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Pilotprojekt in Namibia : Für jeden 100 Dollar Grundeinkommen

  • Aktualisiert am

Namibische Arbeiter hoffen auf das Grundeinkommen. Doch die Meinungen darüber gehen auseinander. Bild: AFP

Am Sonntag stimmen die Schweizer über das Grundeinkommen ab. Erste Feldversuche wurden bereits gemacht - zum Beispiel in Namibia. Doch die Erfahrungen sind sehr gemischt.

          Wenn in Otjivero ein Mensch stirbt, kann das für die Angehörigen sehr teuer werden. Überführung der Leiche, Sarg und Leichenschmaus schlagen mit bis zu 20.000 namibischen Dollar (1200 Euro) zu Buche - für manche ist das ein Jahresgehalt. Doch in der kleinen Siedlung eineinhalb Autostunden östlich der namibischen Hauptstadt Windhoek konnten sich viele der 2000 Einwohner vorübergehend eine Sterbeversicherung für 10 Dollar im Monat leisten - aufgrund der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

          Geboren wurde die Idee vor über zehn Jahren von einer Koalition für das „Basic Income Grant“, also einem Grundeinkommen für alle. In den Jahren 2008 und 2009 bekam jeder Bewohner in Otjivero im Monat 100 Dollar (6 Euro) - dazu musste er nur registriert sein und durfte nicht gleichzeitig eine Rente beziehen. Das überwiegend aus deutschen Spendengeldern finanzierte Einkommen, zu dem vor allem die evangelischen Kirchen im Rheinland und in Westfalen beitrugen, hat die Siedlung verändert.

          Früher hätten die meisten Bewohner in Verschlägen aus Holz und Plastikfolien gehaust, erinnert sich der stellvertretende Projektleiter Dominikus Ganeb. Heute bestehen die meisten Minihäuschen aus Wellblech, manche sind sogar gemauert. Viel wichtiger aber: In jener Zeit gingen fast alle Kinder in die Grundschule, zuvor weniger als die Hälfte. Auch den Besuch in der kleinen Klinik konnten sich auf einmal viel mehr Menschen leisten - die Sprechstunde kostet 4 Dollar.

          Viel Produktives geschafft

          Die fetten Jahre sind vorbei. Nach Ende des Projekts wurde zwar noch über zwei Jahre lang ein reduzierter Beitrag von 80 namibischen Dollar (5 Euro) bezahlt, danach war Schluss. Für die Menschen in Otjivero ist das unverständlich, denn sie haben aus ihrer Sicht viele vernünftige Dinge mit der Zuwendung angestellt. Ein Dorfkomitee kontrollierte, dass das Geld nicht in Alkohol umgesetzt, sondern für die Rückzahlung von Krediten und den Einkauf von Lebensmitteln benutzt wurde.

          Die 59 Jahre alte Selma steht vor ihrem kleinen Laden, in dem sie Mehl, Zucker, Öl und Kaffee verkauft. Früher musste sie im Haushalt eines Farmers in der Nähe arbeiten, es gab dort oft Streit mit dem Chef. Jetzt ist sie selbständig, das Geschäft wirft auch Geld für ihre 19 Jahre alte Tochter Albertina und deren Baby ab. Die Ware beschaffen sie selbst, indem sie sich eine Mitfahrgelegenheit in die Stadt suchen und dann mit schweren Taschen voller Lebensmittel für den Laden zurückkehren.

          Der stellvertretende Projektleiter Ganeb verdingte sich vor der Auszahlung des Grundeinkommens oft als Hilfsarbeiter auf einer Farm für 50 Dollar (3 Euro) am Tag. Mit der monatlichen Auszahlung begann er, Ziegen und Hühner zu züchten und einen Laden zu betreiben. All das führt er auch nach Ende des Projekts fort, aber auf kleiner Flamme - den Dorfbewohnern fehlt inzwischen das Geld, bei ihm einzukaufen.

          Grundeinkommen für Namibia wirtschaftlich nicht zu verkraften

          Das Fazit der Pilotphase in Otjivero fällt widersprüchlich aus. Die Projektleiter sind sehr zufrieden und argumentieren mit besserer Gesundheit, Bildung und dem Aufblühen des Kleinunternehmertums - Frisierstuben, Minibäckereien, Kioske. Kritiker bemängeln, das Projekt sei wissenschaftlich nicht angemessen begleitet worden und die statistische Auswertung fragwürdig. Nicht einmal über die Höhe der Kosten, die zwischen 3 Millionen und 15 Millionen namibischen Dollar veranschlagt werden, kann man sich einigen.

          Ob das bedingungslose Grundeinkommen in Namibia flächendeckend eingeführt wird, ist noch nicht ausgemacht. Zephania Kameeta, Minister für Armutsbekämpfung und ehemaliger lutherischer Bischof, gilt als glühender Befürworter dieser Maßnahme. Staatspräsident Hage Geingob scheint dagegen von seiner früheren Begeisterung abzurücken. Hintergrund könnte eine Berechnung des Internationalen Währungsfonds (IWF) sein, wonach ein nationales Grundeinkommen mehr als 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kosten würde. Das wäre nach IWF-Einschätzung für das wirtschaftlich ohnehin schwach aufgestellte südwestafrikanische Land nicht zu verkraften.

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