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Degrowth-Bewegung : Wachstum im Schneckentempo ist in

Doch dass „Wachstum über alles“ der von Ökonomen angebetete oberste Götze sei, entspricht weniger der Realität als der Propaganda der Wachstumsfeinde. So lässt sich listig ignorieren, dass das BIP trotz aller Kritik bis heute das geeignetste Maß für den Wohlstand einer Nation und ihrer Menschen ist. Wachstum hat eben doch etwas mit besserem Leben zu tun: Die Lebenserwartung korreliert mit wachsendem BIP pro Kopf. Länder mit höherem Nationaleinkommen können sich bessere Schulen leisten und ein ausgebautes Gesundheitssystem.

Weltweiter Reichtum als gigantischer Erfolg

Bis heute benutzen die Wachstumskritiker einen mechanistisch und materialistisch eng geführten Begriff des Wachstums: alles, was pufft und stinkt. Wenn Menschen heutzutage aus Sand am Strand von San Francisco Chips für ihr iPhone fertigen, gebiert das auch Wachstum, ohne Schlote und Hochofen. Apple und Google sind inzwischen die wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt. Womöglich muss man sich auch darum einige Sorgen machen – aber das sind dann nicht die Sorgen der Wachstumskritiker. Denn da pufft und stinkt gar nichts.

Dass die Welt heute so reich ist wie nie zuvor, ist ein gigantischer Wachstumserfolg. Aus wissenschaftlicher Neugierde wurde nützliches Wissen, das in Erfindungen umgesetzt wurde, die von mutigen Unternehmern auf den Markt gebracht werden, denen risikofreudige Finanziers und Bankiers Geld gaben.

Seit dem Beginn der industriellen Revolution nach 1800 stieg das Pro-Kopf-BIP der Menschen in der Welt von 500 auf 8000 Dollar. Während es um 1800 nur eine schmalen Kaste von Reichen gutging, gibt es heute in vielen Ländern massenhaft wohlhabende Mittelschichten. Dass seit den achtziger Jahren in China mehr als 600 Millionen Menschen der Armut entkamen, ist eine Frucht des Wachstums.

Degrowth-Bewegung setzt Fortschritt aufs Spiel

Wäre die Degrowth-Bewegung schon um 1800 erfolgreich gewesen, würden die meisten Deutschen heute in Holzhütten hausen. Weil aber der Fortschritt keine Schnecke ist - nicht zuletzt dank der sozialdemokratischen Bewegung - haben sich die Lebensverhältnisse rasch und dramatisch gebessert. Jetzt steht dieser Erfolg auf dem Spiel, sollten die Wachstums- und TTIP-Kritiker noch mehr Gefolgschaft bekommen.

Ganz Europa macht mobil: Protest gegen Ceta in Warschau

Das Ressentiment gegen die Globalisierung nimmt zu. Die Feindschaft wider eine offene, kosmopolitische, urbane Gesellschaft auch. Wachstumkritiker finden sich allüberall unter den Links- wie Rechtspopulisten – und im grünen Juste Milieu ohnehin. Es ist eine Ironie unserer Zeit, dass die nicht nur von linken Ökonomen beklagte „säkulare Stagnation“ mickrigen Wachstums den Wachstumsfeinden gelegen kommt.

Kampf gegen die menschliche Natur

„Hört auf rumzuheulen“, schreibt der schwedische Kapitalismusverteidiger Johan Norberg in seinem gerade erschienenen Lob des Fortschritts („Progress. Ten reasons to look forward to the future“). Wachstumskritik ist ein Luxusphänomen, man muss sie sich leisten können, meint der greise Philosoph Hermann Lübbe bissig: Sie ist eine Dekadenzfolge unseres durch Wachstum zustande gekommenen Reichtums.

Die Wachstumskritiker kennen die Argumente ihrer Kritiker. Sonderlich beeindruckt haben die sie bislang nicht. Die Anti-TTIP-Front wächst. Kommt Ceta und TTIP nicht, wird das Wachstum kosten, auch wenn sich das nicht bis auf die Nachkommastellen im Voraus berechnen lässt.

Der Moralismus der Degrowth-Community fühlt sich gut an. Doch ihr Rigorismus des Verzichts kämpft gegen die eigene menschliche Natur als ihren Feind. Schon der Verzicht aufs iPhone wird hart. Selbst für einen eingefleischten Wachstumskritiker.

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