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Rezessionsängste durch Brexit : „Zuerst überreagieren, später nachdenken“

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Briten für EU-Austritt : Cameron unter Druck

„Potentiell fatale Folgen“

„Die Entscheidung der britischen Bürger wird potentiell fatale Folgen haben, auch wenn sie nicht überraschend gekommen ist“, sagte Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW). „Den EU-Mitgliedsländern ist es in den vergangenen Jahren nicht gelungen, bei ihren Bürgern eine Identität als Europäer zu verankern. Das Ergebnis sehen wir nun in Großbritannien und in den Diskussionen in anderen europäischen Ländern.“

Es werde nun eine möglicherweise lange und gefährliche Phase der Unsicherheit folgen, wie es mit den Beziehungen der EU zu Großbritannien weitergeht. „Ein Assoziierungsabkommen nach dem Modell der Schweizer oder Norwegens ist für Großbritannien utopisch“, glaubt Snower. „Die Briten hätten dann ihren Einfluss in der EU verloren, müssten aber weiter fast alle Regeln befolgen.“ Dass die EU Großbritannien ziehen lassen, dem Land aber weiter in großem Umfang wirtschaftliche Vorteile gewähren wird, sei ebenfalls unwahrscheinlich. „Die EU wird wahrscheinlich ein Exempel statuieren, um andere vom Verlassen der Union abzuschrecken.“

Auch Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln äußerte sich bestürzt: „Es gibt nur Verlierer“, sagte er in einer ersten Reaktion auf das Brexit-Votum. Die Briten verlören an Gewicht auf der weltpolitischen Bühne und zugleich ihren Zugang zum weltweit größten Binnenmarkt. „Auf der anderen Seite muss die Europäische Union den Verlust ihres wichtigsten Finanzplatzes und damit ihres Tors zum Commonwealth sowie in die USA hinnehmen“, so Hüther weiter.

„Eine Katastrophe für alle Europäer“, sieht der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher. Er fürchtet “ernome“ wirtschaftliche Kosten für ganz Europa. Großbritannien könnte in eine Rezession abrutschen. Sein Institut erwartet in seiner neuesten Prognose ein um 0,5 Prozentpunkte schwächeres Wachstum für Deutschland im Jahr 2017, allein durch den Rückgang deutscher Exporte nach Großbritannien. „Die Abschwächung des Wachstums der deutschen Wirtschaft könnte jedoch über Finanzmarkteffekte und einen Vertrauensverlust noch deutlich stärker sein“, sagte Fratzscher. Am größten sei das Risiko für Länder wie Italien, die nach wie vor tief in der Krise seien und noch tiefer in die Krise geraten könnten.

Von Anfang an eher Vernunft- als Liebesehe

Thomas Straubhaar von der Universität Hamburg macht sich nach dem Referendum schon Gedanken über weitere Austritte aus der EU. „Nichts wird in Europa mehr gehen, ohne das Damoklesschwert weiterer Austritte und ohne die ständige Angst davor, neue Gründe für einen Zerfall Europas zu liefern“, sagte Straubhaar. National-konservative Parteien werden nach seiner Einschätzung in Europa nun an Zulauf gewinnen. Sie würden in ihren Heimatländern einen EU-Austritt ganz oben auf die politische Agenda setzen.

Doch in völlige Hoffnungslosigkeit möchte Straubhaar nicht verfallen und sieht in der Krise auch die historische Chance eines Neuanfangs. „Es ist wie nach dem Ende einer langen Partnerschaft, die von Anfang an eher Vernunft- als Liebesehe war. Jetzt muss sich Europa neu erfinden“.

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