist das ein Ungleichgewicht, ein Zustand ohne Beharrungsvermögen? Ist Deutschland der Vampir der Weltwirtschaft, der anderswo bösartig gesamtwirtschaftliche Nachfrage absaugt? Wohl kaum. Der Überschuss ist - im Gegensatz zu China - auch nicht Ergebnis eines gelenkten Wechselkurses, sondern Ergebnis der individuellen Entscheidungen von Millionen Unternehmen und Verbrauchern. Wissen der IWF, die Amerikaner oder die EU-Kommission besser, was gut für diese Menschen ist, wo und bei wem sie Güter kaufen und Kapital anlegen? Der IWF begründet die schwache Binnennachfrage und den Leistungsbilanzüberschuss mit geringer Investitionsbereitschaft als Folge großer Unsicherheit der Unternehmen. Das ist kein Ungleichgewicht, sondern eher rationale Zurückhaltung deutscher Unternehmer angesichts der politischen Unwägbarkeiten der Währungsunion.

          Wer die Anpassungslast tragen soll

          Historisch stammt die Sorge, dass Leistungsbilanzungleichgewichte per se oder im Übermaß schädlich seien, aus der Welt fester Wechselkurse, die mit dem Bretton-Woods-System 1973 verging. Weil der Wechselkurs damals nicht ausgleichen durfte, stellte sich ständig die Frage, wer die realen Anpassungslasten zu tragen hatte - das Überschuss- oder das Defizitland. In einer kruden Mischung aus Keynesianismus und Merkantilismus ging es um eine politisch zentral ausgehandelte Aufteilung und Verschiebung gesamtwirtschaftlicher Nachfrage, so wie die Ritter des Gleichgewichts sie jetzt wieder anstreben.

          Mit dem Wegfall nominaler Wechselkurse in der Europäischen Währungsunion hat Deutschland sich teils wieder in eine analoge Zwangsjacke hineinbegeben. Das erklärt zum Teil das aktuelle Aufbegehren gegen die hohen deutschen Leistungsbilanzüberschüsse. Im Kern geht es wieder darum, wer die Anpassungslast tragen soll, die Defizit-Krisenländer im Süden oder das wichtigste Überschussland im Norden des Euroraums. Die Antwort kann nur lauten: Natürlich die Krisenländer! Alles andere würde politisches und privates Fehlverhalten belohnen und in die Zukunft fortschreiben.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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