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Degrowth-Bewegung : Wachstum im Schneckentempo ist in

Selbst die Grünen sind nicht gut genug

Weltweit formiert sich inzwischen die „Degrowth-Bewegung“, die für Wachstumsrücknahme, Postwachstum oder aktive Schrumpfung wirbt und sich anschickt, die etwas angestaubte kapitalismuskritische Attac-Bewegung abzulösen (www.degrowth.org). Unter dem nicht unlustigen Motto „Schnecken aller Länder, vereinigt euch!“ hat sich diese Degrowth-Community vor wenigen Wochen zu Tausenden in Budapest versammelt. „Zurück zu Maß und Mitte“, heißt ihr Wende-Ruf: Teilen und verzichten solle, wer nachhaltig leben wolle.

Für die Hardcore-Fraktion der Degrowth-Community ist selbst das „grüne“ oder „qualitative“ Wachstum, das die grüne Bewegung propagiert, von Übel, weil immer noch dem verhassten Wachstumsparadigma verhaftet. Tatsächlich verspottet eine von Windparks und Solarzellen verschandelte Landschaft das romantische Ideal der Ökos.

Wer es mit der Konsumkritik ernst meint, muss dann eben auf alles verzichten, darf dafür schwelgen im Zustand der Unabhängigkeit von materiellen Gütern und sich den amerikanischen Romantiker Henry David Thoreau (1817 bis 1862) zum Vorbild nehmen: „Ein Mensch ist reich in Proportion zu den Dingen, die sein zu lassen er sich leisten kann.“

Die Verschwendung sein lassen

Auf das romantische folgt unter dem Titel „Rebound-Effekt“ auch noch ein ökonomisches Argument der Degrowth-Fraktion gegen das „grüne Wachstum“: Der grüne Wachstumserfolg habe politisch und moralisch unerwünschte Folgen. Zwar hat das Öko-Bewusstsein Autos auf den Markt gebracht, die viel weniger Sprit verbrauchen, aber dafür gönnen wir uns immer dickere Autos (SUVs). Zwar dämmen wir unsere Häuser dicht, um weniger heizen müssen, beanspruchen aber zugleich immer mehr Wohnfläche, was im Saldo den Energieverbrauch steigert.

Wenn ökologische Effizienzerfolge zu neuer Verschwendung verführen, sollten wir es lieber ganz lassen, lautet die Konsequenz. So schlagen die radikalen Wachstumskritiker die Freunde des grünen Wachstums, von denen sie abstammen, mit ihren eigenen Waffen.

Frauen sollen weniger Kinder bekommen

Man kann der Degrowth-Community nicht vorwerfen, sie übten sich nur in allgemeinen Solidaritätsbekundungen mit den Entrechteten der Welt und würden nicht einigermaßen konkret: Festlegen will man nicht nur ein Mindesteinkommen, sondern auch eine Obergrenze des erlaubten Verdienstes. Breite Einigkeit besteht darin, dass das BIP als Indikator wirtschaftlichen Fortschritts ausgedient habe.

In seinem jüngsten Bericht vom September 2016 fordert der „Club of Rome“ – den gibt es immer noch – die Frauen auf, weniger Kinder auf die Welt zu bringen. Denn wie einst der britische Ökonom Thomas Malthus (1766 bis 1834) fürchtet der Club, zu viele Menschen betrieben Raubbau an unserem Planeten. Hier berühren sich Neo-Malthusianismus und Neo-Maoismus.

Wachstum als geeignetes Wohlstandsmaß

„Wir können auch ohne Wachstum prosperieren“, heißt das trotzige Bekenntnis der Degrowther. Wirklich? Den Beweis dafür sind sie bislang schuldig geblieben. Der Gegenbeweis lässt sich hingegen führen.

Gewiss, das Bruttoinlandsprodukt ist kein Allheilmittel. Es sagt nichts darüber aus, wie glücklich und zufrieden die Menschen eines Landes sind. Es weiß nichts davon, wie ungleich der vom Wachstum generierte Wohlstand verteilt ist. Und es ist auch dann positiv, wenn eine Gesellschaft sein Wachstum dadurch mehrt, dass es die Luft verschmutzt und das Wasser versaut.

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