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Der Grüne Punkt : Volk der Trenner und Sammler

  • -Aktualisiert am

Die Entsorger kollabierten fast unter gelben Säcken

Und wie die Deutschen mitzogen. Eine Zerreißprobe bescherte ihre Sammelwut dem DSD: Nach einer Werbekampagne für 45 Millionen Mark kollabierten die Entsorger fast unter gelben Säcken, in denen sich sorgsam gespülte Margarinepötte ebenso fanden wie schmutzige Windeln. Der Erfolgsdruck auf das DSD erlaubte es den Müllfirmen, Irrsinnspreise zu verlangen, bis das System vor der Pleite stand. „Damals wurde noch von Hand sortiert“, erinnert sich Wolfram Brück, einst DSD-Chef. „Auch die Methoden zur Verwertung waren kaum entwickelt. Man konnte schlecht alle Plastikbehälter zu Parkbänken verarbeiten.“ Verbrennen war verboten. Es war die Zeit, in der deutsche Joghurtbecher in Indonesien auftauchten.

Mit Müllverminderung hat das System bis heute wenig zu tun. Zeitweise seien Packungen effizienter und leichter geworden, sagt die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung. Bis 2000 seien 1,4 Millionen Tonnen Kunststoff gespart worden. Dann achteten die Firmen wieder auf den Geschmack der Kunden, auch wenn das Scheibenkäse in Folie bedeutete. Ohnehin zahlt für Töpfers Verursacherprinzip, das längst EU-weit gilt, nicht der Verursacher: „Die meisten Firmen wälzen die Gebühr auf die Kunden ab“, sagt Hubertus Bardt, Umweltexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Dafür habe der Grüne Punkt aus der Abfallwirtschaft eine Rohstoffwirtschaft gemacht: 5,5 Milliarden Euro habe Deutschland 2007 gespart an Importkosten für Öl oder Aluminium, weil nun stattdessen der Müll wiederverwertet wird. Der Müll werde aber auch exportiert - als zerschredderte Flocken und Krümel. Die werden in China zu Fleece-Pullis und in Holland zu Putzeimern verarbeitet.

Die Entsorger sind die großen Gewinner

Große Gewinner des Systems sind die Entsorger. 2003 knackten sie auch das Monopol des DSD, das sich längst von der „Selbsthilfeorganisation“ zur florierenden GmbH entwickelt hatte und heute dem Finanzinvestor KKR gehört (der es aber wieder loswerden will). Die Müllfirmen besorgen sich jetzt selbst Aufträge der Hersteller und verteilen Grüne Punkte. Die sind eigentlich überflüssig, denn seit 2009 müssen alle Verpackungen recycelt werden. Doch die Firmen drucken den Punkt gern, wirkt er doch wie ein Ökosiegel. In Umfragen darüber, was Bürger für die Umwelt tun, ist eine der häufigsten Antworten: „Ich trenne Müll!“

Die wenigsten scheint zu wundern, dass zwar Plastiktüten in den gelben Sack gehören, Plastikspielzeug aber nicht. „Verpackungen und andere Wertstoffe getrennt zu behandeln, ist Unsinn“, sagt Bardt. Die Trennungstechnik sei so ausgereift, dass alle Wertstoffe in einer Tonne landen könnten - Verpackung, Kunststoff, Holz, Papier, Metall. Übrig blieben nur Glas, feuchte Abfälle und Schadstoffe wie Batterien. Wertstofftonnen dafür werden vielerorts erprobt - und schon streiten die Entsorger, wer sie leeren darf. Vor 20 Jahren wollte keiner den Müll, jetzt wollen alle an ihm verdienen.

Nur einer hat mit dem Ganzen kaum Geld gemacht: der Grafiker Oehlschlaeger. Für seinen Grünen Punkt bekam er 1500 Mark plus Mehrwertsteuer. „Hätte ich mir einen Zehntel Pfennig für jeden Abdruck versprechen lassen, wäre ich jetzt reicher als Bill Gates.“

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