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Kommentar : Ein gutes Leben im Brexit-Land

  • -Aktualisiert am

Die Londoner City kam unter Premierministerin Margaret Thatcher zu Wohlstand. Bild: AFP

Die Briten verlassen bald die EU. Und trotzdem geht die Party in London weiter. Niemand muss deswegen weinen oder sich gar schämen.

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          Dass ein Land der Europäischen Union der Meinung ist, es sei außerhalb der EU besser aufgehoben als innerhalb, finden hierzulande viele Leute einen Anlass zum Weinen oder zum Schämen. Beweinen sollen die verbliebenen EU-Mitglieder die Treulosigkeit ihrer Brüder und Schwestern auf der Insel. Schämen aber sollen sich die Briten, dass ihr Referendum im Juni 2016 so schändlich ausfiel. Das kontinentale Lamento verbindet sich mit einem Katalog von Verwünschungen, die den Abtrünnigen den alsbaldigen wirtschaftlichen Untergang vorhersagen.

          Doch anders als es viele prophezeit haben, findet der Untergang vorerst nicht statt. Im Jahresvergleich ist das britische Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal nach dem Brexit-Referendum um 2,3 Prozent gestiegen, deutlich kräftiger als auch die Optimisten unter den Skeptikern dachten, was wieder einmal ein schlechtes Licht wirft auf die prognostischen Fähigkeiten von Ökonomen. Die britischen Autohersteller freuen sich über Interesse aus dem Ausland, nicht zuletzt dank des schwachen Pfunds. Der Konzern Renault-Nissan kündigte vergangene Woche gar an, zwei neue Modelle in seinem Werk im nordenglischen Sunderland zu bauen; es ist das stärkste Investitionsbekenntnis zur Insel seit dem Brexit.

          Das dicke Ende

          Die düpierten Apokalyptiker greifen zur naheliegenden Verteidigung: Freut euch nicht zu früh, das dicke Ende kommt noch! Schließlich habe das Land bis heute noch nicht einmal das Austrittsverfahren eröffnet. Alles werde sich bis mindestens 2019 hinziehen. Spätestens dann aber werde die Erde beben.

          Dagegen ist wenig zu sagen. Wer weiß schon, was 2019 ist und wie töricht die Briten den Brexit durchziehen werden. Wenn allerdings das Argument von genau jenen Leuten kommt, die sonst immer wissen, dass die Märkte alle Risiken schon im vorhinein einpreisen, dann ist der Markt derzeit entweder verblendet oder aber die Akteure sehen Großbritannien nicht so gefährdet, wie die Brexit-Feinde es gerne hätten.

          Keine Rückkehr zum Isolationismus

          Es trifft sich, dass sich in diesen Tagen eine der größten Finanzreformen Großbritanniens zum dreißigsten Mal jährt: Jener „Big Bang“ Margaret Thatchers im Oktober 1986, der den Börsenplatz London deregulierte, die Finanzindustrie entfesselte, der Londoner City großen Wohlstand brachte, aber aus kontinentaleuropäischer Sicht als Gier-Kapitalismus versagt hat. Dass England dem Euro fernblieb, hat die Party nicht gestört. Wer will heute mit Sicherheit unken, dass es nach dem EU-Ausstieg anders kommen wird?

          Zumindest die urbane und kosmopolitische Szene der britischen Hauptstadt wird alles daran setzen, dass ihr Land auch nach dem Brexit nicht in dumpfen Isolationismus zurückfällt. Es gibt eine freihändlerische Fraktion der „Brexiteers“, für die offene Märkte, offene Gesellschaften und nationale Souveränität keinen Widerspruch bedeuten, sondern einander bedingen. Sollte sie mehr Gehör finden, muss einen der Brexit nicht schrecken.

          Ende offen

          Zumindest ein europäisches Narrativ verliert damit seine Überzeugungskraft: Jetzt noch zu behaupten, dass der Brexit mit protektionistisch-xenophobem Populismus gleichzusetzen sei, während die EU ein Hort der politischen und wirtschaftlichen Offenheit und Freiheit sei, wäre mehr als naiv. Dazu sind die ideologischen Risse und rechts-liberalen Übergänge in allen europäischen Ländern viel zu sichtbar. Man muss gar nicht gleich auf Le Pen (Frankreich), Wilders (Niederlande), Hofer (Österreich) oder Petry (Deutschland) zeigen. Es reicht schon, bei Sigmar Gabriel (SPD) Halt zu machen, der dem Protektionismus aller TTIP-Gegner Stimme gibt, oder, deutlich kleinkarierter, bei Hermann Gröhe (CDU), der die deutschen Apotheker unter Artenschutz stellen möchte.

          Kurzum: Ob die Sezessionisten auf der Insel oder die „Remainer“ auf dem Kontinent mehr für Freiheit, Fortschritt und Wohlstand der Menschen herausholen werden – dieser Wettlauf der Evolution ist noch lange nicht entschieden.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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