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Dennis Snower im Interview : „Gutscheine könnten die Arbeitslosigkeit bedeutend senken“

  • Aktualisiert am

Snower fordert tiefgreifende Reformen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, sprach mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Hartz IV, Kombilöhne und private Anreize in der Arbeitsvermittlung.

          5 Min.

          Seit Oktober 2004 leitet Dennis Snower das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Er unterzieht die renommierte Wissenschaftseinrichtung einer umfassenden Neuordnung, um die akademische Qualität auf Dauer zu sichern. Der polyglotte Amerikaner, der lange in Großbritannien geforscht und gelehrt hat, gilt als Fachmann für Fragen des Arbeitsmarkts. Er wirbt für Beschäftigungsgutscheine - eine Art Kombilohn, der sich an der Dauer der Arbeitslosigkeit orientiert. Wir haben ihn anläßlich einer Vortragsveranstaltung im British Council in Berlin befragt.

          Herr Snower, bringt das von der großen Koalition in Genshagen beschlossene Beschäftigungs- und Wachstumsprogramm wirtschaftlich den Durchbruch?

          Genshagen kann nur ein Anfang sein. Die Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt in Deutschland sind so grundlegend, daß eine radikale Kursänderung notwendig ist. Eine Politik der kleinen Schritte ist nicht mehr angebracht. Die Reformen müssen tiefgreifend sein.

          Was heißt das konkret?

          Die Anreize müssen anders gesetzt werden. Derzeit schaffen wir vor allem am Arbeitsmarkt viele falsche Anreize. Wir zahlen Subventionen, wenn die Menschen nichts tun und nehmen diese Zahlungen zurück, wenn sie einen Arbeitsplatz gefunden haben. Für die Minderqualifizierten, die am anfälligsten für die Arbeitslosigkeit sind, ändert Hartz IV die Beschäftigungs-Anreize kaum. Daher ist nicht zu erwarten, daß Hartz IV die Beschäftigung in Deutschland signifikant steigern kann.

          Ein wichtiges Thema in Genshagen war die Lage der Beschäftigten mit geringer Qualifikation. Wie schaffen wir am besten einen Niedriglohnsektor, auf dem diese Leute eine Chance haben?

          Die Förderung eines Niedriglohnsektors zielt in die falsche Richtung. Die zentrale Schwierigkeit in Deutschland ist die langfristige Arbeitslosigkeit, es sind nicht die niedrigen Löhne. Es müssen die langfristig Arbeitslosen subventioniert werden. Denen muß man die höchsten Anreize geben, wieder zu arbeiten.

          Hilft da ein Kombilohn?

          Ein Kombilohn kann förderlich oder schädlich sein, es kommt auf die Ausgestaltung an. Schädlich ist er, wenn er bloß als Förderung des Niedriglohnsektors konzipiert ist. Dann schwächt man den Anreiz, sich aus- und fortzubilden und davon zu profitieren, daß mit steigendem Bildungsgrad Produktivität und Löhne zunehmen. Wir müssen erreichen, daß die Produktivität der Leute wächst.

          Kombilöhne für langfristig Arbeitslose wären also durchaus sinnvoll?

          Ja, das wäre positiv. Die Höhe der Subvention sollte dabei von der Dauer der Arbeitslosigkeit abhängen: Je länger die Menschen arbeitslos sind, desto größer ist ihre Schwierigkeit, wieder eine Beschäftigung zu finden. Der Anstieg der Subvention in Abhängigkeit von der Dauer der Arbeitslosigkeit darf allerdings nicht zu stark sein, weil sonst ein Anreiz entsteht, abzuwarten. Und sobald ein Arbeitsplatz gefunden ist, müssen die Subventionen schrittweise wieder abgebaut werden.

          Wie macht man das konkret?

          Zum Beispiel mit Beschäftigungsgutscheinen. Der Wert solcher Gutscheine würde mit der Länge der Arbeitslosigkeit zunehmen. Jeder Arbeitslose bekommt einen Gutschein, den er bei einer Arbeitsplatzzusage an den Arbeitgeber weiterreichen kann. Das Unternehmen kann damit seine Lohnkosten senken.

          Bei den Beschäftigungsgutscheinen geht es nicht wie sonst bei Gutscheinsystemen um das Auslösen von Wettbewerb, sondern schlicht um eine persönliche, abrufbare Subvention in Form einer Übernahme der Sozialbeiträge oder einer Steuergutschrift durch den Staat.

          Stimmt. Aber dieses System ist besser als beispielsweise eine einfache steuerliche Vorschrift. Da baut der Staat nämlich immer Stufen ein. Stufen sind Unfug; sie geben einen Anreiz abzuwarten, bis die nächste Subventionsklasse erreicht ist. Mit der Dauer der Arbeitslosigkeit zunehmende Subventionen müssen kontinuierlich wachsen, nicht in Sprüngen.

          Müßte nicht die Grundsicherung abgesenkt werden, damit das greift?

          Natürlich stiegen die Anreize, wenn man die Grundsicherung senkte. Doch man sollte den Menschen nicht unnötig weh tun. Wenn man die Grundsicherung senkt, dann wäre es wichtig, dementsprechend über das Steuersystem umzuverteilen. In Deutschland wird auch über die Sozialversicherungssysteme umverteilt. Das ist nicht effizient.

          Wieviel kosten die Beschäftigungsgutscheine den Staat?

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