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Demographie : Deutschland wird trotz Familienpolitik schrumpfen

Bild: F.A.Z.

Mehr Kitaplätze, Elterngeld - alles schön und gut, sagen Wissenschaftler. Doch die Entscheidung, ob eine Frau Kinder bekommt oder nicht, beeinflusst das ihrer Ansicht nach kaum.

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          Deutsche Familienpolitiker wissen, was Frauen dazu bringt, mehr Kinder in die Welt zu setzen: eine staatlich garantierte Kinderbetreuung vom Kleinkindalter an und ein hoher finanzieller Ausgleich für den Verdienstausfall, wenn sie nach der Geburt zu Hause bleiben. Das jedenfalls sind die Hauptinstrumente deutscher Familienpolitik. Doch werden sie helfen, die Zahl der Geburten spürbar zu erhöhen und die Gesellschaft vor der zunehmenden Vergreisung zu bewahren?

          Lisa Becker
          Redakteurin in der Wirtschaft
          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Der Blick in den niedersächsischen Landkreis Cloppenburg sollte vor allzu eindeutigen Rezepten warnen. Dort bekommt eine Frau durchschnittlich 1,7 Kinder - mehr als anderswo in Deutschland. Der Durchschnitt liegt bei 1,4 Kindern je Frau. An familienpolitischen Maßnahmen liegt die höchste deutsche Geburtenrate nicht. In dem vom Katholizismus geprägten Landkreis herrscht ein konservatives Familienmodell vor: Der Mann ist der Hauptverdiener, die Frau arbeitet - wenn überhaupt - in Teilzeit und kümmert sich um die Kinder. Öffentliche Betreuungsangebote stehen nur in geringem Maß zur Verfügung. Dagegen spielen familiäre, nachbarschaftliche und dörfliche Netzwerke eine große Rolle und schaffen offenbar ein Umfeld, in dem man gern Kinder in die Welt setzt.

          Etliche Bevölkerungswissenschaftler untersuchen staatenübergreifend, wovon die Zahl der Geburten abhängt. Ihre Erkenntnisse decken sich in gewisser Weise mit den Erfahrungen in Cloppenburg. Demnach spielen finanzielle Anreize und Betreuungsplätze eine untergeordnete Rolle, die gesellschaftliche Einstellung dagegen eine umso größere. So haben die Forscher des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung festgestellt, dass in Ländern, in denen relativ viele Frauen berufstätig sind und in denen es ein eher gleichberechtigtes Miteinander von Mann und Frau gibt, eine Frau mehr Kinder bekommt. Das führt zu vergleichsweise hohen Werten in den skandinavischen Ländern und zu relativ niedrigen in den südeuropäischen Staaten.

          Die deutsche Geburtenrate gehört zu den niedrigsten in Europa

          Für Deutschland ist dieser Zusammenhang jedoch nicht eindeutig. Hierzulande beteiligen sich die Frauen überdurchschnittlich stark am Erwerbsleben, und doch gehört die deutsche Geburtenrate zu den niedrigsten in Europa. Es gibt eine Zweiteilung: Relativ viele Frauen ohne Kinder arbeiten, relativ viele Frauen mit Kindern arbeiten nicht. Unter den Frauen, die keine Kinder haben - von denen es in Westdeutschland mit gut 20 Prozent besonders viele gibt - sind zahlreiche hochqualifizierte Frauen. Sie scheinen zugunsten ihrer beruflichen Entwicklung auf Nachwuchs zu verzichten.

          Vor allem diese Frauen wollen die Familienpolitiker mit mehr öffentlich subventionierter Krippenbetreuung und dem Elterngeld, das bis ein Jahr nach der Geburt fast 70 Prozent des Gehalts ersetzt, zum Gebären bewegen. Forscher bezweifeln jedoch, dass dies so einfach geht. Der Soziologe Christian Schmitt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sagt, das Problem sei nicht nur die fehlende Ganztagsbetreuung, sondern auch die Mentalität. "Frauen übernehmen in Deutschland traditionell viele Aufgaben des Sozialstaates", sagt Schmitt. Das aber wollten viele Frauen nicht. In Frankreich sei Familie dagegen lange Zeit als etwas Suspektes betrachtet, viele ihrer Aufgaben seien deshalb an den Staat ausgelagert worden. Daher gebe es dort so viele Betreuungseinrichtungen vom Babyalter an. "Eine gute Mutter bleibt zu Hause, eine schlechte Mutter lässt ihr Kind von Fremden betreuen - in Deutschland ist dieses Bild in den Köpfen noch stark verankert", sagt der Wissenschaftler. Seine Überlegung: Wer das Gefühl habe, sich zwischen Beruf und Kindern entscheiden zu müssen, entscheide sich häufig gegen Kinder. Bis sich das nachhaltig verändere, würden noch mindestens zehn Jahre vergehen.

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