https://www.faz.net/-gqe-8o0sn

Wandel der Arbeitswelt : Wagt mehr Demokratie!

  • -Aktualisiert am

Robotisierung und Digitalisierung ist für viele ein furchteinflößendes Szenario. Bild: Reuters

Die Roboter kommen, die Arbeit verändert sich. Endlich bieten sich Chancen zur demokratischen Kontrolle der Wirtschaft. Ein Gastbeitrag.

          Bis zu 40 Prozent der derzeitigen Arbeitsplätze könnten in den nächsten Jahrzehnten von Robotern übernommen werden, heißt es. Es ist Zeit, sich Gedanken über die Arbeitswelt zu machen. Unser System der Arbeitsteilung entfremdet große Teile der Bevölkerung: nicht nur diejenigen, die als „überflüssig“ aussortiert werden, sondern auch viele derjenigen, die zwar Arbeit haben, aber innerlich längst gekündigt haben.

          Dabei sind durch die ausgefeilte Arbeitsteilung unserer Wirtschaft ungeheure Produktivitätssteigerungen möglich, die im Prinzip allen zugutekommen könnten. Arbeitsteilung muss nicht per se entfremdend wirken. Viel hängt jedoch davon ab, wie diese Arbeitsteilung organisiert wird.

          Konkurrierende Vorstellungen

          Die „Theorie der Firma“ führt eine Reihe von Argumenten dafür an, warum neben der Koordination durch Märkte auch „Hierarchien“, also die Integration in Unternehmen mit hierarchischen Befehlsketten, benötigt werden: das Einsparen von Transaktionskosten, das Verhindern von Schwarzfahrern oder die Koordination von Teams mit schwer messbaren Inputs.

          In der Arbeitswelt scheinen zwei Bilder miteinander in Konkurrenz zu stehen. Im ersten sind die einzelnen Individuen gefangen in einer großen Maschine. Sie geben die Kräfte, die auf sie einwirken, passiv an andere weiter. Mangels Handlungsspielraum tragen sie keine Verantwortung - die Verantwortung liegt immer eine Ebene höher, bei denjenigen, die die Maschine lenken, und vor allem bei denjenigen, die den institutionellen Rahmen setzen, innerhalb dessen die Maschine operiert.

          Arbeitsteilung könnte enorme Produktivitätssteigerung ermöglichen.

          Zur Lenkung der Maschine werden Informationen aus allen Teilen zusammengetragen, nach oben transportiert: dort werden Entscheidungen getroffen, und diese dann nach unten zurückgespielt. Zuckerbrot (Boni) und Peitsche (Entzug von Boni, ausbleibende Beförderung) sorgen dafür, dass die Einzelnen sich lautlos in die Maschine einfügen. Im zweiten Bild dagegen besteht die Arbeitswelt aus verantwortungsvollen Individuen, die nicht nur passiv auf Befehle oder Anreize von oben warten, sondern selbst aktiv sind. Sie vernetzen sich mit anderen, teilen Wissen und Informationen, verteilen Aufgaben unter sich. Sie gehen als mündige, verantwortungsvolle Bürgerinnen und Bürger zur Arbeit.

          Die heutige Arbeitswelt ist, aller humanistischen Rhetorik zum Trotz, stark vom ersten dieser Bilder geprägt - und je größer die Organisationen sind, umso eher scheint dies der Fall zu sein. Große Unternehmen oder öffentliche Organisationen sind intern oft schwerfällige Planwirtschaften. Dabei wird übersehen, wie viele Schwächen dieses Modell hat.

          Verantwortung der unteren Ebenen

          Wir leben in einer Welt, in der die Politik weitgehend nationalstaatlich funktioniert, die Wirtschaft aber längst globalisiert ist. Damit fehlt im System der nach oben delegierten Verantwortung die oberste Ebene. Hinzu kommt, dass Kontrollen von oben Kosten verursachen, besonders, wenn sie von denjenigen, die sie in die Praxis umsetzen sollen, unterlaufen werden. Das bedeutet nicht, dass Politik heutzutage völlig machtlos wäre - aber es wäre naiv, davon auszugehen, dass sie die Dinge so gut und so vollständig regeln kann, dass auf den unteren Ebenen keinerlei Verantwortung mehr läge.

          Ein zweites Problem ist, dass viele heutige Herausforderungen nicht nur Vorgaben von oben, sondern vor allem auch die Umstellung lokaler Praktiken, unter Zuhilfenahme lokalen Wissens, benötigt. Das trifft auch auf zwei der größten Herausforderungen unserer Zeit zu, den Umbau unserer Wirtschafts- und Arbeitswelt hin zu klimafreundlicheren Praktiken und die gerechtere Gestaltung der Weltwirtschaft, im Einklang mit unseren Vorstellungen von Menschenrechten und Menschenwürde.

          Die amerikanische Philosophin Judith Lichtenberg spricht von „new harms“: Formen der Schädigung, bei denen es nicht um böse Absichten und einfache Kausalzusammenhänge - die Faust von Person A im Gesicht von Person B - geht, sondern um scheinbar harmlose Tätigkeiten, die in der Summe erhebliche Schädigungen bewirken. Um derartige Schädigungen zu verhindern, ist ein ganzheitlicher Ansatz nötig, mit zahlreichen Formen der Verantwortungsübernahme.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fridays for Future : Merkel lobt Greta Thunberg

          Aktivisten hätten der Regierung geholfen, „entschlossener an die Sache heranzugehen“. Der Wald soll beim Klimaschutz künftig eine größere Rolle spielen.

          FAZ Plus Artikel: Waldsterben : Abschied von der Fichte

          Nur vom Wald noch denkt der Städter in romantischen Kategorien. Aber die deutschen Wälder werden bald anders aussehen, als wir es gewöhnt sind – vor allem die so wohlduftende Fichte ist in Gefahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.