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Kritik an Aufsicht : Deutsche Banken bangen

Die Frankfurter Skyline mit dem Bankenviertel. Der Abstand zur ausländischen Konkurrenz könnte bei den deutschen Banken immer größer werden. Bild: Marc-Steffen Unger

Amerikas Geldhäuser treten in Deutschland so stark auf wie noch nie, die nächsten Wettbewerber stehen schon in den Startlöchern: Die öffentlichen Banken schlagen nun Alarm.

          3 Min.

          Es ist ein Warnruf gewesen, den Johannes-Jörg Riegler in seiner Eigenschaft als Präsident des Bundesverbandes Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) gegeben hat. Vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten sagte er gerade, dass Europas Banken nicht mehr in der Lage seien, Eigenkapital aus eigener Kraft zu schaffen. Riegler, im Hauptberuf Vorstandsvorsitzender der Bayerischen Landesbank (Bayern LB), hält europäische und deutsche Banken auf absehbare Zeit nicht mehr für wettbewerbsfähig. Dafür kritisierte er die Bankenaufsicht in Europa.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Er forderte ein Umdenken der Aufseher, vor allem in der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die 125 größten Banken der Eurozone wacht. Davon stammen 21 aus Deutschland, von denen Riegler als VÖB-Präsident 14 Institute vertritt, in erster Linie Landes- und Förderbanken. „In Zeiten, in denen das Bankensystem existentiell gefährdet ist, bin ich gerne VÖB-Präsident“, begründete er seine Entscheidung, das Amt im November 2016 anzutreten.

          Amerikaner und Chinesen auf dem Vormarsch

          Die Banken aus dem VÖB stehen für ein Drittel des deutschen Bankenmarktes und bekommen verstärkt die Konkurrenz durch ausländische Wettbewerber zu spüren. „Amerikanische Banken sind noch nie so stark in Deutschland aufgetreten wie jetzt“, sagte der seit 24 Jahren im Bankgeschäft tätige Riegler.

          Diese könnten deutsche Institute bei Gehältern oder Transaktionen ausstechen. Seinen Worten zufolge treten auch die chinesischen Institute am deutschen Markt immer professioneller auf, etwa bei Unternehmenskrediten.

          Der Chef der Bayern LB ist beunruhigt, weil es den europäischen und deutschen Banken auf absehbare Zeit an Ertragskraft mangelt und sich so der Abstand zur ausländischen Konkurrenz vergrößern wird. Mit Blick auf die volkswirtschaftlichen Konsequenzen sagte Riegler: „Das kann sehr gefährlich sein.“

          Europäischen Banken fehlt das Ziel

          Die strengeren Vorgaben der Aufsichtsbehörden in Reaktion auf die Finanzkrise hält er für grundsätzlich richtig, doch inzwischen sei die Aufsicht in Europa verzettelt und teuer. „Es gibt elf Regulatoren, und jeder will seine Existenz rechtfertigen, das macht es für uns schwierig.“ Es fehlt seiner Ansicht nach ein Gesamtbild und ein Ziel für den europäischen Bankensektor.

          In Amerika seien die Banken nach kurzer Zeit in der Lage gewesen, wieder Milliardengewinne zu erzielen, obwohl sie auch Milliardenstrafen hätten zahlen müssen. Doch diese Profitabilität sei für europäische Banken derzeit angesichts der Niedrigzinspolitik der EZB nicht möglich. Hätten Europas Banken in den Jahren vor der Finanzkrise Eigenkapitalrenditen von 10 bis 12 Prozent erzielen können, seien es derzeit nur 2 bis 4 Prozent.

          Dagegen bezifferte Riegler die Kapitalkosten auf 8,5 bis 9,0 Prozent. Das müssen Banken aufwenden, wenn sie für ihre Geschäfte entweder Eigenkapital einsetzen oder Fremdkapital beschaffen müssen. Die Banken könnten nicht mehr aus eigener Kraft Freiraum für neues Geschäft schaffen, warnte Riegler. Der Verlust an Profitabilität fällt jeweils zur Hälfte auf die Niedrigzinsen und auf die strengere Regulierung. Mit der geringen Zinsspanne müssten die europäischen Banken noch einige Jahre zurechtkommen. Deshalb seien sie zu einer „Rückwärtsstrategie“ gezwungen. Sie müssten kleiner werden und vermehrt Gebühren verlangen. „Wenn das noch Jahre so weitergeht, wird es keine starke europäische Bankenbranche mehr geben.“

          Starke Banken, ohne neue Finanzkrise

          Die schwache Ertragskraft ist auch den Aufsehern der EZB bewusst. Darauf hat zuletzt die oberste EZB-Bankenaufseherin Danièle Nouy mehrfach hingewiesen. Sie will auch bei den Geschäftsmodellen mitreden, um die Banken widerstandsfähiger zu machen. Für Riegler ist das der falsche Schluss: „Ich halte es nicht für gut, wenn der Aufseher Bank spielt“, sagte er. Die Prüfung der Geschäftsmodelle von Banken durch die Aufseher hält er für grenzwertig. Riegler forderte ein gemeinsames Vorgehen von Aufsehern und Banken. Ziel müsse sein, starke Banken zu schaffen, ohne dass dadurch eine neue Finanzkrise ausgelöst werde.

          Der Druck werde neben ausländischen Instituten auch durch die neuen Wettbewerber verschärft. Riegler, der im Konzern der Bayern LB über die am Privatkundenmarkt sehr erfolgreiche Direktbank DKB verfügt, erwartet in den kommenden Jahren, dass die großen amerikanischen Elektronik- und Internetkonzerne wie Apple, Google oder Amazon in das Bankgeschäft einsteigen werden. Deshalb sei es entscheidend, dass die Banken wieder nachhaltig Vertrauen zurückgewännen. Das sei auch als Arbeitgeber im Wettbewerb um die besten Köpfe und Talente mit neuen Konkurrenten wie etwa den Fintechs nötig.

          HSH Nordbank gefährdet Sparkassen

          Größtes Sorgenkind im Verband der öffentlich-rechtlichen Banken ist gegenwärtig die HSH Nordbank. Auf ihr lasten ausfallgefährdete Kredite, vor allem Schiffsfinanzierungen, von gut 13 Milliarden Euro. Das Institut muss auf Geheiß der EU-Kommission bis 2018 verkauft oder abgewickelt werden. Die HSH ist Mitglied im Haftungsverbund von Sparkassen und Landesbanken, der Institute in Notlagen unterstützt. Sollte die HSH nicht verkauft werden, drohen der Sparkassen-Gruppe hohe Belastungen. Doch daran denkt Riegler nicht: „Bis der Haftungsfall ausgerufen wird, ist es aus meiner Sicht ein ganz, ganz weiter Weg.“

          Er verwies auf das ordentliche Kerngeschäft der HSH Nordbank und den derzeit laufenden Verlaufsprozess. Mehr als fünf Interessenten sollen Gebote abgegeben haben, darunter der chinesische Mischkonzern HNA und der amerikanische Finanzinvestor Apollo.

          Grundsätzlich sieht Riegler bei der HSH vor allem die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein in der Pflicht, die rund 94 Prozent an dem Institut halten. Mit knapp 6 Prozent sind die Sparkassen aus Schleswig-Holstein beteiligt. Deshalb gehört die HSH dem öffentlich-rechtlichen Haftungsverbund an und müsste im Notfall unterstützt werden. „Wenn das einschlägig wird, gehe ich davon aus, dass das natürlich hält“, sagte Riegler.

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