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Degrowth-Bewegung : Wachstum im Schneckentempo ist in

Schnecken aller Welt vereinigt euch!, heißt das neue wachstumskritische Manifest. Bild: AFP

Ob TTIP-Gegner oder Romantiker: Degrowth ist im Trend. Die Protestbewegung eint Wachstumskritiker aller Länder. Der Fortschritt hat kaum noch Freunde. Wie konnte das passieren?

          Die Wachstumskritiker machen mobil. „Wachstum ist der Krebs der Wirtschaft“, hat Marianne Grimmenstein-Balas vergangene Woche in dieser Zeitung behauptet: „Wenn wir alle nur an Profit denken, werden wir alle geschädigt.“

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im Hauptberuf war Grimmenstein-Balas Flötenlehrerin in Lüdenscheid. Ihre Leidenschaft aber gilt dem Kampf gegen Ceta und TTIP, die umstrittenen Freihandelsabkommen mit Kanada und den Vereinigten Staaten. Dass sie fast 70000 Unterschriften für eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht hinter sich gebracht hat, macht sie stolz. Dass sie sich am vergangenen Donnerstag in Karlsruhe erst einmal eine Abfuhr geholt hat, wird ihren Kampfgeist nur noch anstacheln: „Freihandel nein, Demokratie ja.“

          Vor Wachstum wird gewarnt

          Der Kampf gegen das Wirtschaftswachstum steht im Zentrum des Protests der TTIP- und Ceta-Gegner. Das mag der tiefere Grund dafür sein, warum die Kritik an einem sehr technischen und komplexen Handelsabkommen gerade in Deutschland so viele glühende Sympathisanten findet - so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt, sieht man einmal von den hundertfünfzigprozentigen Österreichern ab.

          Wenn die Befürworter von Ceta nach dem Karlsruher Urteil jetzt jubeln, das Handelsabkommen werde das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 0,19 Prozent steigern, bestätigt das die Kritiker nur: Umso schlimmer, finden sie. Vor Wachstum wird gewarnt.

          Begrenztes Wachstum

          In Sachen Wachstumskritik macht uns Deutschen niemand so schnell etwas vor. Seit der „Club of Rome“ im Jahr 1972 seine wirkmächtigen „Grenzen des Wachstums“ veröffentlich hat, macht sich in der Bevölkerung ein weitverbreitetes Gefühl der Schuld für menschlichen Übermut und der Sorge vor der Zukunft breit.

          „Wir haben nur diesen einen Planeten“, wird Wachstumskritiker Meinhard Miegel seit Jahren nicht müde zu betonen. Was er damit meint: Endliche Ressourcen und grenzenloses Wachstum vertragen sich nicht, es sei denn, wir wollten aktiv unseren Untergang betreiben. „Danke, wir verzichten!“, heißt der Mahnruf, den längst nicht nur Konservative, sondern auch Linke und erst recht natürlich Grüne zur Hand haben, ist die Öko-Partei doch das inzwischen erwachsene Kind des „Club of Rome“.

          Zahlreiche Wachstumsgegner

          Die „Dominanz des grünen Paradigmas“ (Giovanni di Lorenzo) hat die Wachstumskritik in den tonangebenden Kreisen inzwischen zur Selbstverständlichkeit werden lassen, salonfähig in der Mitte der Gesellschaft und zugleich Teil einer millionenschweren Nachhaltigkeitsindustrie. Eine aufwendige, sogenannte Enquetekommission des Deutschen Bundestags wollte unter dem Titel „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ schon vor drei Jahren dem Bruttoinlandsprodukt den Todesstoß versetzen („Macht uns das BIP etwa glücklich?“).

          Ein mit Millionen aus dem Bundesbildungsministerium für den CDU-Wachstumskritiker und ehemaligen Umweltminister Klaus Töpfer eingerichtetes „Institute for Advanced Sustainability Studies“ (IASS) in Potsdam fördert Studien gegen das dominante „Wachstumsparadigma“ und Interventionen „wider den Wachstumswunschpunsch“. Dass man sich dort mit den gleich um die Ecke residierenden Wissenschaftlern des „Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung“ um Hans Joachim Schellnhuber in arbeitsteiliger Freundschaft bestens versteht, verwundert nicht.

          Wer an alldem etwas aussetzt, den trifft die Moralkeule. Er muss damit leben, dass er Mitschuld trägt am Abschmelzen der Polkappen, an der Überfischung der Meere, am Schwund der Tier- und Pflanzenarten, am Rückgang von Permafrost und an der beschleunigungsbedingten Zunahme von Stress, Burnout und Depression in unserer atemlosen Gesellschaft. Der Kritiker der Wachstumskritiker steht am Ende da als Schwein des Anthropozäns, jener bösen Epoche der Weltgeschichte, in welcher der Mensch die Grundlagen seiner Existenz im Wachstumswahn zerstörten wollte.

          Selbst die Grünen sind nicht gut genug

          Weltweit formiert sich inzwischen die „Degrowth-Bewegung“, die für Wachstumsrücknahme, Postwachstum oder aktive Schrumpfung wirbt und sich anschickt, die etwas angestaubte kapitalismuskritische Attac-Bewegung abzulösen (www.degrowth.org). Unter dem nicht unlustigen Motto „Schnecken aller Länder, vereinigt euch!“ hat sich diese Degrowth-Community vor wenigen Wochen zu Tausenden in Budapest versammelt. „Zurück zu Maß und Mitte“, heißt ihr Wende-Ruf: Teilen und verzichten solle, wer nachhaltig leben wolle.

          Für die Hardcore-Fraktion der Degrowth-Community ist selbst das „grüne“ oder „qualitative“ Wachstum, das die grüne Bewegung propagiert, von Übel, weil immer noch dem verhassten Wachstumsparadigma verhaftet. Tatsächlich verspottet eine von Windparks und Solarzellen verschandelte Landschaft das romantische Ideal der Ökos.

          Wer es mit der Konsumkritik ernst meint, muss dann eben auf alles verzichten, darf dafür schwelgen im Zustand der Unabhängigkeit von materiellen Gütern und sich den amerikanischen Romantiker Henry David Thoreau (1817 bis 1862) zum Vorbild nehmen: „Ein Mensch ist reich in Proportion zu den Dingen, die sein zu lassen er sich leisten kann.“

          Die Verschwendung sein lassen

          Auf das romantische folgt unter dem Titel „Rebound-Effekt“ auch noch ein ökonomisches Argument der Degrowth-Fraktion gegen das „grüne Wachstum“: Der grüne Wachstumserfolg habe politisch und moralisch unerwünschte Folgen. Zwar hat das Öko-Bewusstsein Autos auf den Markt gebracht, die viel weniger Sprit verbrauchen, aber dafür gönnen wir uns immer dickere Autos (SUVs). Zwar dämmen wir unsere Häuser dicht, um weniger heizen müssen, beanspruchen aber zugleich immer mehr Wohnfläche, was im Saldo den Energieverbrauch steigert.

          Wenn ökologische Effizienzerfolge zu neuer Verschwendung verführen, sollten wir es lieber ganz lassen, lautet die Konsequenz. So schlagen die radikalen Wachstumskritiker die Freunde des grünen Wachstums, von denen sie abstammen, mit ihren eigenen Waffen.

          Frauen sollen weniger Kinder bekommen

          Man kann der Degrowth-Community nicht vorwerfen, sie übten sich nur in allgemeinen Solidaritätsbekundungen mit den Entrechteten der Welt und würden nicht einigermaßen konkret: Festlegen will man nicht nur ein Mindesteinkommen, sondern auch eine Obergrenze des erlaubten Verdienstes. Breite Einigkeit besteht darin, dass das BIP als Indikator wirtschaftlichen Fortschritts ausgedient habe.

          In seinem jüngsten Bericht vom September 2016 fordert der „Club of Rome“ – den gibt es immer noch – die Frauen auf, weniger Kinder auf die Welt zu bringen. Denn wie einst der britische Ökonom Thomas Malthus (1766 bis 1834) fürchtet der Club, zu viele Menschen betrieben Raubbau an unserem Planeten. Hier berühren sich Neo-Malthusianismus und Neo-Maoismus.

          Wachstum als geeignetes Wohlstandsmaß

          „Wir können auch ohne Wachstum prosperieren“, heißt das trotzige Bekenntnis der Degrowther. Wirklich? Den Beweis dafür sind sie bislang schuldig geblieben. Der Gegenbeweis lässt sich hingegen führen.

          Gewiss, das Bruttoinlandsprodukt ist kein Allheilmittel. Es sagt nichts darüber aus, wie glücklich und zufrieden die Menschen eines Landes sind. Es weiß nichts davon, wie ungleich der vom Wachstum generierte Wohlstand verteilt ist. Und es ist auch dann positiv, wenn eine Gesellschaft sein Wachstum dadurch mehrt, dass es die Luft verschmutzt und das Wasser versaut.

          Doch dass „Wachstum über alles“ der von Ökonomen angebetete oberste Götze sei, entspricht weniger der Realität als der Propaganda der Wachstumsfeinde. So lässt sich listig ignorieren, dass das BIP trotz aller Kritik bis heute das geeignetste Maß für den Wohlstand einer Nation und ihrer Menschen ist. Wachstum hat eben doch etwas mit besserem Leben zu tun: Die Lebenserwartung korreliert mit wachsendem BIP pro Kopf. Länder mit höherem Nationaleinkommen können sich bessere Schulen leisten und ein ausgebautes Gesundheitssystem.

          Weltweiter Reichtum als gigantischer Erfolg

          Bis heute benutzen die Wachstumskritiker einen mechanistisch und materialistisch eng geführten Begriff des Wachstums: alles, was pufft und stinkt. Wenn Menschen heutzutage aus Sand am Strand von San Francisco Chips für ihr iPhone fertigen, gebiert das auch Wachstum, ohne Schlote und Hochofen. Apple und Google sind inzwischen die wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt. Womöglich muss man sich auch darum einige Sorgen machen – aber das sind dann nicht die Sorgen der Wachstumskritiker. Denn da pufft und stinkt gar nichts.

          Dass die Welt heute so reich ist wie nie zuvor, ist ein gigantischer Wachstumserfolg. Aus wissenschaftlicher Neugierde wurde nützliches Wissen, das in Erfindungen umgesetzt wurde, die von mutigen Unternehmern auf den Markt gebracht werden, denen risikofreudige Finanziers und Bankiers Geld gaben.

          Seit dem Beginn der industriellen Revolution nach 1800 stieg das Pro-Kopf-BIP der Menschen in der Welt von 500 auf 8000 Dollar. Während es um 1800 nur eine schmalen Kaste von Reichen gutging, gibt es heute in vielen Ländern massenhaft wohlhabende Mittelschichten. Dass seit den achtziger Jahren in China mehr als 600 Millionen Menschen der Armut entkamen, ist eine Frucht des Wachstums.

          Degrowth-Bewegung setzt Fortschritt aufs Spiel

          Wäre die Degrowth-Bewegung schon um 1800 erfolgreich gewesen, würden die meisten Deutschen heute in Holzhütten hausen. Weil aber der Fortschritt keine Schnecke ist - nicht zuletzt dank der sozialdemokratischen Bewegung - haben sich die Lebensverhältnisse rasch und dramatisch gebessert. Jetzt steht dieser Erfolg auf dem Spiel, sollten die Wachstums- und TTIP-Kritiker noch mehr Gefolgschaft bekommen.

          Ganz Europa macht mobil: Protest gegen Ceta in Warschau

          Das Ressentiment gegen die Globalisierung nimmt zu. Die Feindschaft wider eine offene, kosmopolitische, urbane Gesellschaft auch. Wachstumkritiker finden sich allüberall unter den Links- wie Rechtspopulisten – und im grünen Juste Milieu ohnehin. Es ist eine Ironie unserer Zeit, dass die nicht nur von linken Ökonomen beklagte „säkulare Stagnation“ mickrigen Wachstums den Wachstumsfeinden gelegen kommt.

          Kampf gegen die menschliche Natur

          „Hört auf rumzuheulen“, schreibt der schwedische Kapitalismusverteidiger Johan Norberg in seinem gerade erschienenen Lob des Fortschritts („Progress. Ten reasons to look forward to the future“). Wachstumskritik ist ein Luxusphänomen, man muss sie sich leisten können, meint der greise Philosoph Hermann Lübbe bissig: Sie ist eine Dekadenzfolge unseres durch Wachstum zustande gekommenen Reichtums.

          Die Wachstumskritiker kennen die Argumente ihrer Kritiker. Sonderlich beeindruckt haben die sie bislang nicht. Die Anti-TTIP-Front wächst. Kommt Ceta und TTIP nicht, wird das Wachstum kosten, auch wenn sich das nicht bis auf die Nachkommastellen im Voraus berechnen lässt.

          Der Moralismus der Degrowth-Community fühlt sich gut an. Doch ihr Rigorismus des Verzichts kämpft gegen die eigene menschliche Natur als ihren Feind. Schon der Verzicht aufs iPhone wird hart. Selbst für einen eingefleischten Wachstumskritiker.

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