https://www.faz.net/-gqe-7xqwm

Geplatztes Geschäft : Risiko Russland

  • -Aktualisiert am

Der Chemiekonzern BASF und der russische Energiekonzern Gasprom haben einen Deal über mehrere Milliarden Euro abgesagt Bild: dpa

Die Absage des Anteilstauschs von BASF und Gasprom ist ein Fanal. Kommt die Kooperation aufgrund der politischen Entwicklungen in Russland zum Stillstand?

          Wer noch daran gezweifelt hat, dass die von Russlands Präsident Wladimir Putin mit der Besetzung der Krim und dem Zündeln in der Ostukraine losgetretene politische Krise tiefe Einschnitte in die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen bringen wird, der sollte spätestens jetzt eines Besseren belehrt sein: Der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF und der staatliche russische Energiekonzern Gasprom haben einen verabredeten Anteilstausch im Wert von mehreren Milliarden Euro abgesagt.

          Das ist ein Fanal, schließlich ging nicht um irgendein Geschäft. Das zeigen schon die Börsenreaktionen. Denn das Ziel der vor Monaten – kaum ohne den Rückhalt höchster politischer Stellen – getroffenen Absprache war es, die Kooperation zwischen dem weltgrößten Chemiekonzern und dem Moskauer Staatskonzern zu vertiefen.

          Über ihre Tochtergesellschaft für das Gas- und Ölgeschäft, Wintershall, sollte BASF weitere lukrative Bohrrechte in den gashaltigen Gesteinsformationen Sibiriens bekommen. Gasprom sollte im Gegenzug sein Handelsgeschäft in Westeuropa ausbauen, indem es Wintershall-Anteile am Gashändler Wingas bekam, zudem ein paar Gasspeicher und Schürfrechte in der Nordsee. Dass das nun abgeblasen wurde, ist eine auffällige Parallele zur politischen Entwicklung: 25 Jahre prosperierender Integration und Kooperation zum wechselseitigen Vorteil seit dem Fall des Eisernen Vorhangs kommen einstweilen zum Stillstand.

          Verfall des Rubels trifft viele Unternehmen hart

          Die BASF hatte Anfang der neunziger Jahre den direkten Kontakt zu Gasprom gesucht, weil der deutsche Monopolist Ruhrgas ihr beim Preis nicht entgegenkommen wollte. BASF braucht viel Erdgas im Chemiegeschäft. Die Ludwigshafener bauten Leitungen, verhandelten mit den Russen und beteiligten sie früh am Gasvertriebsgeschäft in Deutschland, öffneten ihnen damit den Markt und sorgten so für Wettbewerb. Nicht zuletzt deswegen erhielten sie einen eigenen Zugang zu russischen Quellen. Über die Jahre wurde viel wechselseitiges Vertrauen aufgebaut. Dieses Kapital reicht aber offensichtlich nicht aus, um den politischen Spannungen standzuhalten.

          Russland wird zum Länderrisiko und das nicht nur für die BASF. Auch der durch die deutsche Energiepolitik ins Schlingern geratene Stromkonzern RWE muss fürchten, die dringend benötigten Einnahmen aus dem Verkauf seiner Öl- und Gasgesellschaft Dea an einen russischen Investor nicht zu bekommen. Hier steht die britische Regierung auf der Bremse.

          Der Verfall des Rubel trifft die in Russland tätigen ausländischen Unternehmen hart. Sie reagieren wegen der kaum kalkulierbaren Entwicklung der Preise und der Gewinnaussichten mit Verkaufsstopps in Russland und Lieferunterbrechungen. Anderen, die vor Ort für den heimischen Markt produzieren, ob Baustoffe oder Elektrizität wie Eon, bleibt wenig anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie können nur hoffen, dass die russische Wirtschaft nicht zu stark leidet und ihre Erträge beim Transfer ins Ausland nicht entwertet werden.

          „Abwarten, bis sich der Sturm legt“

          Derweil verhängen die Europäische Union und die Vereinigten Staaten weitere Sanktionen gegen Russland, dessen Führung in der politischen Kontroverse um die Ukraine-Politik nicht bereit scheint, auch nur einen Millimeter nachzugeben. Das trage nicht zur Entspannung der Lage bei, klagt der Vorsitzende des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Eckhard Cordes. Das Wirtschaften mit Russland werde schwieriger – wohl wahr, siehe BASF. Doch der Grund dafür sind nicht die Sanktionen. Sie sind nur eine notwendige Reaktion auf die groben Verstöße Russlands gegen das Völkerrecht. „Business as usual“ wäre darauf keine angemessene Reaktion.

          Die Absage des Anteilstauschs ist nicht die erste Folge der politischen Krise. BASF war einer der westeuropäischen Partner Gasproms für den Bau der neuen South-Stream-Gasleitung durch das Schwarze Meer Richtung Südosteuropa. Präsident Putin hatte den Bau kürzlich kurzerhand abgesagt, auch weil Russland sich nicht an die Spielregeln der EU halten wollte. Die gestatten es Energieproduzenten nicht, auch die Transportinfrastruktur zu betreiben. Im Streit darüber wird auch die ebenfalls mit Hilfe der BASF und anderer westeuropäischer Konzerne gebaute Nord-Stream-Gasleitung durch die Ostsee auf absehbare Zeit nicht voll ausgelastet werden können.

          Die jüngste Geschäftsabsage beinhaltet freilich eine doppelte Rückversicherung: Gasprom und BASF bleiben miteinander im Geschäft, doch verzichten die Deutschen darauf, mit Investitionen in Milliardenhöhe ihre Risiken im zunehmend unsicheren Umfeld eines autokratischen Regimes auszubauen. Dass sie einstweilen weiter im Gashandel und damit auch hier mit Gasprom eng verbandelt bleiben, konterkariert zwar ihre strategische Absicht, sich auf die Suche und Gewinnung von Gas und Öl zu konzentrieren. Allerdings ist das besser zu verkraften als die Aussicht, bei einer weiteren Zuspitzung der Lage möglicherweise in Geiselhaft genommen zu werden. Die Devise „abwarten, bis sich der Sturm legt“ ist in solch turbulenten Zeiten allemal die bessere Option.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kurz’ Zögern : Gefangen in der Ibiza-Falle

          Lange wartete Österreichs Kanzler, bis er sich zum Video von FPÖ-Chef Strache äußerte. Dabei war ihm schnell klar, dass sein Vize nicht zu halten ist. Dessen Parteifreund Gudenus soll derweil weiter Kontakt zu der vermeintlichen Oligarchennichte gehalten haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.