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Der 11. September und die Börse : Die Wall Street kommt nicht zur Ruhe

  • -Aktualisiert am

„Der 11. September für die Finanzwelt war nicht so schlimm wie die Krise, die darauf folgte”, sagt Roy Smith, New York University Bild: Helmut Fricke

Die New Yorker Wall Street wurde nach dem Terroranschlägen vom 11. September 2001 zum Symbol eines unbeugsamen Kapitalismus. Heute ist das anders.

          Es ist ein Bild, an das sich viele Amerikaner erinnern, nicht nur an der Wall Street. Am 17. September 2001, nach vier Tagen ohne Handel, läutet an der New Yorker Börse, die nur ein paar Straßen von den rauchenden Ruinen des World Trade Center entfernt liegt, wieder die Eröffnungsglocke. Auf der Empore im Börsensaal an der Wall Street drängen sich ranghohe Politiker. Die New Yorker Senatoren Chuck Schumer und Hillary Clinton sind da, Finanzminister Paul O‘Neill und Bürgermeister Rudy Giuliani. Im Mittelpunkt steht an diesem Tag allerdings der Vorstandsvorsitzende der New York Stock Exchange, Richard Grasso.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          „Heute kehrt Amerika zum Geschäft zurück und wir machen das als Signal für diese Kriminellen, die dieses abscheuliche Verbrechen gegen Amerika verübt haben, und für alle Amerikaner, dass sie verloren haben“, sagt Grasso, der an diesem Morgen zum glatzköpfigen Gesicht eines unbeugsamen Kapitalismus wurde. Es gibt zwei Schweigeminuten, ein Marineinfanterist singt „God bless America — Gott segne Amerika“. Nach der Eröffnung des Handels gehen die Kurse auf Talfahrt — allerdings nicht ganz so schlimm wie erwartet worden war.

          Am Freitag, dem letzten Handelstag bevor sich die Terroranschläge zum zehnten Mal jähren, standen die gleichen Leute auf der Empore. Die hochkarätige „Bell Crew — die Glockenmannschaft“, wie das im Jargon der Börse heißt, erinnerte allerdings nicht nur an die Widerstandsfähigkeit der New Yorker nach den Anschlägen. Sie war auf unfreiwillige Weise auch ein Symbol für die tiefgreifenden Änderungen, die in den vergangenen zehn Jahren in der Finanzbranche stattgefunden haben – auch wenn dieser Wandel mit den Anschlägen vom 11. September gar nicht viel zu tun hat.

          Nur die Militärausgaben stiegen stetig: Die Aktienkurse an der Wall Street wurden von den Anschlägen des 11. September bei weitem nicht so hart getroffen wie zur Zeit der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009. Inzwischen ist aus der Bankenkrise auch eine Staatsschuldenkrise geworden. Und damit haben auch die Militärausgaben zu tun.

          Für Richard Grasso war es das erste Mal, dass er im Handelssaal der Nyse stand, seit er im September 2003, nur zwei Jahre nach den Anschlägen, nach einem öffentlichen Aufschrei wegen seines exzessiven Gehalts und einer Pension in dreistelliger Millionen-Dollar-Höhe in Ungnade gefallen die Börse verlassen musste. Nach dem Abgang von Grasso änderten sich nicht nur die Gehälter der New Yorker Börsenchefs. Auch die Börse wandelte sich.

          Zu Grassos Zeiten tummelten sich täglich noch Tausende von Händlern auf dem Parkett. An einem der jüngsten Sommertage wirkt das der Handelssaal dagegen fast wie ausgestorben, als ob er nur noch als Kulisse für Fernsehreporter taugt. Der Grund dafür ist das Wachstum des elektronischen Handels. Grasso war ein starker Verfechter des Parketthandels. Seine Nachfolger, erst John Thain und dann Duncan Niederauer, trimmten die Börse wie von ihren Kunden gefordert aber konsequent auf Elektronik, auch wenn sie für bestimmte Aufgaben auf Makler und Parketthändler nicht verzichten wollen.

          Dennoch nahmen neue elektronische Handelsplattformen der Nyse und auch der Computerbörse Nasdaq auf dem Heimatmarkt Anteile im Handel ab. 2001 wurden noch mehr als vier Fünftel der an der Nyse notierten Aktiengesellschaften auch dort gehandelt. Zehn Jahre später ist es nur noch ein Viertel.

          Grasso tat auch so, als sei es für Aktiengesellschaften, die international etwas auf sich hielten, geradezu zwingend, an der Nyse notiert zu sein. Aber in den vergangenen Jahren gewannen internationale Finanzplätze wie London oder Hongkong an Bedeutung. Ausländische Unternehmen wurden zudem von einer schärfer gewordenen Regulierung abgeschreckt, die für zusätzliche Kosten sorgte.

          Grassos Nachfolger Thain ging daher auf Expansionskurs. Die Börse wurde ein börsennotiertes Unternehmen und wuchs in Amerika durch die Übernahme von elektronischen Handelsplattformen wie Archipelago und anderen Börsen. Dann expandierte er nach Europa, wo die Nyse die Mehrländerbörse Euronext übernahm. Konkurrent Nasdaq konterte mit dem Kauf des nordeuropäischen Börsenverbandes OMX. Nach Abschluss der im Februar angekündigten Fusion zwischen Nyse Euronext und der Deutschen Börse, die noch von den Kartellbehörden abgesegnet werden muss, wird die Nyse Teil eines globalen Börsenkonzerns sein, der mit der Eurex auch eine der größten Terminbörsen der Welt beherbergt. Später steht wahrscheinlich die Expansion nach Asien auf dem Programm. Die Nyse wird dann nur noch eine, gleichwohl wichtige und bekannte Marke, in einem weltumspannenden Netz von Finanzmärkten sein. Mit dieser Strategie folgt die New Yorker Börse ihren Kunden, den großen Investmentbanken und Wertpapierhäusern, die ebenfalls internationaler geworden sind.

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