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Südamerika : Der Siegeszug der brasilianischen Landwirtschaft

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Wie eine griechische Phalanx: Mähdrescher ernten ein Sojabohnen-Feld in Mato Grosso Bild: Reuters

Brasiliens Wirtschaft stagniert - nur die Agrarwirtschaft wächst stetig. Inzwischen macht sie ein Viertel der ökonomischen Leistung des Landes aus. Konzerne haben sie effizient gemacht. Doch zu welchem Preis?

          Brasiliens Agrarbranche ist stolz und will sich von der allgemeinen schlechten Stimmung in der Wirtschaft des Landes abheben. „Andere Industrien sind eifersüchtig, was wir erreicht haben“, sagte zum Beispiel Kátia Abreu, Agrarministerin in Brasilien, vor ein paar Tagen auf der Internationalen Geflügel- und Schweine-Messe in São Paulo, zu der der Verband ABPA Journalisten aus aller Welt eingeladen hatte. Auch der Direktor des Agrarbereichs beim Industrieverband FIESP beginnt seine Rede auf einem Empfang mit den Worten: „Die Agrarwirtschaft ist der einzige Bereich hier im Hause, der Freude macht.“

          Manche der anwesenden Herren quittierten diesen Kommentar mit einem bösen Blick, dabei haben die beiden Agrarexperten durchaus recht. Brasiliens Agrarsektor ist für knapp ein Viertel des gesamten Bruttoinlandsproduktes und für 44 Prozent der Exporte gut. Während die Wirtschaft 2014 nur 0,1 Prozent gewachsen ist, dürfte die Landwirtschaft um 3 Prozent zugelegt haben. Im vergangenen Jahr produzierte Brasilien fast 200 Millionen Tonnen Soja, Mais und Getreide und trug damit umgerechnet fast 400 Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei. Brasilien ist zudem der drittgrößte Schweineproduzent der Welt. Das Land ist dringend auf die riesigen Exporterlöse angewiesen.

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          Der Siegeszug der brasilianischen Landwirtschaft begann, als sich große Unternehmen aus dem In- und Ausland für das bis dato eher unproduktive Land interessierten. Mittlerweile bestimmen rund vier Dutzend Agrarunternehmen, an denen zum großen Teil ausländische, darunter einige amerikanische Konzerne beteiligt sind, die Landwirtschaft Brasiliens. Und die Nachfrage nach Rohstoffen beschleunigte den Wandel auf dem Land. Wo einst Grundnahrungsmittel wie Bohnen, Reis oder Maniok angebaut wurden, wachsen heute Soja und Mais als Futtermittel für die Fleischproduktion, Zuckerrohr zur Ethanolproduktion, Eukalyptus für die Zelluloseindustrie oder weiden Rinder. Diese nehmen rund 80 Prozent der Landwirtschaftsfläche in dem Land ein.

          Kunstdünger und Monokulturen

          Die Produktivitätszuwächse in der brasilianischen Landwirtschaft haben in den vergangenen drei Jahrzehnten stattgefunden. Seit Mitte der achtziger Jahre wächst die Produktivität jährlich um 3 Prozent. Seit dem Jahr 2000 nimmt sie sogar um 4 Prozent jährlich zu, das ist doppelt so hoch wie der Durchschnitt aller Agrarnationen, heißt es bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Gleichzeitig stieg der Einsatz von Böden, Arbeitskräften, Düngemitteln, Maschinen und Pflanzenschutzmitteln im gleichen Zeitraum nur um 0,57 Prozent jährlich. Die Ernte nimmt zu, weil Bauern die gleichen Flächen intensiver bewirtschaften.

          Doch der Erfolg der Agrarwirtschaft hat erhebliche Schattenseiten. Die brasilianische Agrarindustrie verbraucht heute ein Fünftel der auf der Welt produzierten Kunstdünger und Pestizide. Umweltgruppen kritisieren die entstandenen Monokulturen, Gewerkschaften die schlechten Arbeitsverhältnisse und die Mangelernährung der armen Bevölkerung, weil die Felder für Biosprit genutzt würden.

          „Die Regierung hat sich zur Geisel des Agrobusiness gemacht“, sagt João Pedro Stédile, Chef der brasilianischen Landlosenbewegung MST. 250 Senatoren und Abgeordnete zählt die „bancada ruralista“, die parteienübergreifende Farmerfraktion, im brasilianischen Parlament. Die 1993 ausgearbeitete Landreform, welche die Enteignung von ungenutztem Kulturland und dessen Verteilung an landlose Bauernfamilien vorsieht, kommt nicht voran. Laut dem MST warten jedoch rund 150.000 Familien auf ein Stück Land. Dabei gäbe es genügend Brachland. 175 Millionen Hektar sind es laut dem Instituto Nacional de Colonização e Reforma Agrária, das für die Umsetzung der Agrarreform zuständig ist. Das Problem jedoch: Die Nachfrage nach Agrarflächen ist gigantisch. Laut den Zahlen des Incra ist die von Großgrundbesitzern kontrollierte Fläche zwischen den Jahren 2003 und 2010 von 182 Millionen Hektar auf 265 Millionen Hektar angewachsen.

          Viel Hoffnung haben die meisten Menschen nicht, dass sich etwas ändert. Denn die neue Agrarministerin war bisher Präsidentin des Farmerverbandes CNA und stammt selbst aus einer Farmerfamilie. Während ihrer Rede auf der Messe erzählte sie, dass sie früher unbedingt heiraten wollte, damit sie jeden Tag „Chicken“ essen könne. Nun könne jeder Hühnchen essen. „Miss Abholzung“, „Kettensägen-Queen“, „Gesicht des Bösen“, so nennen sie ihre Gegner. Ihrer Meinung nach stecken hinter Ökologen in Wahrheit Staaten, die mit der Agrarweltmacht Brasilien konkurrieren und deren Aufstieg bremsen wollen.

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