https://www.faz.net/-gqe-vb1f

Der neue RWE-Chef : Die Rückkehr als Ruhrbaron

  • -Aktualisiert am

Jürgen Großmann Bild: Holde Schneider

Die Anerkennung als erfolgreicher mittelständischer Unternehmer reicht Jürgen Großmann nicht, es fehlt noch der Orden „Chef in einem großen Dax-Unternehmen“. Den will er sich beim Energiekonzern RWE verdienen. Dort wird Großmann zum 1. Oktober Vorstandsvorsitzender.

          Wäre es nach den Plänen des scheidenden RWE-Vorstandsvorsitzenden Harry Roels gegangen, hätte sich der Nachfolger zunächst in Ruhe im Konzern umschauen müssen, eher er Anfang Februar die Führung des Essener Versorgungsunternehmens übernimmt. Jürgen Großmann als Lehrjunge? Unvorstellbar! Wo auch immer der Wahlhamburger eintritt, füllt er den Raum.

          Es ist nicht nur die Statur – „Für mein Gewicht bin ich zu klein“, wie der Zwei-Meter-Mann gern spöttelt – oder die kräftige, alle Gespräche übertönende Stimme. Es ist vor allem das Selbstbewusstsein eines erfolgreichen Unternehmers, das Großmann auszeichnet und das Roels Pläne von vornherein zum Scheitern verurteilte.

          Von Schulden zum Milliarden-Vermögen

          Den Jugendtraum „Vorstand“ hatte Großmann bereits 1991 als Neununddreißigjähriger abgehakt. Keine zwei Jahre später lud er sich zum Kaufpreis von zwei Mark für das dem Untergang geweihte Edelstahlwerk Georgsmarienhütte 100 Millionen Mark Schulden auf und machte daraus in einem guten Jahrzehnt ein Milliarden-Vermögen. Großmann liebt das Leben und lebt seinen Beruf so intensiv, dass Arbeit, Freizeit und gelegentlich auch Familie zur Melange verschmelzen.

          Das eigene, kostspielige Zwei-Sterne-Restaurant „La Vie“ in Osnabrück ist Hobby und zugleich Besprechungsraum für Spitzenpolitiker und -manager. Auf seiner legendären Oldtimer-Rallye strapaziert die Elite der deutschen Wirtschaft ihre vierrädrigen Schätze. Selbst wenn Großmann seinen Stahlarbeitern unter weißer Kochhaube Würstchen grillt, ist schwerlich der eigene, sichtbare Spaß vom Incentivprogramm für die Belegschaft zu trennen.

          Großmann fällt durch barocken Lebensstil auf

          Kein Wunder, dass Großmann für sein neues Amt in Essen von einem früheren Kommunalpolitiker ins Spiel gebracht wurde. In der Politik gilt er als einer der Freunde von Altbundeskanzler Gerhard Schröder, pflegt aber auch gute Kontakt zu Nachfolgerin Angela Merkel. Diese enge Vernetzung in Wirtschaft und Politik hat Vorgänger Roels bewusst gemieden und damit nicht nur im Konzern, sondern auch unter den kommunalen Aktionären Unbehagen erzeugt. Während der in seinen RWE-Jahren bestens vergütete Roels gelegentlich durch Bemühungen um weitere Einkommensmehrung von sich reden machte, fällt der Nachfolger durch seinen barocken Lebensstil auf. Unter Vorständen und Unternehmern findet Großmanns unbeschwerter Umgang mit Mensch und Geld Bewunderung, aber auch abfällige Kritik. Hier liegt sein Schwachpunkt. Die Anerkennung als erfolgreicher mittelständischer Unternehmer reicht ihm nicht, es fehlt noch der Orden „Chef in einem großen Dax-Unternehmen“.

          Ende 2006 wechselte der Wirtschaftswissenschaftler und promovierte Ingenieur im eigenen Stahlkonzern auf den Aufsichtsratsvorsitz, überließ dem langjährigen Freund und Weggefährten Peter van Hüllen das operative Geschäft. Das war kein Rückzug in den Ruhestand, sondern der Befreiungsakt zur Übernahme einer letzten großen Herausforderung. Gern wäre er einem Ruf an die VW-Spitze gefolgt. Aber der Aufsichtratsvorsitzende des Wolfsburger Autobauers zählt nicht zu seinen Bewunderern. Die ihm im Februar angebotene Aufgabe ist ebenfalls anspruchsvoll, persönlich aber wohl noch reizvoller. Denn so kann der gebürtige Mühlheimer als „Baron“ in das Revier zurückkehren, in dem er 1980 als Assistent von Klöckner-Werke-Chef Herbert Gienow in Duisburg seine Karriere begann.

          Kampferprobter Unternehmer

          Als Eigentümer eines energieintensiven Stahlwerks kritisierte Großmann gern und heftig das Strommarkt-Oligipol. In seiner neuen Aufgabe muss er den Spagat perfektionieren: die zunehmend wechselbereiteren Kunden mit preiswerter Energie und die Aktionäre mit attraktiven Ergebnissen überzeugen. Wenn ihm dies gelänge, fände der neue RWE-Chef auch leichter wieder offene Ohren in der Bundesregierung. Aber dazu fehlt die Zeit. Denn die immer stärker vom Klimaschutz geprägte Energiepolitik in Berlin trübt die Zukunft des größten deutschen Kohlendioxidemittenten ein. Da scheint für einen kampferprobten Unternehmer das Konzept zur organisatorischen Straffung des Konzerns noch die einfachste Aufgabe. Aber umsetzen muss Großmann dies nun als Angestellter, nicht mehr als Eigentümer.

          Weitere Themen

          Jugend forscht

          EU-Forschungspolitik : Jugend forscht

          Ursula von der Leyen stellt die europäische Forschungspolitik neu auf. Von Forschung und Bildung ist dabei überraschend wenig die Rede. Von Innovation um so mehr.

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.