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Demonstrationen und Streiks : 50.000 Textilarbeiter in Bangladesch verlangen mehr Lohn

Demonstration in Dhaka: Viele Textilwerker müssen 14 bis 16 Stunden an sieben Tagen in der Woche arbeiten, klagen Gewerkschafter. Bild: REUTERS

Das Land gilt nach China als zweitgrößter Exporteur von Kleidung – auch wegen der niedrigen Löhne. Jetzt gehen die Arbeiter auf die Straße.

          Textilarbeiter in Bangladesch wehren sich immer lauter gegen ihre Ausbeutung. Am Samstag gingen nach einem mehrtägigen Streik mehr als 50.000 auf die Straße, um in der Hauptstadt Dhaka für höhere Löhne zu demonstrieren. Sie blockierten Straßen und einige griffen Fabriken an. Sie fordern einen Mindestlohn von 8000 Taka (75,50 Euro) im Monat. Bangladesch gilt nach China als zweitgrößter Exporteur von Kleidung. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, es bleibt uns nichts, als laut zu werden. Wir werden nicht zögern, alles zu tun, um unsere Forderung umzusetzen“, sagte Nazma Akter, Präsidentin der Vereinigten Gewerkschaften der Textilarbeiter.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die mehr als 4500 Fabriken steuern rund 80 Prozent zum Gesamtexport des südasiatischen Landes bei. „Wir brauchen kein Gnadenbrot, wir sind es, die diese Volkswirtschaft vorantreiben“, sagte Akter. Getreu einem Abkommen zwischen Gewerkschaften, Regierung und Herstellern aus dem Jahr 2010 bekommt die Mehrheit der rund vier Millionen meist weiblichen Arbeiter in der Textilindustrie monatlich nur rund 28 Euro – einer der niedrigsten Arbeitslöhne der Welt für oft zehn bis zwölf Stunden Arbeit täglich, der auch für ein Leben in Bangladesch nicht reicht. Selbst ein Hersteller wie Hennes & Mauritz, der einen großen Teil seiner Billigkleidung von mehr als einer halben Million Arbeitern, die meisten von ihnen Frauen, in Lohnfertigung in Bangladesch herstellen lässt, plädierte schon für eine Verdoppelung des Mindestlohns.

          Hersteller hatten 20 Prozent Lohnerhöhung angeboten

          In Verhandlungen mit den Gewerkschaften seit Juni hatten die Hersteller allerdings nur eine Anhebung des Lohns um 20 Prozent angeboten. Sie begründeten dies mit der schwachen Weltwirtschaft. Die Gewerkschaften bezeichneten das Angebot als „unmenschlich und erniedrigend“. Firmen wie Adidas, Gap, Nike, Primark, Walmart, Tesco oder Olymp lassen in Bangladesch nähen und fürchten zunehmend um ihren Ruf. Die Löhne liegen im Durchschnitt nur bei etwa 60 Prozent derjenigen in der Textilfabrik der Welt, in China. „Viele Arbeiter sind gezwungen, 14 bis 16 Stunden an sieben Tagen die Woche zu arbeiten. Einige beenden ihre Schicht um 3 Uhr morgens und fangen um 7.30 wieder an. Darüber hinaus arbeiten sie unter unsicheren, eingeengten und gefährlichen Bedingungen, die oft zu Feuern in den Fabriken führen. Sexuelle Belästigung und Diskriminierung sind weit verbreitet, und viele Arbeiterinnen berichten, dass ihnen das Recht auf Mutterschaftszeit verwehrt werde“, kritisiert die britische Menschenrechtsorganisation War on Want.

          Im April vergangenen Jahres war der Arbeiterführer und Chef des Centre for Workers Solidarity, Aminul Islam, ermordet aufgefunden worden, den Körper von Folterspuren gezeichnet. Die Täter wurden nie verhaftet.

          Die fürchterlichen Bedingungen in Teilen der Textilfertigung in Bangladesch rückten ins Blickfeld, als im April ein Fabrikgebäude bei Dhaka einstürzte und mehr als 1100 Menschen unter sich begrub. Schon 2006 und 2010 hatten große Proteste zu vielen Toten und der Zerstörung von einigen Fabriken geführt. 2010 hatte Bangladesch den Mindestlohn verdoppelt. Nach dem Einsturz führte Bangladesch ein Arbeitsrecht ein, das den Textilwerkern erlaubt, Gewerkschaften zu gründen. Druck übt auch die Europäische Union aus, die drohte, der Textilindustrie in Bangladesch aufgrund ihrer unmenschlichen Arbeitsbedingungen den bevorzugten Marktzugang zu entziehen. Rund 60 Prozent des Bekleidungsexports aus Bangladesch geht nach Europa.

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