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Der Grüne Punkt : Volk der Trenner und Sammler

  • -Aktualisiert am

Ein Exportschlager: In 24 Ländern prangt auf 460 Milliarden Verpackungen im Jahr der Grüne Punkt Bild: dpa

Lange wurde über ihn gestritten, mittlerweile ist er Alltag: der Grüner Punkt ist zwanzig Jahre alt. Er ist Symbol für ein System, an dem Millionen verdient wurden. Sein Auftrag: Der Müll gehört getrennt. Koste es, was es wolle.

          In einem italienischen Supermarkt dämmerte Lars Oehlschlaeger erstmals, wie weit seine Idee sich verbreitet hatte. In allen Regalen sah er ihn, auf Pasta-Packungen, Gemüsekonserven, Getränkekartons: den Grünen Punkt. Das Logo sah exakt so aus, wie Oehlschlaeger es einst in Hamburg aufgemalt hatte, als er 25 war, Berufsanfänger und freier Mitarbeiter einer großen Werbeagentur: zwei verschlungene Pfeile, einer hell-, einer dunkelgrün. „Ich habe mich angelehnt an das Symbol für Yin und Yang.“

          Der Grafiker wusste, dass er einen Punkt für alle Dosen und Schachteln im Land pinseln sollte. Aber er ahnte nicht, dass der Punkt einmal in 24 Ländern zum Einsatz kommen würde, auf 460 Milliarden Packungen im Jahr - und wie das Symbol die Deutschen zu Trennern und Sammlern umerziehen sollte. Dass Glas und Papier guter Müll ist, wussten sie schon. Jetzt lernten sie, zwischen Zahnpastatube und Kartoffelschale zu unterscheiden, spülten Joghurtbecher und falteten Tetrapacks.

          Oehlschlaeger erfand das Symbol für ein System, an dem andere Millionen verdienten. Diese anderen, Deutschlands Verpackungs- und Müll-Community, treffen sich in zwei Wochen in Berlin, um den 20. Geburtstag des Grünen Punkts zu feiern. Vor 20 Jahren gab es wenig zu feiern: Das Duale System war eine Notlösung. Immer mehr Tüten, Dosen, Plastikhüllen stopfte der Deutsche in die Mülltonne. Der Müll türmte sich, bis das Wort vom Deponie-Notstand umging. Aber auf mehr Deponien reagierten die Bürger so begeistert wie heute auf neue Bahnhöfe.

          Die Hersteller sollten selbst entsorgen

          Was also tun, grübelte man im Umweltministerium, damals das Reich von Klaus Töpfer. Verpackungsabgaben für Hersteller hätten doch nur die Bürger bezahlt. Vorschriften für Packungsdesign fanden die Beamten zu dirigistisch. Es sollte noch Pralinen in Silberfolie geben dürfen. Also verfiel Töpfer auf einen „kleinen Trick“, wie er sich stolz erinnert: das Verursacherprinzip. Wer Verpackungen in Verkehr bringt, soll sie auch aus dem Verkehr ziehen. Wenn die Hersteller erst ihren Müll selbst entsorgen müssten, hoffte Töpfer, würden sie auch weniger erzeugen.

          Für die Entsorgung gab es nur zwei Wege: Entweder holte die Firma ihre Packung beim Kunden ab. Oder der Kunde brachte sie dahin zurück, wo er sie bekam. Der Supermarkt - die neue Mülldeponie? Die Vorstellung erschien Aldi & Co. so gruselig, dass sie Töpfer vom Dualen System Deutschland (DSD) überzeugten: eine private Firma, die Verpackungsfirmen gegen Gebühr den Grünen Punkt gibt. Packungen mit Punkt müssen nicht die Hersteller entsorgen, sondern private Firmen im Auftrag des DSD, bezahlt mit den Lizenzgebühren. „So wurden in kürzester Zeit die Verbraucher zur Mülltrennung erzogen und ein Teil der deutschen Abfallentsorgung privatisiert“, sagt der Anwalt Clemens Weidemann, der seiner Zunft als „Papst des Abfallrechts“ gilt.

          Klaus Töpfer, der sich heute gern als „gelber Sack“ vorstellt, war es zwar nicht so recht, dass die Firmen die Entsorgung delegierten. Aber wenn der Ex-Minister jetzt durch Wohngebiete spaziert, vorbei an der Armada bunter Tonnen neben den Garagen, ist er „beeindruckt, was wir bewegt haben. Das ist das Tolle an Deutschland!“, jubelt er: „Wenn man den Bürgern ein Modell nur erklärt, ziehen sie mit.“

          Die Entsorger kollabierten fast unter gelben Säcken

          Und wie die Deutschen mitzogen. Eine Zerreißprobe bescherte ihre Sammelwut dem DSD: Nach einer Werbekampagne für 45 Millionen Mark kollabierten die Entsorger fast unter gelben Säcken, in denen sich sorgsam gespülte Margarinepötte ebenso fanden wie schmutzige Windeln. Der Erfolgsdruck auf das DSD erlaubte es den Müllfirmen, Irrsinnspreise zu verlangen, bis das System vor der Pleite stand. „Damals wurde noch von Hand sortiert“, erinnert sich Wolfram Brück, einst DSD-Chef. „Auch die Methoden zur Verwertung waren kaum entwickelt. Man konnte schlecht alle Plastikbehälter zu Parkbänken verarbeiten.“ Verbrennen war verboten. Es war die Zeit, in der deutsche Joghurtbecher in Indonesien auftauchten.

          Mit Müllverminderung hat das System bis heute wenig zu tun. Zeitweise seien Packungen effizienter und leichter geworden, sagt die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung. Bis 2000 seien 1,4 Millionen Tonnen Kunststoff gespart worden. Dann achteten die Firmen wieder auf den Geschmack der Kunden, auch wenn das Scheibenkäse in Folie bedeutete. Ohnehin zahlt für Töpfers Verursacherprinzip, das längst EU-weit gilt, nicht der Verursacher: „Die meisten Firmen wälzen die Gebühr auf die Kunden ab“, sagt Hubertus Bardt, Umweltexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Dafür habe der Grüne Punkt aus der Abfallwirtschaft eine Rohstoffwirtschaft gemacht: 5,5 Milliarden Euro habe Deutschland 2007 gespart an Importkosten für Öl oder Aluminium, weil nun stattdessen der Müll wiederverwertet wird. Der Müll werde aber auch exportiert - als zerschredderte Flocken und Krümel. Die werden in China zu Fleece-Pullis und in Holland zu Putzeimern verarbeitet.

          Die Entsorger sind die großen Gewinner

          Große Gewinner des Systems sind die Entsorger. 2003 knackten sie auch das Monopol des DSD, das sich längst von der „Selbsthilfeorganisation“ zur florierenden GmbH entwickelt hatte und heute dem Finanzinvestor KKR gehört (der es aber wieder loswerden will). Die Müllfirmen besorgen sich jetzt selbst Aufträge der Hersteller und verteilen Grüne Punkte. Die sind eigentlich überflüssig, denn seit 2009 müssen alle Verpackungen recycelt werden. Doch die Firmen drucken den Punkt gern, wirkt er doch wie ein Ökosiegel. In Umfragen darüber, was Bürger für die Umwelt tun, ist eine der häufigsten Antworten: „Ich trenne Müll!“

          Die wenigsten scheint zu wundern, dass zwar Plastiktüten in den gelben Sack gehören, Plastikspielzeug aber nicht. „Verpackungen und andere Wertstoffe getrennt zu behandeln, ist Unsinn“, sagt Bardt. Die Trennungstechnik sei so ausgereift, dass alle Wertstoffe in einer Tonne landen könnten - Verpackung, Kunststoff, Holz, Papier, Metall. Übrig blieben nur Glas, feuchte Abfälle und Schadstoffe wie Batterien. Wertstofftonnen dafür werden vielerorts erprobt - und schon streiten die Entsorger, wer sie leeren darf. Vor 20 Jahren wollte keiner den Müll, jetzt wollen alle an ihm verdienen.

          Nur einer hat mit dem Ganzen kaum Geld gemacht: der Grafiker Oehlschlaeger. Für seinen Grünen Punkt bekam er 1500 Mark plus Mehrwertsteuer. „Hätte ich mir einen Zehntel Pfennig für jeden Abdruck versprechen lassen, wäre ich jetzt reicher als Bill Gates.“

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